Erfolg bei Suche nach Corona-Impfstoff?

Ein Pieks oder zwei, dann ist der Corona-Spuk vorbei. Das jedenfalls ist die Hoffnung von Impfstoffentwicklern. In den USA meldet ein großes Unternehmen, einen wichtigen Schritt vorangekommen zu sein. Aber auch deutsche Firmen sind vorn mit dabei.

Ein Mann pipettiert in einem Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac eine blaue Flüssigkeit.
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Jennifer Haller war die Erste. Die 43-jährige Amerikanerin ist zweifache Mutter und Betriebsleiterin bei einem Software-Start-up. Sie bekam schon im März die erste Dosis eines möglichen Corona-Impfstoffs, an dem das US-Unternehmen Moderna forscht. Das Besondere daran: Normalerweise wird solch eine Substanz erst im Labor an Tieren getestet. Später kommen dann Menschen dran. Doch in der Corona-Pandemie entschied man sich für einen anderen Weg, um Zeit zu sparen.

Impfstoff-Tests an Mensch und Tier gleichzeitig

Tests an Menschen und Tieren liefen nun - ausnahmsweise - parallel. Dabei ging es zunächst um die Verträglichkeit des Impfstoffs für den Körper, nicht um die Schutzwirkung vor dem Sars-CoV-2-Erreger. Neben Haller impfte Moderna in der ersten Phase des Tests weitere 44 Personen jeweils zwei Mal. Alle waren zwischen 18 und 55 Jahren alt und gesund.

Im Fachmagazin „New England Journal of Medicine“ berichten die Forscher der Firma und ihre Partner nun darüber, dass der Impfstoff tatsächliche eine Antwort des Immunsystems bei den Probanden ausgelöst habe. Diese sei am merklichsten bei der höchsten Dosis ausgefallen und durch die zweite Impfung noch verstärkt worden. Allerdings hätten auch einige der Versuchsteilnehmer über Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Schüttelfrost oder Kopfschmerzen sowie grippeähnliche Symptome geklagt.

Erste Ergebnisse sind erfolgversprechend

Die wichtige Nachricht war aber: Im Blut der Probanden fanden sich mehr neutralisierende Antikörper als bei Menschen, bei denen eine Coronavirus-Infektion diagnostiziert worden war. Das wäre gut. Allerdings ist nicht klar, wie lange solche Antikörper eigentlich bestehen bleiben. Das wiederum bestimmt aber, wie lange eine Corona-Impfung wirken kann. Besonders kompliziert wird die Sache dadurch, dass nicht nur die Antikörper dem Immunsystem helfen, eine Infektion zu bekämpfen, sondern es auch andere Mechanismen gibt. Vielleicht ist es also nicht ganz so schlimm, wenn die Antikörper weniger werden.

Nach der ersten Testreihe hatte Moderna eine weitere gestartet, erst mit 120 zum Teil auch älteren Personen. Dann folgten noch mal 600 Freiwillige. Hier liegen die Ergebnisse noch nicht vor. Das Unternehmen sieht die bisherigen Resultate trotzdem als so vielversprechend an, dass es die Versuche nun massiv ausweiten will. Ende des Monats soll in den USA eine Versuchsreihe beginnen, bei dem 30.000 Probanden den Impfstoffkandidaten gespritzt bekommen. Dann geht es nicht nur um Verträglichkeit, sondern auch um Wirksamkeit.

Weltweit wird ein Corona-Impfstoff gesucht

Eine Flüssigkeit tropft aus der Kanüle einer Spritze
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Moderna ist natürlich nicht allein. Nach einer brandaktuellen Liste der Weltgesundheitsorganisation laufen derzeit für 23 Impfstoffkandidaten klinische Tests. Für rund 140 weitere sind die Versuche noch in einem früheren Stadium. Einer von diesen möglichen Impfstoffen wird auch in Sachsen-Anhalt mit entwickelt, vom Unternehmen IDT Biologika in Dessau-Tornau. Dort läuft bereits die Produktion, auf Vorrat sozusagen. Erste Tests an Menschen soll es ab September geben.

Im Rest von Deutschland forschen unter anderem die Firmen Curevac und Biontech an Impfstoffen, beide mit einem ähnlichen Ansatz wie Moderna. Konkret geht es um sogenannte mRNA-Impfstoffe. Sie unterscheiden sich von klassischen Impfstoffen, in denen normalerweise inaktivierte beziehungsweise abgeschwächte Viren verwendet werden. Oder aber es werden Proteine des Virus, vor dem geschützt werden soll, auf andere Erreger sozusagen aufgepflanzt. So wird der Körper jedenfalls zu einer Immunantwort gebracht.

Wird ausreichend Impfstoff zur Verfügung stehen?

mRNA-Impfstoffe enthalten dagegen nur ausgewählte Virusgene. Und diese dienen den Zellen des menschlichen Körpers als Bauanleitung für die Immunantwort. Besonders spannend an diesen Impfstoffen ist, dass sie schnell in großer Menge hergestellt werden könnten. Biontech hat im Erfolgsfall zum Beispiel die Produktion von 100 Millionen Impfstoffdosen allein bis zum Jahresende in Aussicht gestellt.

Auch diese Firma, die sich mit dem US-Pharmakonzern Pfizer zusammengetan hat, vermeldete kürzlich aus ihrer Sicht ermutigende Testergebnisse. Auch hier hatte man einen Impfstoffkandidaten an 45 Personen getestet, auch hier gab es nach Firmenangaben jeweils eine merkliche Immunantwort. Auch hier sollen sie Versuche ausgeweitet werden. Die US-Arzneimittelaufsicht FDA habe für den Fall weiterer erfolgreicher Tests bereits ein besonders schnelles Zulassungsverfahren angekündigt.

Nur ein Bruchteil der getesteten Substanzen wird aber am Ende zum marktfähigen Produkt werden. Das wissen auch die beteiligten Forscher und Unternehmen. Die Erfolgsquote bei der Impfstoffentwicklung ist traditionell sehr niedrig. Man muss auch sagen, dass es bisher noch keine einzige Impfung auf mRNA-Basis für Menschen gibt, trotz jahrelanger Forschung. Und noch ein größeres Problem existiert: Wenn es einmal einen Impfstoff geben sollte, vielleicht sogar mehrere, ist noch nicht klar, wer ihn dann zu welchem Preis bekommt.

Wann ein Impfstoff auf den Markt kommen könnte

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hofft aber nach eigenem Bekunden, dass es bereits in diesem Jahr einen oder zwei Impfstoffe geben könnte. Die Behörde in Genf appelliert an die reicheren Staaten der Erde, auch die ärmeren nicht zu vergessen.

Die für die Zulassung in Deutschland zuständige Behörde, das Paul-Ehrlich-Institut, hält die Zulassung eines Impfstoffs Ende des Jahres für möglich. Die Europäische Arzneimittelagentur rechnet eher mit Frühjahr 2021, wenn alles optimal läuft.

Was aber wurde aus der mutigen Testerin Jennifer Haller? Sie wurde vor wenigen Tagen von Journalisten gefragt, wie es ihr gehe. Die Antwort war ermutigend: „Fantastisch“.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 15. Juli 2020 | 07:00 Uhr

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