Ein blauer Fleck an einem Arm wird fotografiert.
Ohne Anzeige werden bei der "verfahrensunabhängigen Spurensicherung" Verletzungen und Täterspuren dokumentiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Verfahrensunabhängige Spurensicherung Damit Gewaltopfer keine Zeit verlieren

Die verfahrensunabhängige Spurensicherung kann Opfern von sexualisierter und häuslicher Gewalt helfen – wenn sie diese Möglichkeit kennen. Denn in Sachsen-Anhalt gibt es mit den Rechtsmedizinischen Instituten in Halle und Magdeburg gerade einmal zwei Stellen, die dieses Verfahren anbieten. Das soll sich zukünftig ändern.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

von Marie-Kristin Landes, MDR SACHSEN-ANHALT

Ein blauer Fleck an einem Arm wird fotografiert.
Ohne Anzeige werden bei der "verfahrensunabhängigen Spurensicherung" Verletzungen und Täterspuren dokumentiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Nach einer Vergewaltigung, sexueller Nötigung oder häuslicher Gewalt ist Zeit ein wichtiger Faktor. Denn all jene Täterspuren, die DNA enthalten – wie Speichel, Sperma oder Hautfetzen – gehen schnell verloren. Das Problem: Solche Spuren oder auch Verletzungen werden erst gesichert, wenn Anzeige bei der Polizei erstattet wird. Doch nur wenige Opfer sind dazu in der Lage, weil sie traumatisiert, verängstigt oder eingeschüchtert sind.

Eine Möglichkeit, die kaum bekannt ist

Die meist ehrenamtlichen Mitarbeiter von Vereinen wie dem Weißen Ring, MißMut e.V. oder Wildwasser e.V. sind in solchen Fällen oft wichtige erste Ansprechpartner. Sie fangen die Opfer auf, beraten sie und erklären ihnen, dass es neben einer Anzeige bei der Polizei auch die sogenannte verfahrensunabhängige Spurensicherung gibt. Obwohl diese seit 2011 in Sachsen-Anhalt möglich ist, kennen nur wenige diese Möglichkeit. Angeboten wird sie derzeit von den Gewaltopferambulanzen der rechtsmedizinischen Institute in Magdeburg und Halle. Ohne Anzeige werden dort sämtliche Täterspuren und Verletzungen von Rechtsmedizinern gesichert und dokumentiert. Die Rechtsmediziner sind dabei über einen Bereitschaftsdienst ständig erreichbar.

Vor einer weißen Wand steht eine medizinische Liege. Auf das Bild ist eine Grafik gebaut, die die steigende Nutzung der verfahrensunabhängigen Spurensicherung in Magdeburg und Halle zeigt.
Seit 2011 haben langsam, aber stetig mehr Menschen die verfahrensunabhängige Spurensicherung genutzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Jedes Opfer von sexualisierter oder häuslicher Gewalt, egal ob Frau, Mann oder Kind, kann die verfahrensunabhängige Spurensicherung nutzen. Dabei macht der MißMut e.V. deutlich, dass dadurch eine direkte Anzeige nicht ersetzt oder verhindert werden soll. "Sie soll für Opfer sexualisierter und häuslicher Gewalt ein Zeichen setzen, dass sie Anspruch auf Unterstützung haben, unabhängig von der Erstattung einer Anzeige," so der Verein. Konkrete Beweise wie DNA-Spuren werden für mindestens zwei Jahre, der Bericht für zehn Jahre gespeichert.

Zwei Stellen für ganz Sachsen-Anhalt

Porträt einer jungen Rechtsmedizinerin mit dunklem Dutt in weißem Kittel.
Carolin Richter ist Rechtsmedizinerin in Halle. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir lassen uns, wenn es möglich ist, den Vorfallsablauf schildern – und dann wird der gesamte Körper angeguckt. In diesem Zusammenhang wird auch ein Foto gefertigt, wenn es einen besonderen Befund gibt. Zum Beispiel nach dem Würgen, wenn es irgendwelche kleinen Kratzer am Hals gibt oder auch nur kleine Hautrötungen", erklärt Carolin Richter, die Rechtsmedizinerin in Halle ist. Für Opfer von häuslicher oder sexualisierter Gewalt ist die verfahrensunabhängige Spurensicherung ihren Worten zufolge eine große Hilfe.

Sie ermöglicht es ihnen, erst dann Anzeige zu erstatten, wenn sie bereit dazu sind. Gleichzeitig gehen wichtige Beweise nicht verloren. Doch obwohl in den vergangenen Jahren immer mehr Betroffene diese Möglichkeit genutzt haben, wissen immer noch viel zu wenige, dass es die verfahrensunabhängige Spurensicherung überhaupt gibt. Hinzu kommt: Mit den Gewaltopferambulanzen in Magdeburg und Halle ist Sachsen-Anhalt zwar besser aufgestellt, als das Nachbarland Thüringen, wo es bis heute keine verfahrensunabhängige Spurensicherung gibt. Allerdings reichen diese Stellen nicht aus.

Flächendeckende Anlaufstellen ab 2020

"Traumatisierte Opfer, die in ländlichen Regionen leben, die haben zusätzlich die Hürde zu überwinden, dass sie erst mal in die Großstadt kommen müssen, um versorgt zu werden. Das ist aus meiner Sicht inadäquat," sagt Rechtsmedizinerin Carolin Richter. Mehr Anlaufstellen fordern auch der MißMut e.V. oder der Weiße Ring. Nur: Die Finanzierung ist kritisch. Die Versorgungsleistung der Gewaltopferambulanzen wird nicht direkt vom Land gefördert, sondern mit 800.000 Euro bezuschusst. Geld, das laut Rüdiger Lessig, Leiter der rechtsmedizinischen Institute, mit den Gewaltopferambulanzen an sich nichts zu tun hat. Es würde lediglich das jährliche Defizit ausgleichen, das den Instituten durch gesetzliche Regelungen für die Abrechnung ihrer Tätigkeiten entsteht.

Zumindest das erste Problem will Justizministerin Anne-Marie Keding bald lösen. Ab 2020 soll das Angebot der verfahrensunabhängigen Spurensicherung ausgebaut werden. Erste Gespräch dafür laufen bereits: "Wir gucken im Augenblick erst mal, welche gynäkologischen Praxen sich überhaupt bereiterklären und auch dazu in der Lage wären," sagte die Justizministerin MDR SACHSEN-ANHALT. Um ein flächendeckendes Angebot zu schaffen, müssen jedoch in mehreren Regionen Partner gewonnen werden.

Marie-Kristin Landes
Bildrechte: MDR/Jacqueline Schulz

Über die Autorin Marie-Kristin Landes ist in Dessau-Roßlau geboren und aufgewachsen. Nach dem Abitur zog es sie für ein Politikstudium erst nach Dresden, dann für den Master Journalistik nach Leipzig. Praktische Erfahrungen sammelte sie bei der Sächsischen Zeitung, dem ZDF-Auslandsstudio Wien und als freie Mitarbeiterin für das Onlineradio detektor.fm. Nach ihrem Volontariat beim Mitteldeutschen Rundfunk arbeitet sie jetzt vor allem für MDR Kultur und das Landesfunkhaus Sachsen-Anhalt. Wenn sie nicht gerade für den MDR unterwegs ist, ist sie am liebsten einfach draußen. Zwischen Meer oder Berge kann sie sich dabei genauso wenig wie zwischen Hund oder Katze entscheiden.

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Quelle: MDR/mkl

Dieses Thema im Programm MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 21. April 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20. April 2019, 14:49 Uhr