Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 – In Mainz hofft man auf den Erfolg

Das Pharmaunternehmen Biontech hofft, schon bald einen Corona-Impfstoff auf den Markt bringen zu können. Die Tests sind laut Firma auf der Zielgeraden, die Produktion läuft bereits. Aber auch andere deutsche Unternehmen wollen mitmischen.

Eine Hand in Gummihandschuh hält eine Einwegspritze mit Impfstoff zur Injektion mit einer Kanüle.
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Sie gehören – laut einer Liste der „Welt am Sonntag“ mit einem Vermögen von etwa 2,4 Milliarden Euro zu den 100 reichsten Deutschen. Und trotzdem kennen nur wenige das Medizinerehepaar Ugur Sahin und Özlem Türec aus Mainz. Beide haben als Kinder türkischer Gastarbeiter eine Bilderbuchkarriere hingelegt und mit ihrem inzwischen verkauften Unternehmen Ganymed Pharmaceuticals Antikörperwirkstoffe gegen Tumore entwickelt. Aktuell beschäftigt sie jedoch noch ein anderes Projekt: Ihre Firma Biontech forscht auch an einem Impfstoff gegen Covid-19.

Insgesamt drei Unternehmen in Deutschland sind bei der Impfstoffentwicklung so weit vorangekommen, dass sie von der Bundesregierung dafür mit insgesamt 750 Millionen Euro unterstützt werden. Neben Biontech sind das die Firmen Curevac aus Tübingen und IDT Biologika aus Dessau-Roßlau. Auch international laufen verschiedene Projekte.

Kooperation mit amerikanischen und chinesischen Partnern

Biontechs Impfstoff mit dem etwas sperrigen Namen BNT162b2 gilt als weit gediehen. Er wird zusammen mit dem US-Pharmariesen Pfizer und dem chinesischen Unternehmen Fosun entwickelt und gehört zu den genbasierten Impfstoffen. Derzeit laufen die abschließenden Tests an denen 120 Studienzentren weltweit beteiligt waren oder sind. Mindestens 37.000 von 44.000 geplanten Probanden sollen dabei schon geimpft worden sein. Man nähere sich dem Ende der Tests, hieß es zuletzt von Biontech.

BNT162b2 sei "sehr aussichtsreich", so Firmenchef Sahin. Der Impfstoff besitze " ein exzellentes Profil". Frühere Studien hätten belegt, dass der Impfstoff nur leichte bis mittlere Nebenwirkungen verursache und von allen Altersgruppen gut vertragen werde, heißt es bei Biontech weiter. Bei den Probanden habe man die Bildung von Antikörpern und andere erwünschte Immunreaktionen nachweisen können.

Europäisches Zulassungsverfahren läuft bereits

Parallel läuft gerade der Zulassungsprozess bei der Europäischen Impfstoffbehörde EMEA. Das heißt: Noch während die Tests laufen, begutachten die Aufseher bereits die ersten Ergebnisse. Dieses bisher unübliche Verfahren soll bei positiven Befunden eine schnellere Zulassung ermöglichen. Neben Biontech kann sich auch das britisch-schwedische Pharmaunternehmen AstraZeneca entsprechende Hoffnungen machen.

Allerdings musste AstraZeneca seine Impfstofftests zuletzt zumindest kurzzeitig unterbrechen, nachdem es zu einer schweren Erkrankung im Probandenkreis gekommen war. Auch der Hersteller Johnson & Johnson musste aus ähnlichem Grund diese Wochen seine Studie erst einmal auf Eis legen.

Impfstoffentwicklung ist ein – normalerweise - langwieriges und kompliziertes Geschäft, viele Wirkstoffe scheitern traditionell gerade in den letzten Stufen der Tests. Das liegt daran, dass hier besonders viele Menschen aus verschiedenen Gruppen geimpft werden und selbst seltene Nebenwirkungen daher auffallen sollten. Genau darum geht es schließlich bei den Versuchen, schließlich sollen die Menschen den bestmöglichen Impfstoff erhalten. Anders sieht man das freilich in China oder Russland, wo im Land entwickelte Impfstoffe bereits vor Abschluss oder gleich ganz ohne klinische Prüfungen zum Einsatz gekommen sind.

Firma verspricht, keine Abkürzungen nehmen zu wollen

Das Logo des Biotechnologie-Unternehmens "BioNTech", aufgenommen vor der Unternehmenszentrale.
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Biontech hat versprochen, im Zulassungsverfahren keinesfalls irgendwelche Abkürzungen nehmen zu wollen. „Es braucht eindeutige Verträglichkeits- und Wirksamkeitsdaten. Wir werden keinen Zulassungsantrag stellen, bei dem diese Daten nicht vorliegen“, so Firmenchef Sahin. Er gehe aber davon aus, noch dieses Jahr Impfstoff ausliefern zu können. Produziert wird der Impfstoff nämlich schon – damit er im Fall einer Zulassung schnell ausgeliefert werden kann.

Die Mainzer bekommen 375 Millionen Euro für die Impfstoffentwicklung von der Regierung, damit soll unter anderem die Produktionskapazität hochgefahren werden. Dafür hat Biontech in Marburg einen früheren Produktionsstandort des Schweizer Pharmakonzerns Novartis samt Mitarbeitern übernommen.

Das Unternehmen hat in Aussicht gestellt, dass bis Ende des Jahres 100 Millionen Impfdosen produziert werden können. Für das erste Halbjahr 2021 werden dann 250 Millionen angepeilt, für die Zukunft dann sogar 750 Millionen Impfdosen pro Jahr. Allerdings sind pro Patient gegebenenfalls mehrere Impfdosen nötig.

Die Konkurrenz von Curevac bekommt 252 Millionen Euro staatliche Förderung. Außerdem ist der Bund über die Förderbank KfW mit 300 Millionen Euro an der Firma beteiligt und hält auf diese Weise 17 Prozent. Hier laufen auch Impfstofftests, die allerdings noch nicht die abschließende Phase erreicht haben.

Abstandsregeln und Masken werden und wohl noch länger erhalten bleiben

Curevac und Biontech setzten beide auf einen ähnlichen medizinischen Ansatz. Eine andere Herangehensweise hat man bei IDT Biologika, wo man zusammen mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung und einen sogenannten vektorbasierten Impfstoff entwickelt, der auf Forschungsarbeiten der Uni München beruht. Für dieses Projekt gibt es 141 Millionen Euro Geld vom Bund. Die Tests an Probanden sollen hier schon bald beginnen.

Aber vielleicht noch einmal zurück zu den Biontech-Gründern Sahin und Türeci. Großinvestor Thomas Strüngmann hat in einem Interview erklärt, den Managern gehe es nicht wirklich ums Geld. „Sahin hat nie die Monetarisierung in den Vordergrund gestellt“. Sein Traum sei es, „etwas Nachhaltiges, Bleibendes aufzubauen und grundlegend neue, bessere Therapien zu entwickeln.“

Was man aber auch sagen muss: Selbst wenn eines Tages, am besten natürlich schon bald, ein wirksamer und verträglicher Corona-Impfstoff auf dem Markt ist, wird der nicht in allen Fällen wirksam sein können. Das ist einfach so. Außerdem wird wohl zunächst längst nicht jeder geimpft werden können, der das gern möchte. Regeln zur Verteilung werden erarbeitet werden müssen. Von daher werden und Abstandsregeln und Masken aber sicher noch eine ganze Weile erhalten bleiben.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 18. Oktober 2020 | 13:40 Uhr

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