Ein Lehrer steht im Untericht vor einer Tafel.
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Neue Wahlfreiheit Mehr Eltern in Sachsen ignorieren Bildungsempfehlung

In Sachsen haben Eltern und Schüler seit gut einem Jahr mehr Wahlfreiheit nach der vierten Klasse. Neue Zahlen belegen, dass sie diese Freiheit auch nutzen - aber teils anders als gedacht. Der befürchtete Ansturm auf Gymnasien blieb aus. Und Oberschulen profitierten.

Ein Lehrer steht im Untericht vor einer Tafel.
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Immer mehr Eltern in Sachsen entscheiden sich, ihr Kind an einem Gymnasium anzumelden - auch dann, wenn die Kinder eine Bildungsempfehlung für die Oberschule haben. Das geht aus der Antwort von Kultusminister Christian Piwarz auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Landtagsabgeordneten Petra Zais hervor. Im kommenden Schuljahr betrifft dies demnach mit knapp 1.500 Kindern fast 12 Prozent der künftigen Gymnasiasten. In Leipzig erfolgte an vielen Gymnasien sogar fast jede fünfte Anmeldung ohne entsprechende Bildungsempfehlung.

Nachtrag vom 22. Mai 2018 Das sächsische Kultusministerium hat seine Zahlen mittlerweile korrigiert. Danach liegt die Gesamtzahl der Schüler, die sich ohne Bildungsempfehlung an Gymnasien angemeldet haben, bei 1.153 statt 1.469. Der prozentuale Anteil sinkt damit sachsenweit von 11,8 auf 9,1 Prozent. Laut Ministerium sind die fehlerhaften Zahlen auf einen Rechenfehler zurückzuführen.

Großer Unterschied zwischen Stadt und Land

Unabhängig davon steigt der Anteil der Grundschüler, die den höheren Bildungsweg einschlagen, in Sachsen seit Jahren an. Vor allem die Unterschiede zwischen Land und Stadt sind demnach enorm. In Leipzig wurden 58,8 Prozent der Schüler an einem Gymnasium angemeldet, in Dresden waren es 56,5 Prozent. Dagegen lagen die Anmeldezahlen für die Gymnasien im Erzgebirgskreis bei 32,6 Prozent, im Landkreis Görlitz bei 35,6 Prozent.

Das massiv ausgedünnte Schulnetz im ländlichen Raum in Sachsen beschneidet nach Ansicht der Grünen das Wahlrecht der Eltern. Das Schulangebot vor Ort habe darauf einen maßgeblichen Einfluss, betonte Zais.

Petra Zais
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Lange Wege sind kein gutes Argument bei der Wahl der weiterführenden Schule, gerade, wenn es um zehnjährige Kinder geht.

Petra Zaiss, Landtagsabgeordnete der Grünen

Ingesamt wechseln nach den Zahlen des Kultusministeriums zum neuen Schuljahr mehr als 28.000 Schüler an eine weiterführende Schule. Knapp 16.000 haben sich an einer Oberschule angemeldet, mehr als 12.000 an einem Gymnasium.

Friedel: "Oberschule im Aufwind"

Die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag, Sabine Friedel, bewertet die Anmeldezahlen des Kultusministeriums dagegen anders. Sie verweist darauf, dass sich auch etwa 1.200 Viertklässler trotz einer Bildungsempfehlung für das Gymnasium für eine Oberschule entschieden.

Sabine Friedel, SPD-Abgeordnete im Sächsischen Landtag.
Bildrechte: SPD-Fraktion im Sächsischen Landtag/Julian Hoffmann

Dass ebenso viele Schüler mit Gymnasialempfehlung lieber auf eine Oberschule gehen, wie Schüler mit Oberschulempfehlung am Gymnasium angemeldet werden, ist erfreulich.

Sabine Friedel, Landtagsfraktion der SPD

Die Gründe für diese Entwicklung sind laut Friedel vielfältig. Die Wohnortnähe spiele oft eine Rolle, aber auch die kleineren Klassenstärken der Oberschulen auf dem Land. Dazu kämen eine intensive Berufsorientierung an den Oberschulen, Schulsozialarbeit, besondere Profile, und die Möglichkeit, das Abitur im Anschluss an den Realschulabschluss an einem Beruflichen Gymnasium erwerben zu können.

Friedel sieht die Oberschule deshalb auch durch mehr Wahlfreiheit bei der Bildungsempfehlung gestärkt.

Bildungsagentur: Entwicklung nicht bedrohlich

Auch bei der Sächsischen Bildungsagentur in Chemnitz wird die Entwicklung beobachtet. Sprecher Roman Schulz sieht einerseits seit Jahren einen steigenden Trend zum Gymnasium, vor allem in den Großstädten. Diese Verschiebung schaffe auch jetzt schon Probleme, sagte Schulz MDR SACHSEN. So seien etwa in Leipzig die Gymnasien teilweise so voll, dass es bei "Wiederholern" schwierig werde, einen Platz in der Klassenstufe darunter zu finden. Mit der Wahlfreiheit bei der Bildungsempfehlung hänge dies aber nicht nur zusammen.

Anderseits plädiert Schulz vehement für die Stärken der Oberschulen. Sie würden in der Gesellschaft zu wenig wahrgenommen. Man dürfe das "Heil nicht in einer Akademisierung sehen", so Schulz.

Die neue Bildungsempfehlung Die neue Bildungsempfehlung gilt seit vergangenem Schuljahr. Sie gibt Eltern mehr Mitspracherecht bei der Entscheidung über den weiteren Bildungsweg ihrer Kinder nach der Grundschule. Bisher war ein Notendurchschnitt von mindestens 2,0 in Deutsch, Mathematik und Sachunterricht Voraussetzung für eine Gymnasialempfehlung. Die Bildungsempfehlung bleibt zwar bestehen, allerdings haben nun die Eltern das letzte Wort. Auch wenn ihre Kinder eine Empfehlung für die Oberschule erhalten, können sie aufs Gymnasium. Voraussetzung dafür ist aber ein Beratungsgespräch und ein Leistungstest.

Quelle: MDR/kb

Diese Thema auch im Programm bei MDR SACHSEN: MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 16.05.2018 | 8:00 Uhr in den Nachrichten

Zuletzt aktualisiert: 22. Mai 2018, 12:18 Uhr