Marke von 5.000 Neuinfektionen überschritten: Wie kommen wir durch den Herbst?

Corona-Tests genauer auswerten als bisher, die Menschen finden, die viele andere anstecken, bundesweit einheitliche Regeln: So kommt Deutschland laut dem Virologen Christian Drosten ohne neuen Lockdown durch den Herbst.

Menschen mit Maske vor dem Bahnhof
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Deutschland ist mitten in der zweiten Welle, vor der Forscher und Politiker seit Monaten warnen: Am Mittwoch meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem Robert-Koch-Institut 5.132 neue Coronavirus-Infektionen in den letzten 24 Stunden. Damit sind hat sich die Zahl der Neuinfektionen im Oktober verdoppelt. Zunehmend mehr Städte und Landkreise werden zum Corona-Hotspot: Zuletzt überschritten unter anderem der Erzgebirgskreis in Sachsen und der Eichsfeldkreis in Thüringen die kritische Marke von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in den letzten sieben Tagen.

Drosten: Erneuter Lockdown trotz steigender Zahlen vermeidbar

Prof. Dr. Christian Drosten beim Deutschen Radiopreis im September 2020: Er wurde für seinen Podcast "Coronavirus-Update" geehrt.
Prof. Dr. Christian Drosten beim Deutschen Radiopreis im September 2020: Er wurde für seinen Podcast "Coronavirus-Update" geehrt. Bildrechte: imago images / xim.gs

Ende März zogen Bund und Länder die Notbremse, weil die Infektionszahlen stark nach oben gingen: Sie einigten sich auf strenge Kontaktregeln. Millionen Deutsche konnten gar nicht mehr oder nur im Homeoffice arbeiten, Schulen und Kindergärten waren geschlossen. Der Lockdown brachte viele Familien an die Belastungsgrenze, Wirtschaft und Handel mussten massive Einbußen hinnehmen. Ein erneuter Lockdown in der zweiten Welle kann aus Sicht des Virologen Christian Drosten aber verhindert werden: Dafür muss Deutschland aber einiges schnell anders machen als bisher, schrieb der Leiter der Virologie an der Berliner Charité in einem Gastbeitrag für die Wochenzeitung "Die Zeit".

Die Menschen finden, die viele andere anstecken

Virologe Christian Drosten spricht sich dafür aus, das in den letzten Monaten erworbene Wissen über das Corona-Virus effektiver einzusetzen als bisher. Etwa beim Eindämmen von Infektionsketten. Neun von zehn Menschen seien "Einzelüberträger" des Virus und spielten für die Verbreitung des Erregers keine große Rolle. Jeder zehnte dagegen gebe das Virus an mehrere Menschen weiter. Nur auf diese "Mehrfachüberträger" und Cluster sollten sich die Gesundheitsämter konzentrieren. Die Ämter wären in den kommenden Monaten sonst schnell überlastet, weil sich das Virus inzwischen über alle sozialen Schichten und Altersgruppen verbreitet habe.

Menschen können Gesundheitsämtern helfen

Reisende mit Mund-Nasen-Schutz vor dem Einsteigen in einen Zug in Frankfurt/Main
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Für die Suche nach den Clustern empfiehlt Virologe Drosten den Blick nach Japan: Dort hätten die Behörden offizielle Listen von Situationen erstellt, in den sehr viele Übertragungen oder auch Cluster möglich sind. Nach solchen Risikosituationen sollten die Ämter laut Drosten vermehrt suchen und danach gezielt in der Kontakthistorie von Infizierten suchen. Dabei komme es auch auf die Mithilfe der Menschen an: Die sollten möglichst ein Kontakt-Tagebuch führen. Darin werden Treffen mit anderen festgehalten, die eventuell riskant gewesen sein könnten: Etwa wenn sich eine Gruppe in einem geschlossenen Raum ohne ausreichend Abstand trifft. Im Restaurant oder bei der Arbeit. An solche Situationen könnten sich Menschen oft schon nach sieben Tagen nicht mehr erinnern, so Drosten. Bisher sei in mehr als der Hälfte der Fälle die Quelle der Ansteckung nicht mehr aufklärbar.

Kürzere Quarantäne mit Test am Ende

Die neueren Daten zur Verbreitung des Virus zeigten auch, dass eine Isolierung von fünf Tagen ausreiche: So lange sollten laut Christian Drosten Menschen in Quarantäne gehen, die sich möglicherweise in einem Cluster wie einem Großraumbüro oder einem Klassenraum angesteckt haben. Nach den fünf Tagen sollte die sicherheitshalber isolierten Menschen dann getestet werden. Bei den Tests spiele auch die Infektiosität eine Rolle. Damit ist der Zeitraum gemeint, in dem SARS-CoV-2-Infizierte andere Menschen anstecken können. Hier ist die Frage entscheidet: Hat ein Patient nur eine niedrige Viruslast oder kann er andere noch infizieren? Diese Daten können laut dem Virologen die aktuellen PCR-Tests anzeigen.

Risikogruppen weiter schützen

In seinem Podcast "Das Coronavirus-Update" im NDR hat sich Christian Drosten noch einmal deutlich dafür ausgesprochen, die bisherige Strategie in der Corona-Pandemie beizubehalten: Wenn Deutschland dem Erreger jetzt freien Lauf lasse, seien auch mehr jüngere Mütter und Väter gefährdet, mahnte der Virologe. Auch bei den Jüngeren gebe es nicht wenige Risikopatienten. Ältere könnten zudem nicht komplett abgeschirmt werden. Damit reagiert der Experte auf einen offenen Brief von drei Wissenschaftlern aus den USA und Großbritannien, die sich darin gegen bevölkerungsweite Maßnahmen aussprechen. Im Podcast forderte Drosten auch noch einmal einheitliche Regeln in der Corona-Pandemie: Das Virus werde sich immer weiter geografisch verteilen, dementsprechend hätten im Laufe der Zeit lokale Maßnahmen "immer weniger Durchgriff". Ohne "allgemeingültige Maßgaben" laufe Deutschland den Ereignissen hinterher, so der Virologe.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 14. Oktober 2020 | 09:00 Uhr

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