Wie groß ist die Ansteckungsgefahr in Räumen durch Aerosole?

Offenbar verbreitet sich das Coronavirus stärker als vermutet über unsichtbare Schwebeteilchen in der Luft. Aerosole können bis drei Stunden und meterweit schweben, etwa in Fitnessstudios oder Klassenzimmern.

Schulalltag in der Corona-Pandemie: Schüler eines Gymnasiums sitzen mit Mundschutz und mit viel Abstand im Klassenraum
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Die Kritik vom Deutschen Lehrerverband nach den ersten Wochen Schule in der Corona-Zeit war deutlich. Man spreche viel übers Händewaschen und Desinfizieren, aber nicht über die Aerosolbelastung. "40 Prozent der Infektionen werden über Aerosole übertragen, die sich in der Luft verteilen", sagte Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger am Dienstag in einem Zeitungsinterview. Derzeit sei völlig unklar, wie sich Aerosole in Klassenzimmern auswirken. Auch Fitnessstudios gelten wegen dieser Schwebeteilchen als problematisch. Bei intensiven Übungen könnten viele Viren mit der Atemluft ausgestoßen werden und ohne genügend Durchzug in der Luft bleiben.

Was sind Aerosole?

Aerosole sind winzige Tröpfchenkerne, die kleiner als fünf Mikrometer sind. Diese können auch Viren enthalten, wenn sie von einem infizierten Menschen ausgestoßen werden. Die Feuchtigkeitsteilchen schweben in der Luft und tragen damit die enthaltenen Viren möglicherweise mehrere Meter weit. Die kleinen Partikel bleiben offenbar viel länger in der Luft als Tröpfchen nach Niesen oder Husten. Damit könnte sich auch jemand anstecken, der später in einen ungelüfteten Raum kommt und dort auf Mindestabstand und Hygieneregeln achtet. Dr. Ursula Marschall leitet den Forschungsbereich "Medizin- und Versorgungsforschung" bei der gesetzlichen Krankenkasse BARMER. Sie sagte MDR JUMP:

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
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Wir wissen aus Studien, dass die Aerosole sich zwischen 14 Minuten und drei Stunden in der Luft halten können. So lange waren die nachweisbar.

Wie gefährlich sind Aerosole?

Coronavirus, umgeben von anderen Krankheitserregern
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Bisher galt als vergleichsweise gesichert, das vor allem über Tröpfchen Coronaviren übertragen werden. Um das zu verhindern, sollen Menschen mindestens anderthalb Meter Abstand halten. Dann gilt die Gefahr durch Tröpfchen als weitgehend gebannt, weil die in der Regel schnell auf den Boden sinken. Die Übertragung durch Aerosole könnte aber eine ähnlich große Rolle spielen wie die durch Tröpfchen, sagte der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Auch das Robert-Koch-Institut weist auf diesen möglichen Übertragungsweg hin. Die mikroskopisch kleinen Teilchen können beim Einatmen bis in die Lunge kommen. Bisher fehlen aber noch belastbare Studien dazu, wie viele Menschen sich über Aerosole mit dem Coronavirus anstecken. Offen ist auch noch, ab wann die Gefahr einer Corona-Infektion durch Aerosole in einem Raum steigt. So können die Experten noch nicht sagen, ob es schon ab fünf oder erst ab fünfzehn Minuten mit anderen Personen ohne Mundschutz ein Ansteckungsrisiko gibt.

Wann entstehen die Schwebeteilchen?

Die unsichtbaren Schwebeteilchen mit Virenlast können beim Singen und auch schon beim tiefen Ausatmen beim Sport im Fitnessstudio entstehen. Ursula Marschall sagt:

Ein geöffneter Mund beim Singen
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Interessant ist auch, dass Aerosole schon beim normalen Sprechen gebildet werden können. Das hängt dann von der Sprechlautstärke ab. Je laut jemand spricht, desto mehr Aerosole finden sich in der Luft.

Bringt der Mund-und-Nasenschutz bei Aerosolen etwas?

Aerosole mit Viren sind sehr klein und können damit auch durch eine Stoffmaske hindurchgehen. Damit können sie nach jetzigem Wissensstand nicht komplett vor einer Ansteckung mit SARS-CoV2-Erregern schützen, wenn sich etwa viele Menschen in einem engen Raum und vielen Aerosolen aufhalten. Unsere Expertin sagte:

Maskenpflicht beim Friseur
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Auch dazu gibt es widersprüchliche Studien und kaum richtig belastbare Ergebnisse. Wir wissen aber, dass der Mund-Nasen-Schutz die Geschwindigkeit der Aersole verringert. Je dichter der Stoff ist, desto mehr bremst er.

Sollte man besser gleich im Freien unterrichten oder essen?

Das verringert zumindest das Risiko, sich über Aerosole anzustecken. Die werden durch die frische Luft und Wind schnell verteilt und auch die Virenlast wird stark verringert. Daher ist aus Sicht unserer Expertin auch etwa an der Forderung des Lehrerverbandes dran, zumindest über das Ansteckungsrisiko durch Aerosole in Klassenzimmern nachzudenken.

Da kann man im Sommer auch kreativ sein und gerade in der Corona-Pandemie Unterrichtseinheiten nach draußen verlegen. Oder in der Kita Exkursionen in den Wald oder Zoo machen. Generell alles nach draußen verlegen ist aber schwierig. Das ist kaum auszuhalten, wenn der Sommer heiß wird.

Bremsen oder verteilen Klimaanlagen Aerosole?

Aerosole können durch tatsächlich durch Klimaanlagen verteilt werden. Das ist aus Studien zur Grippe bekannt. Allerdings gibt es unterschiedliche Bauweisen von Lüftungen in Großraumbüros, Fabrikhallen oder auch im Nahverkehr. Wird die Luft nur verwirbelt, können auch die Aerosole verteilt werden. Das passiert auch, wenn im heißen Sommer einfach der Lüfter neben den Schreibtisch oder die Werkbank gestellt wird. Aber es gibt auch offenbar auch Klimaanlagen, die eine Infektionsgefahr durch Aerosole verringern. Ursula Marschall sagte: "Wir wissen zum Beispiel aus Studien, dass die Infektion in Zügen geringer ist als von uns erwartet. Da haben Klimaanlage und Lüftung ein spezielles Konzept, abhängig von Raumtemperatur und Luftfeuchtigkeit." Sie rät zum regelmäßigen Lüften. Das kann jetzt im Alltag vielleicht sogar entscheidender das Ansteckungsrisiko verringern als Händewaschen und Desinfizieren, sagt auch Virologe Christian Drosten. Ursula Marschall sagte:

Optimal lüften heißt: Fenster auf, Ventilator an – damit die Luft nach draußen gepustet wird. Und dabei sollte niemand im Raum sein. Dagegen bringt es nichts, das Fenster den ganzen Tag auf Kippstellung zu haben.

Corona-Warn-App registriert nur Kontakte, aber kein Lüften

Eine Frau blickt auf ihr Smartphone.
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Eine mögliche Infektionsgefahr durch Aerosole könnte auch den Erfolg der Corona-Warn-App beeinflussen. Die soll ab Mitte Juni auch in Deutschland eingesetzt werden und die Lockerungen absichern. Die App misst, ob andere App-Nutzer in der Nähe waren und ob Abstand und Zeitraum für eine Infektion ausreichen könnten. Meldet einer dieser Kontakte später eine Corona-Infektion, schlägt die App auf dem Handy Alarm. Der Alarm kommt allerdings nur, wenn beide gleichzeitig in einem Raum waren. Nicht gewarnt wird dagegen, wenn jemand in einen schlecht gelüfteten Raum kommt, in dem noch Aerosole anderer schweben.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 28. Mai 2020 | 12:45 Uhr

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