Was bringen Massentests und die App? Die Antworten auf die wichtigsten Corona-Fragen

Die Infektionszahlen steigen wieder, die Angst vor wieder schärferen Corona-Maßnahmen wächst. Und manchmal verliert man fast ein bisschen den Überblick: Wie ist der aktuelle Stand in der Pandemie? Wir haben die wichtigsten Antworten für dich.

Die Grafik zeigt ein wissenschaftliches genaues Modell der neuen Coronavirus Sars-CoV-2 ein eine hohen Auflösungsstufe, bei der sogar einzelne Atome des Virus erkennbar sind.
Bildrechte: Visual Science

Seit rund einem halben Jahr leben wir wegen des Sars-CoV-2-Erregers in einer verrückten Welt. Fast 20 Millionen Menschen haben sich bisher nachweislich mit dem Virus angesteckt, mehr als 700.000 sind an oder mit ihm gestorben. Weil viele Fälle nicht nachgewiesen werden können, liegen die realen Zahlen sicherlich deutlich höher.

In Deutschland sind wir bisher im Vergleich zu anderen Staaten sehr glimpflich davongekommen. „Als die Covid-19-Epidemie Deutschland erreichte, hat das Land schnell und gut reagiert“, sagt zum Beispiel der Berliner Virologe Christian Drosten. Bei uns haben sich laut Tests gut 200.000 Menschen infiziert, mehr als 9000 Todesfälle wurden im Zusammenhang mit dem Virus registriert. Auch hier dürften die echten Werte im Zweifelsfall höher liegen.

Zuletzt sind die Infektionszahlen im Land wieder angestiegen, sie liegen aktuell wieder jenseits der Marke von 1000 Betroffenen pro Tag. Gesundheitsminister Jens Spahn macht das nach eigenem Bekunden aber noch keine Sorgen: „Im Moment sind wir in jedem Fall noch in einer Größenordnung, mit der das Gesundheitswesen und der öffentliche Gesundheitsdienst umgehen kann.“

Passanten mit Mund-Nasen-Schutz in gut gefüllter Innenstadt von Köln
Bildrechte: imago images / Ralph Peters

Die Frage ist, wie es weitergeht. Immer wieder ist die Frage diskutiert worden, ob es in Deutschland eine zweite Welle der Pandemie gibt. Ob man das Geschehen tatsächlich so nennt, ist aber letzten Endes egal. Wichtig ist, welche Schlussfolgerungen man daraus zieht. „Ich glaube, wir sind in einer Dauer-Welle“, sagt zum Beispiel Frank Ulrich Montgomery, der Chef des Weltärztebundes. „Wir werden uns darauf einrichten müssen, dass wir auf lange Zeit mit diesem Virus leben müssen.“

Und das heißt, auch wenn vielleicht Demo-Teilnehmer in Deutschland das anders sehen: Die Corona-Regeln werden noch lange wichtig bleiben, um die Ausbreitung des Virus zumindest zu begrenzen: Abstand halten, Kontakte am besten begrenzen, niemanden anhusten oder anniesen, Mund und Nase bedecken, wo man dichter zusammenkommt, für frische Luft sorgen und so weiter.

Wie ist der Stand beim Impfstoff?

Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze
Bildrechte: dpa

Normalerweise dauert es mehrere Jahre, einen neuen Impfstoff zu entwickeln. Bei manchen Krankheiten, Aids zum Beispiel, gibt es bis heute keinen. Bei Covid-19 soll es nun aber ganz schnell gehen – und klappen. Nach den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gibt es aktuell etwa 140 Projekte, bei denen an einem Impfstoff geforscht wird. Auch in Deutschland arbeiten mehrere Firmen an einem Impfstoff, auch das Unternehmen IDT Biologika in Dessau-Tornau. Allerdings ist auch klar: Nur ein Bruchteil der getesteten Substanzen wird am Ende zum marktfähigen Produkt. Die Erfolgsquote bei der Impfstoffentwicklung ist traditionell sehr niedrig.

Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, das ist die in Deutschland für die Zulassung eines Impfstoffs zuständige Behörde, sagt dennoch: „Die Zuversicht ist groß, denn wir haben gerade in den letzten Wochen erlebt, dass wir aus den ersten klinischen Prüfungen Ergebnisse erhalten haben, die zeigen, dass einige Impfstoffe tatsächlich eine spezifische Immunreaktion beim Menschen gegen Coronavirus 2 induzieren können.“ Sobald ein Impfstoff oder mehrere verfügbar sind, stellt sich dann aber die Frage, wer eigentlich als erstes davon profitieren kann. Direkt nach der Zulassung dürfte kaum genug für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen. Also werden vermutlich Risikogruppen und medizinisches Personal als erstes – wenn sie das wollen – den Pieks bekommen.

Was bringen die vielen Corona-Tests und die App?

Ein Rachenabstrich wird genommen
Bildrechte: dpa

In Deutschland wird derzeit so viel auf das Sars-CoV-2-Virus getestet wie noch nie, nach den Statistiken des Robert Koch-Instituts gut 570.000 Mal pro Woche. Das hat unter anderem mit der Angst zu tun, dass Urlaubsrückkehrer den Erreger verstärkt aus Risikogebieten wieder mit nach Hause bringen. Viel zu testen ist gut. Nur so weiß man, wie groß das Corona-Problem wirklich gerade ist – und wer zum Schutz der anderen unbedingt zu Hause bleiben muss.

Aber: Man kann das Virus „ja nicht wegtesten“, warnt der Virologe Drosten. „Man muss auf positive Tests auch reagieren.“ Wichtig ist die Arbeit in den Gesundheitsämtern. Denn die müssen herausfinden, wo sich der Patient lange vor einem positiven Testergebnis angesteckt hat – und ob das womöglich in einem sogenannten Cluster stattgefunden hat, bei dem noch viele weitere Menschen betroffen sind.

Um die Gesundheitsbehörden zumindest ein Stück weit zu entlasten, gibt es die Corona-App. Die ist aktuell etwa 16,6 Millionen Mal in Deutschland heruntergeladen worden. Die Download-Zahlen steigen aktuell nur noch wenig an.

Es gibt keine Daten dazu, wie viele Menschen mit Hilfe der Corona-Warn-App über eine mögliche Risiko-Begegnung informiert wurden. Das liegt am dezentralen Ansatz der Software aus Datenschutzgründen. Ende Juli gab es Berichte über technische Probleme beim Aktualisieren der App. Nutzer sollen sie deswegen regelmäßig per Hand öffnen. Selbst wenn diese technischen Probleme überwunden sind – ein Allheilmittel ist die App auch nicht.

Welche Rolle spielen Kinder?

Eine der größten Corona-Einschnitte war, zumindest für Eltern, die Schließung der Kitas und Schulen im Frühjahr. Wochenlang musste der Nachwuchs zu Hause mehr oder weniger gut betreut werden. Hintergrund war damals die Angst, dass Kinder – vielleicht auch unbemerkt – die Treiber der Pandemie sein könnten. Diese Rolle haben sie bei anderen Atemwegserkrankungen. So ganz klar ist es bis heute nicht, welche Rolle junge Menschen genau bei der Verbreitung Corona spielen. Aber ganz so dramatisch wie am Anfang befürchtet, ist es wohl nicht. Deswegen öffnen Schulen bei uns nach den Sommerferien auch im Regelbetrieb.

In Sachsen zeigte sich zum Beispiel bei einer Studie, die im Mai und Juni in Leipzig, Dresden, Zwickau, Borna sowie Werdau durchgeführt wurde: In Schulen gibt es kein besonderes Corona-Problem. Demnach wurden damals bei 2600 Schülern und Lehrern keine akuten Infektionen gefunden. In 14 der Blutproben fanden sich Antikörper - und damit der Hinweis auf eine überstandene Infektion.

Dass sich Kinder auch anstecken können - und dass sie damit auch ansteckend sein können -, das ist in jedem Fall unbestritten. Forscher diskutieren darüber, wie stark das Infektionsrisiko durch Kinder ist. Eine US-Studie legte zuletzt nahe, dass gerade jüngere Kinder zum Teil sogar deutlich höhere Virenmengen in ihrem Körper tragen können als Erwachsene. Die Frage ist, wen diese Kinder womöglich infizieren würden.

Aus Südkorea ist bekannt, dass es wohl einen großen Unterschied in der Virusverbreitung unter Kindern verschiedener Altersgruppen gibt. Demnach übertragen Kinder unter zehn das Virus deutlich seltener als Erwachsene. Bei Heranwachsenden zwischen zehn und neunzehn Jahren gibt es diesen Unterschied nicht mehr. Andererseits sind die vielleicht schon verständig genug, um sich an Corona-Regeln zu halten und die Ausbreitung des Virus so zu verlangsamen.

Und wenn sie doch mal infiziert werden? Im Schnitt, sagen Forscher, haben Kinder mildere Verläufe von Covid 19, oft auch ganz ohne Symptome. Zumindest das sind ja auch mal gute Nachrichten.

Wo ist das Risiko für eine Infektion am höchsten?

Forscher lernen ständig mehr über Corona – und finden auch heraus, wie wir uns am besten schützen können. Am Anfang der Pandemie hatte man vor allem Angst vor vermeintlich virenbelasteten Oberflächen, am Einkaufswagen, am Treppengeländer, am Haltegriff in der Bahn. Jeder hatte Desinfektionsmittel dabei. Das ist zwar auch nicht völlig sinnlos, doch mittlerweile ist klar: Neben größeren Tröpfchen, die beim Sprechen, vor allem aber beim Husten und Niesen den Virus von einem Erkrankten hinaus in die Welt bringen, spielen auch sogenannte Aerosole eine wichtige Rolle. Das sind winziger Partikel, die lange in der Luft bleiben und eingeatmet werden können.

Also sind nicht verdreckte Flächen das Hauptproblem, sondern die Luft um uns herum. Und gegen Aerosole hilft leider auch kein Abstand halten, wie es zumindest bei den größeren Tröpfchen der Fall ist. Tendenziell problematisch sind also Innenräume, wenn sie nicht gut gelüftet werden. Gerade wenn viele Menschen zusammenkommen. Großraumbüros können das sein, aber auch Kneipen, Hochzeitsfeiern oder Gottesdienste. Jetzt im Sommer empfiehlt es sich, viel des Lebens draußen zu leben. Die Sonnen tut nicht nur gut, die Luft ist auch einfach besser. Im Herbst und Winter wird das schwieriger, dann wird das offene Fenster wichtig, für den Luftaustausch.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 07. August 2020 | 15:00 Uhr

Weitere Informationen zu Corona