Wie uns die Maskenpflicht verändert

Seit Ende April gilt in Deutschland eine Maskenpflicht in vielen öffentlichen Bereichen. Sie soll vor dem Corona-Virus schützen, aber die Masken haben auch einen entscheidenden Nachteil. Das Gesicht unseres Gegenüber wird zum großen Teil unsichtbar.

Ein Mädchen mit Maske in der Schule
Bildrechte: imago images / Rupert Oberhäuser

Die Mund-Nasen-Bedeckungen, die gerade vielerorts Pflicht sind, machen es schwer, die Mimik anderer Menschen zu sehen. Ob jemand lächelt oder einem die Zunge rausstreckt ist nicht zu erkennen. Dirk W. Eilert ist Experte für Mimik. Er sagt, unsere Fähigkeit, die Mimik anderer lesen zu können habe in den letzten Jahrzehnten drastisch abgenommen. In Studien würden die Testpersonen jeden zweiten Gesichtsausdruck falsch erkennen. Und das sogar ohne Mund-Nasen-Schutz. Aber er hat auch ein paar Tipps, wie das Miteinander trotzdem funktionieren kann.

MDR JUMP: Welche Probleme entstehen denn durch die Masken beim täglichen miteinander Reden?

Dirk W. Eilert: Also, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass die Mimik die Bühne unserer Emotionen ist und wenn wir mal daran denken, wie wir, wenn wir mit Menschen sprechen, die beim Reden keine Mine verziehen auf einmal Stress bekommen, dann wird schnell klar, wie wichtig die Mimik für die Kommunikation ist. Und das ist eben genau das Problem an der Maske. Sie verdeckt einen ganz wichtigen Bereich, nämlich den Mundbereich und dann ist zum Beispiel ein Lächeln nicht mehr sichtbar. Das macht es für uns wesentlich schwerer, Kontakt zu Menschen aufzunehmen, die wir nicht kennen. Weil gerade im Erstkontakt ist Lächeln natürlich unheimlich wichtig.

Wenn wir die Mimik des anderen nicht richtig erkennen können, was genau macht das mit mir als Gegenüber?

Wir müssen hier zwei Situationen unterscheiden. Wenn ich Menschen neu kennenlerne, dann ist ein Lächeln ganz wichtig. Wir haben einen Mechanismus aus der Steinzeit noch im Kopf: Wir scannen ständig unbewusst die Umgebung auf Gefahr und die wichtigste Frage, die von unserem Gehirn unbewusst beantwortet wird, ist die Frage Freund oder Feind. Und dafür ist das Lächeln am wichtigsten. Wenn uns jemand anlächelt, dann signalisiert er, dass er uns freundlich gesinnt ist.

Die wirklich wichtigen Signale, wenn wir erst beim Gespräch sind, die laufen aber über die Augenbrauen und Augen. Also wenn wir sehen wollen, ob jemand traurig ist, ärgerlich ist oder sich freut, dann sind die Augen wichtig. Wir ziehen zum Beispiel wenn wir traurig sind kulturübergreifend die Augenbrauen, Innenseiten hoch, bei ärger ziehen wir die Augenbrauen zusammen und die Oberlippe hoch, dass dann der stechenden Blick. Und wenn wir uns freuen, dann fangen die Augen an zu lachen. Das heißt wenn wir andere Menschen wirklich gut lesen können wollen, dann reicht das eigentlich. Wenn wir die Augen betrachten, muss ich nur meine Wahrnehmung wieder für die feinen Signale ein bisschen Schulen.

Das heißt aber, dann ist der Mund-Nasen-Bereich nicht mehr ganz so wichtig, wenn ich diesen ersten Schritt gemacht habe?

Genau, das Lächeln ist vor allem bei der Kontaktaufnahme wichtig. Wenn wir dann im Gespräch sind, können wir echte Freude zum Beispiel auch im Augenbereich erkennen. Das ist übrigens auch mein Tipp: Entweder, man hat eine Maske mit Sichtfenster, sodass man den Mund sehen kann, oder - das empfehle ich - man erzeugt beim ersten Kontakt innerlich eine Freude. Wenn ich mich freue, dann fangen die Augen ganz von alleine an zu lachen.

Wie beeinflusst Mimik denn das, was in einer Unterhaltung gesagt wird?

Die Mimik hilft uns zu interpretieren, wie jemand das meint, was er gesagt hat. Und hier kann es durchaus zu Missverständnissen kommen. Ein Beispiel: Ich mache einen Witz und lächle dabei. Das Gegenüber kriegt dieses Lächeln nicht mit und merkt dementsprechend gar nicht, dass es ein Witz war. Das kann zu Missverständnissen führen.

Aber auch die Stimme ist relevant. Jeder, der eine Maske getragen hat, merkt, dass die Stimme dumpfer und leiser klingt. Das führt dazu, dass viele Menschen anfangen, lauter zu reden, weil sie verstanden werden wollen. Wenn ich lauter rede, klingt die Stimme aber auf einmal ein bisschen ärgerlich. Und dann kann es auch hier wieder über den Stimmklang zu Missverständnissen kommen.

Es heißt ja so schön, dass man Leuten an der Nasenspitze ansehen kann, wenn sie lügen. Macht die Maske es jetzt schwerer, Lügner zu enttarnen?

Das glaube ich nicht unbedingt. Die Frage ist ja, was verrät uns jetzt wirklich, ob jemand lügt? Da gibt es zwei Dinge: einmal sogenannte Mikroexpressionen. Das sind sehr kurze Gesichtsausdrücke, die schneller als 500 Millisekunden übers Gesicht huschen und die unsere wahren Emotionen enthüllen. Die zeigen sich viel im oberen Gesicht, also im Bereich Augenbrauen und Augen. Außerdem hat die Forschung herausgefunden, dass wir weniger gestikulieren. Wir bewegen die Hände weniger, wenn wir lügen, weil wenn wir uns stark konzentrieren.

Ein spannender Punkt ist aber, dass Masken uns auch entspannen können, wenn wir Zuhörer sind. Wir können uns dann nämlich ein wenig hinter der Maske verstecken. In der Forschung nennt sich das emotionale Dissonanz. Das sind Momente, in denen die Mimik etwas anderes zeigt, als wir fühlen. Da haben Studien gezeigt, dass diese emotionale Dissonanz ein stärkerer Einflussfaktor auf Burn-out ist als Zeitdruck und Arbeitspensum. Es gibt witzigerweise in China eine Firma. Die hat das erkannt die haben den sogenannten "Faceless Day" eingeführt, den gesichtslosen Tag. Da tragen die Mitarbeiter einmal im Monat einen Tag lang eine Maske, eine komplette Gesichtsmaske, um sich einfach mal so ein bisschen zu entspannen.

Was sind Ihre Tipps für den Alltag mit Maske?

Dirk W. Eilert
Dirk W. Eilert ist Coach und Experte für Mimik. Außerdem hat er mehrere Bücher zum Thema geschrieben, zum Beispiel "Mimik lesen". Bildrechte: GABAL Verlag

Allgemein beim Erstkontakt erstmal eine Freude von innen erzeugen, damit die Augen automatisch mitlachen. Der zweite Tipp: Sich mit der eigenen Maske wirklich mal vor dem Spiegel stellen, damit man ein Gefühl dafür bekommt welche Signale beim anderen eigentlich noch ankommen. Auf die eigene Stimme achten, dass man normal weiterredet und nicht anfängt zu schreien. Und mein letzter Tipp: mehr über Gefühle reden. Dadurch, dass die Maske eben einen Teil des Gesichtes zumindest abdeckt, werden die meisten Menschen andere nicht mehr so gut lesen können. Das macht dann das gegenseitige Miteinander auch ein bisschen leichter.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 28. Mai 2020 | 12:15 Uhr

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