Ist der Knick bei den Corona-Fallzahlen gar kein Rückgang?

Seit kurzem gibt es neue Kriterien, wer einen Corona-Test bekommt – und wer nicht mehr. Dadurch dürfte sich auch die Gesamtzahl der registrierten Infektionen verändern. Was bedeutet das für die politische Entscheidungsfindung?

Ein Mitarbeiter der Johanniter-Unfall-Hilfe nimmt für einen Corona-Test einen Abstrich von einer Frau.
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Am kommenden Mittwoch geht’s weiter. Dann wollen Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten über die nächsten Schritte in der Corona-Pandemie sprechen. Beim letzten virtuellen Treffen war ja nicht viel Konkretes rausgekommen. Diesmal dürfte das anders sein. Wir können uns wohl schon mal auf die eine oder andere Verschärfung der Regeln einstellen – die Zahl der Neuinfektionen ist noch immer weit jenseits dessen, was die Gesundheitsämter noch im Blick behalten können.

Klar ist, dass der aktuelle Trend der Corona-Neuinfektionen darüber mitbestimmen dürfte, auf was für Beschränkungen des öffentlichen, privaten und wirtschaftlichen Lebens wir uns in den kommenden Wochen einstellen müssen. "Die Kurve flacht sich ab, aber die Zahlen sind nach wie vor zu hoch", so lautete das Fazit von Bayerns Ministerpräsident Markus Söder zum letzten Treffen. Und auch der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer hatte damals erklärt, man könne "nur eine geringe Veränderung beobachten". Tatsächlich ist es so, dass die Fallzahlen in den Statistiken des Robert Koch-Instituts (RKI) nicht mehr ganz so rasant steigen wie Mitte oder Ende Oktober. Aber sie sinken auch nicht nennenswert.

Teststrategie wiederholt angepasst

RKI-Chef Lothar Wieler sagt, man habe offenbar ein "Plateau" erreicht. Das sei eine gute Nachricht. "Wir wissen aber nicht, ob das eine Trendwende ist, das müssen wir noch abwarten." Wieler bezeichnete die Lage als "weiterhin ernst, sehr ernst", man sei "noch lange nicht über den Berg".

Grafik zur Anzahl der wöchentlichen Corona-Tests laut RKI bis 9.11.
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Die Frage ist allerdings, ob es tatsächlich so ist, dass die Zahl der Neuinfektionen zumindest nicht weiter steigt – oder ob es womöglich nur so aussieht. Schuld daran könnte eine neue Teststrategie des RKI sein. Die Empfehlungen, wer getestet werden soll, wurden in diesem Monat wieder einmal angepasst. Das ist grundsätzlich auch kein Problem: Wenn sich die Lage in der Pandemie verändert, müssen die Experten handeln.

Konkret war es so, dass zuletzt viele Testlabors an die Grenzen ihrer Kapazität gelangt waren – und teils auch darüber hinaus. Vielerorts fehlten auch die für die Tests nötigen Reagenzien. So entschieden die Gesundheitsexperten, dass weniger Menschen mit den zuverlässigen, aber etwas langwierigen PCR-Tests getestet werden sollen. Wer einfach irgendwelche unspezifischen Erkältungssymptome hat, fällt nicht mehr unter die Testkriterien.

Wer keine schweren Symptome hat, soll nicht mehr getestet werden

Genutzt werden die Tests aber noch immer bei Patienten mit schweren Covid-Symptomen wie Lungenentzündung, Bronchitis oder Atemnot – und ebenfalls, wenn jemandem der Geruchs- oder Geschmackssinn abhandengekommen ist.

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Weiterhin getestet wird man auch, wenn man als Kontaktperson der Kategorie I ungeklärte Symptome hat. Zur Erinnerung: Kategorie I bedeutet, dass es einen sehr engen Kontakt zu einer mit dem Sars-CoV-2-Errerger infizierten Person gab: Entweder mit einer Gefahr einer Tröpfcheninfektion, etwa durch ein 15-minütiges Gespräch ohne Maske oder einen Kuss. Oder aber, wenn es eine Infektion durch Aerosole gegeben haben könnte. Das heißt, dass man zum Beispiel mehr als 30 Minuten mit einer infizierten Person im selben Raum war.

Auch weiterhin getestet werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Medizinbereich oder andere mit Kontakt zu vielen Menschen, wenn sie Anzeichen einer Atemwegserkrankung haben. Hier müssen die Symptome nicht schwer sein. Auch wenn man sich möglicherweise innerhalb eines größeren Clusters angesteckt haben könnte, wird weiterhin ein Abstrich genommen und per PCR ausgewertet.

Trotzdem ist klar: Wenn weniger Personengruppen getestet werden, dann riskiert man auch, dass womöglich mehr Fälle unentdeckt bleiben. Das weiß man auch beim RKI. Oder anders ausgedrückt: Wer weniger testet, findet wohl auch weniger Infektionen.

Labore werden tatsächlich entlastet

Und es wird in der Tat weniger getestet: Laut den aktuellsten Zahlen ist die Menge der Tests durch die neue Strategie um etwa 200.000 pro Woche gesunken – auf nun etwa 1,38 Millionen pro Woche. Den Laboren bringt das die erhoffte Entlastung. Die Gesamtzahl der erkannten Infizierten – ohnehin werden da ja nicht alle Fälle erfasst – bildet das Geschehen im Land aber eben ein bisschen weniger genau ab als vorher.

Weitere Entlastung für die Labore soll es durch die verstärkte Nutzung sogenannter Antigen-Schnelltests geben. Die sind allerdings etwas ungenauer – und müssen im Fall eines Erregernachweises noch einmal durch einen PCR-Test bestätigt werden.

Zahl der Neuinfektionen beeinflusst politische Entscheidungen

Die Künstlerin Suzanne Brennan Firstenberg geht durch ihre Kunstinstallation aus weißen Fänchen, die im Gedenken an die an COVID-19 verstorbenen US-Amerikaner in den Boden gesteckt wurden.
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Einen Hinweis darauf, wie hoch die Dunkelziffer der unentdeckten Infektionen in der Pandemie sein könnte, liefert die sogenannte Positivquote. Das ist der Anteil der Tests, bei denen der Erreger gefunden wird. Sie liegt aktuell bei 9 Prozent. Noch im September lag der Wert bei unter einem Prozent. Das Problem ist: Die aktuelle Zahl ist nicht mehr mit der von damals vergleichbar. Wenn jetzt tendenziell die schwereren Verläufe getestet werden – und nicht mehr jeder mit einem Kratzen im Hals – findet man auch mehr. Die Positivquote steigt – ohne dass es mehr unentdeckte Fälle gibt. Das macht es etwas schwieriger, den Pandemieverlauf im Detail nachzuvollziehen.

Das alles klingt nun nach einer ziemlich akademischen Diskussion. Ob nun ein paar Fälle weniger oder mehr in den Statistiken auftauchen – was macht das schon? Nun, die Neuinfektionen sind ja – in Form des sogenannten Inzidenzwertes – mittlerweile ein Teil der politischen Entscheidungsgrundlage, wann welche Maßnahmen zur Kontrolle der Pandemie ergriffen werden. Das heißt: Die Zahl hat im Zweifel eine direkte Bedeutung für unser Leben. Laut einer Simulation des Science Media Centers hat die neue Teststrategie aber nicht dazu geführt, dass der Wert gar nicht mehr brauchbar ist: "Aktuell scheinen andere Effekte […] einen größeren Einfluss auf die Meldezahlen zu haben als der Strategiewechsel der vergangenen Woche."

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 22. November 2020 | 10:40 Uhr

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