Mythos Babyspeck wächst sich nicht aus

Wo und wann wird der Grundstein für Übergewicht gelegt? Das wollten Leipziger Forscher wissen und haben den Gewichtsverlauf von über 50.000 Kindern zwischen der Geburt und dem 18. Lebensjahr ausgewertet - mit erschreckendem Ergebnis.

von Liane Watzel

Aus übergewichtigen Dreijährigen werden mit großer Wahrscheinlichkeit übergewichtige Erwachsene. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Leipzig, in der der Gewichtsverlauf von mehr als 50.000 Kindern vom Säuglings- bis zum Jugendalter ausgewertet wurde.

Prof. Dr. Antje Körner
Bildrechte: Universität Leipzig

Professor Dr. Antje Körner von der Frauen- und Kinderklinik der Universität Leipzig will deshalb einem gängigen Mythos an den Kragen: Dem vom "halb so schlimmen Babyspeck". Im Gespräch mit MDR Wissen sagt sie: "Wenn das noch sehr kleine Kinder sind, heißt es oft, 'alles nicht so schlimm, das wächst sich aus'. Aber wenn die Kinder drei Jahre sind und übergewichtig, dann kann man nicht mehr davon ausgehen, dass sich das auswächst." Denn genau das belegen die Zahlen der Leipziger Langzeitstudie, die Professor Körner mit ihrem Team ausgewertet hat:

Wenn Kinder mit ein Jahren oder zwei Jahren übergewichtig oder adipös sind, stehen die Chancen gerade noch fitfty-fifty, dass sie als Jugendliche ein normales Gewicht haben. Wenn sie das mit drei Jahren sind, bleibt das in der Regel bestehen. Das heißt: fast 90 Prozent dieser Kinder sind dann auch als Jugendliche adipös, oder massiv übergewichtig.

Übergewichtige Kinder hüpfen beim Seilspringen in einer Turnhalle.
Bildrechte: dpa

Das macht die regelmäßigen Untersuchungen beim Kinderarzt für Kinder so wichtig - hier wird immer wieder das Gewicht in einer Tabelle erfasst und das medizinische Personal kann Eltern frühestmöglich auf die Problematik hinweisen und Ratschläge geben, was die Ernährung angeht, und, wenn nötig, Hilfe zu Kuren und anderen Programmen anbieten.

Übergewicht - eine Frage der Gene?

Also wird der Grundstein für spätere Gewichtsprobleme schon in frühester Kindheit gelegt. Eine wichtige Rolle spielt dabei das genetische Erbe der Eltern, aber nicht ausschließlich. Körner zufolge sind auch andere Faktoren bedeutende, wie die Rahmenbedingungen, in denen Kinder groß werden:

Sie lernen zum Beispiel das Zähneputzen nicht dadurch, dass man ihnen erklärt, wie es geht und warum es wichtig ist, sondern durch Nachahmung der Eltern, Geschwister oder anderer Kindern. Entsprechend kopieren und erlernen sie ihr Essverhalten und ihre Haltung zum Essen durch das, was ihnen angeboten und vorgelebt wird - also, zum Beispiel, ob überhaupt beim Filmgucken genascht wird, und wenn ja, ob es Schokolade ist, oder Trockenobst und Nüsse.

Kinder schauen einen Film und Naschen
Bildrechte: imago/emil umdorf

Steinaltes Erbe - warum unser Gewicht an uns hängt

Neben diesen Faktoren, auf die ein Kind meist keinen Einfluss hat, schleppen wir alle einen steinalten genetischen "Felsbrocken" mit uns herum, wenn es um unser Gewicht geht, wie Professor Körner erklärt:

Unser Gehirn und unser Stoffwechsel sind evolutionär so programmiert, dass wir immer versuchen unser Körpergewicht zu verteidigen. Während wir als Urmenschen noch durch die Savannen rennen mussten um Nahrung zu finden und zu erjagen, mussten wir dafür viel Arbeit und Bewegung investieren.

Eine junge Frau sitzt mit einer Fernbedienung in der Hand auf einem Sofa.
Bildrechte: IMAGO

Das ist heute anders. Dumm nur, dass unser Körper immer noch tickt wie der des Urzeitmenschen - und dass wir heute rund um die Uhr Nahrung besorgen können, ohne dass wir uns körperlich dafür besonders anstrengen müssten. Pizza oder Burger können online bestellt werden, beim "DriveIn" müssen wir nicht mal aus dem Auto steigen, um die Bestellung abzuholen, den Wochenendeinkauf bringt der Lieferservice, von der Couch zum Fernseher gehen und umschalten kennen viele nur noch vom Hörensagen und das Festnetztelefon ist als Handy in die Hosentasche gewandert. Bewegung in unserem Tagesablauf bringen viele bestenfalls dann wieder künstlich - per Tracking-App.

Wieviel Bewegung wir in unsere Tagesstruktur einbauen, was und wieviel und wo wir essen, und ob zum Spielplatzbesuch unbedingt die Brotbüchse mit muss, gegen den kleinen Hunger zwischendurch, oder was wir im Zugabteil als Snack auspacken - das hat jeder selbst in Hand und trägt so auch dazu bei, wie Kinder - fremde oder eigene - den Umgang mit Nahrung und den Umgang mit dem eigenen Körper lernen.

Grafik: Familie Sport
Bildrechte: colourbox

Dieses Thema im Programm MDR aktuell | Radio | 06. Oktober 2018 | 08:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. Oktober 2018, 11:00 Uhr

Aktuelle Themen von MDR JUMP