Zwei angebundene Pferde
Bildrechte: Uwe Walter

20.04.2019 | 18:00 Uhr Schönheitskur für Pferde in Ostritz für das Saatreiten

In der Oberlausitz scheinen in diesen Tagen ganze Familien vom Putzfimmel befallen zu sein. Im Fokus stehen die Pferde, auf die sogar Friseur und Nagelpflege warten. Die Vorbereitungen für das Ostersaatreiten am Sonntag laufen. Auf den Höfen rund um Ostritz ist jede helfende Hand gefragt.

Zwei angebundene Pferde
Bildrechte: Uwe Walter

Das Frühstück ist vorbei und bei Familie Prechel in Ostritz flitzt die ältere Tochter auf die Weide. Nikolai holt zwei Pferde zum Putzen auf den Reiterhof. Am Ostersonntag sollen die beiden Fahr- und Reitpferde Eckard und Aragon beim Saatreiten dabeisein. Zum 31. Mal ist Ronny Prechel als Saatreiter dabei, sein Nachbar Michael Deckwart wird ihn zum vierten Mal begleiten.

Putzen, putzen und nochmals putzen

Auf die Familie wartet am Karsamstag jede Menge Arbeit. Die Pferde müssen für das Saatreiten hübsch gemacht werden. "Sie haben sich draußen gewälzt", flucht Ronny während er beginnt, das Fell zu striegeln. Staubwolken wie beim Teppichklopfen steigen aus dem Fell auf. Immer wieder saust der Zackenstriegel über das Fell. Unterdessen beginnt Nachbar Michael Deckwart mit der Kontrolle der Hufe. Zwar hat der Hufschmied seine Arbeit schon vor einigen Tagen absolviert, aber ein Kiesel kann sich immer festsetzen. Wenig später steht auch Michael Deckwart in einer Staubwolke und zieht die Nase kraus. Seine vierjährige Tochter wollte beim Putzen helfen, aber dann wird es ihr zu gefährlich. Die Vierbeiner sind einfach zu groß. Weinend saust sie zu Nikolai. Das Mädchen hat inzwischen das Schmuck-Zaumzeug für die Wallache herausgesucht.

Oft über Jahrzehnte vererbt

Ronny Prechel kontrolliert das Zaumzeug auf Vollständigkeit. Zur Probe wird es angelegt. Danach ist wieder putzen angesagt. Beim Saatreiten wird den Pferden vielfach ein besonderes Zaumzeug angelegt, welches von Generation zu Generation weitervererbt wird. Stolz präsentiert der Saatreiter auf der Kandare die Jahreszahl 1927. Oft ist das Zaumzeug mit Schmuckelementen aus Silber verziert. Das Metall soll in der Prozession am Sonntag in der Sonne blitzen, das Leder muss geölt und poliert werden.

Die Schmuck-Trense stammt aus dem Jahr 1927
Das Zaumzeug vererben die Saatreiter von Generation zu Generation. Diese Trense stammt aus dem Jahr 1927. Bildrechte: Uwe Walter

Was ist beim Saatreiten anders als beim Osterreiten? Beim Saatreiten in Ostritz werden die Felder gesegnet. Dagegen tragen die sorbischen Osterreiter in der Bautzener Region die frohe Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi von Dorf zu Dorf. Als Bittprozession zu Pferde wurde in Ostritz und auch in den benachbarten schlesischen Gemeinden das Saatreiten von den freien Bauern getragen. Es geht wahrscheinlich auf fränkische Siedler zurück, die im 13. Jahrhundert an die Neiße kamen.

Eine Frisur für Pferde

Was nützt ein schönes Zaumzeug, wenn der Vierbeiner nicht glänzt: Die Pferde tragen vielfach noch einen Teil ihres dicken Winterpelzes. Sorgsam wird der Schweif ausgelesen. Die dicken Pferdehaare werden praktisch einzeln entfitzt und dann auf gleiche Länge geschnitten. Bei der Mähne greift der "Chef" zur Schere und kürzt das zu lang gewordene Haar.

Mann verschneidet die Mähne
Ronny Prechel trimmt die Mähne seiner Vierbeiner für das Ostersaatreiten. Bildrechte: Uwe Walter

Eingespieltes Team beim Saatreiten

Am Nachmittag werden die beiden Wallache noch einmal im Gelände bewegt. Einerseits dient es dem Training, aber anderseits sollen sie auch ein wenig müde geritten werden. Dann sind die Warmblüter am Ostersonntag beim Saatreiten nicht so "feurig". "Gefährlich sind Eckard und Aragon ohnehin nicht, denn die Pferde sind eingefahren, laufen meist an der Kutsche", sagt Ronny Prechel und streicht den elfährigen Eckard über die Kruppe. Gemeinsam mit dem siebenjährigen Aragon sind sie schon seit Jahren beim Saatreiten ein eingespieltes Team in der Prozession.

Waschtag am Abend

Bis zum Abend ist in Ostritz "Großreinemachen" angesagt. Auch Gartenschlauch, Shampoo und Wurzelbürste kommen zum Einsatz. Die Pferde werden gewaschen, bis kein Dreck mehr das Wasser färbt. Anschließend wird das Fell abgezogen, bis es trocken ist. Reste vom Winterfell fallen anschließend der elektrischen Schermaschine zum Opfer. Was für die Saatreiter und ihre Familien harte Arbeit ist, genießen die meisten Vierbeiner. Ihnen tut es wohl, so versorgt zu werden.

Harter Job für harte Männer

Die Männer genießen gegen 18 Uhr noch ein Bier, doch es ist noch kein Feierabendbier. Während sie ihre staubigen Kehlen befeuchten, absolvieren sie einen Job, der nur ihnen vorbehalten ist: Stiefelputzen! Die Reitstiefel müssen so lange gewichst werden, bis sich in ihnen die Sonne spiegelt. "Das ist die härteste und wichtigste Arbeit eines Saatreiters", lacht Ronny Prechel. Der Ostritzer freut sich übrigens schon jetzt auf ein besonderes Jubiläum. In neun Jahren will er zum 40. Mal als Saatreiter unterwegs sein. Das Saatreiten in Ostritz feiert dann das 400-jährige Jubiläum. Es wurde 1628 zum ersten Mal erwähnt - auf einer Bier-Rechnung.

Bildergalerie Putzen für das Saatreiten in Ostritz

Reiterhof in Ostritz
Noch tummeln sich die Pferde auf der Weide vor dem Reiterhof in Ostritz. Bildrechte: Uwe Walter
Reiterhof in Ostritz
Noch tummeln sich die Pferde auf der Weide vor dem Reiterhof in Ostritz. Bildrechte: Uwe Walter
Mädchen führt zwei Pferde von der Koppel
Nach dem Frühstück werden die Pferde von der Koppel geholt. Am Samstag vor dem Saatreiten ist Putztag. Bildrechte: Uwe Walter
Reiterhof mit Waschpaltz und zwei Pferden
Auf dem Waschplatz werden die beiden Pferde "fein" fürs Saatreiten gemacht. Bildrechte: Uwe Walter
Mann beim putzen eines Pferdes
Das ist noch viel Staub im Fell. Der muss raus! Bildrechte: Uwe Walter
Mann putz die Beine eines Pferdes
Die Beine werden geputzt. Anschließend werden die Hufe gefettet, damit sie schön glänzen. Bildrechte: Uwe Walter
Mann verschneidet die Mähne
Auch Pferde müssen vor dem Saatreiten zum Friseur! Bildrechte: Uwe Walter
Zwei angebundene Pferde
Die beiden Wallache genießen die Pflege und die Zuwendungen. Bildrechte: Uwe Walter
Männer bereiten Trensen vor
Die Trensen werden auf Vollständigkeit kontrolliert und dann zu Probe angelegt. Bildrechte: Uwe Walter
Familie beim Putzen von Trensen
Die ganze Familie ist mit Putzen des Zaumzeugs beschäftigt. Bildrechte: Uwe Walter
Das Schmuckgeschirr blitzt in der Sonne
Der ganze Stolz eines Saatreiters: Wertvolles Zaumzeug für den besonderen Anlass! Bildrechte: Uwe Walter
Schwalbe im Stall
Die Schwalbe schaut gelassen auf das Gewusel in Stall und Hof. Bildrechte: Uwe Walter
Gehrock und Zylinder in einer Stallgasse
Der Gehrock und der Zylinder hängen bereits in der Stallgasse. Bildrechte: Uwe Walter
Kutsche im Hof
Die Kutsche wird am Ostersonntag nicht benötigt. Die Pferde sind beim Saatreiten nur unter dem Sattel unterwegs. Bildrechte: Uwe Walter
Pferd im Abendlicht auf der Koppel
Der Abend auf der Koppel vor dem Ostersonntag: Die Pferde sind frisch geputzt und ganz entspannt. Bildrechte: Uwe Walter
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Bei Sonnenaufgang geht es los

Schon um 5 Uhr morgens wird Familie Prechel am Ostersonntag wieder auf den Beinen sein. Dann werden die Pferde besorgt und die beiden Wallache für das Saatreiten vorbereitet. Die Pferde werden erneut geputzt und dann für die Prozession geschmückt. In den geschickten Händen der Prechel-Frauen entstehen aus den Mähnen kunstvolle Zöpfchen mit bunten Bändern und Blumen. Bis zum gemeinsamen Mittagessen gegen 11 Uhr hat die ganze Familie mit den Vorbereitungen zu tun. Anschließend legen der Herr des Hofes und sein Nachbar feierlich ihren Gehrock an. Unterdessen wird im Stall noch ein bisschen getrickst: Ronny Prechel bringt sein "Schmu-Spray" zum Einsatz. Das ist ein besonderes Mittel, welches Pferdefell glänzen lässt. Auch die Reitstiefel und der Zylinder werden noch einmal entstaubt und die weiße Fliege am Hals gerichtet. Dann traben Pferde samt Reiter zum Stellplatz an der katholischen Kirche in Ostritz.

Quelle: MDR/uwa

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSENSPIEGEL | 21.04.2019 | 19:00 Uhr

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