"Mit" oder "an" Corona verstorben? - Hier die Fakten

Es ist ein Dauerbrenner in der Corona-Diskussion: Sterben die Opfer tatsächlich am Sars-CoV-2-Erreger? Oder eben doch nur mit ihm – weil sie ohnehin am Ende ihres Lebens standen? Mediziner haben dazu mittlerweile eine ziemlich klare Antwort.

Ein Sarg mit einem Verstorbenen mit der Aufschrift "Covid 19" und dem Zeichen "Biohazard" wird von einem Bestatter in das Krematorium "Feuerbestattungen Dülmen" eingeliefert
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Im Frühjahr des vergangenen Jahres sorgte der Hamburger Pathologe Klaus Püschel für bundesweite Schlagzeilen. Der damalige Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf hatte zwölf der ersten Corona-Toten in Norddeutschland obduziert. Danach war er zu einem aufsehenerregenden Fazit gekommen: „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung“, so der inzwischen pensionierte Mediziner. Bildlich gesprochen war das Virus sozusagen der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

Püschels augenscheinliches Ziel war es, die Menschen in der beginnenden Corona-Pandemie zu beruhigen. Deswegen erklärte er: „Dieses Virus beeinflusst in einer völlig überzogenen Weise unser Leben. Das steht in keinem Verhältnis zu der Gefahr, die vom Virus ausgeht.“ Denn – und diese Formulierung bestimmte dann in den folgenden Monaten viele Diskussionen um Corona – „mit“ dem Erreger zu versterben sei eben nicht dasselbe, wie „an“ ihm zu versterben.

Im ersten Fall hätte sich ein Sterbenskranker in seinen letzten Tagen eben zusätzlich mit dem Sars-CoV-2-Erreger infiziert. Das ist zwar tragisch, fällt aber gesellschaftlich gesehen kaum ins Gewicht und rechtfertigt auch kaum Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Im zweiten Fall wären bei zuvor Gesunden tödliche Komplikationen aufgetreten. Und das wäre dramatisch.

Doch laut Püschel fielen die von ihm untersuchten Toten eben in die erste Kategorie. Alles halb so wild, also. Oder doch nicht?

Weil die genaue Unterscheidung in vielen Fällen oft nicht einfach ist, wird vielfach, zum Beispiel beim Robert Koch-Institut, die Formulierung „an und mit Covid-19 verstorben“ verwendet. Doch mehrere aktuelle Befunde deuten darauf hin, dass es in vielen Fällen eben doch „an“ heißen muss - und nicht nur „mit“.

„Inneres Ersticken“

Ein Beispiel von der Uniklinik Augsburg: Dort sind bereits mehr als 100 verstorbene Covid-19-Patienten obduziert worden. Und Chef-Pathologe Bruno Märkl sagt: „Die meisten könnten noch leben, wenn sie sich nicht mit dem Coronavirus infiziert hätten“. Die Annahme, tödliche Verläufe träfen nur ältere Menschen mit schweren Vorerkrankungen, die ohnehin bald gestorben wären, „das sehen wir überhaupt nicht“. Und weiter: „Ich wünschte, ich könnte diejenigen, die an der Gefährlichkeit lauthals zweifeln, einladen, mir bei einer solchen Obduktion über die Schultern zu schauen - sie würden schnell verstummen.“ Letzten Endes sei es ein „inneres Ersticken“, an dem die Patienten sterben.

Auch Mediziner aus Kiel haben Ähnliches zu berichten: Der Großteil der mehr als 50 von ihnen obduzierten Menschen, die sich vor ihrem Tod mit Corona infiziert hatten, starb tatsächlich an Covid-19. „Bei 85 Prozent der Fälle konnten wir wirklich bestätigen, dass sie an Covid-19 verstorben sind“, so der Direktor des Instituts für Pathologie am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, Christoph Röcken. Das Virus verursache relativ typische Veränderungen an der Lunge. So könne man es von anderen Entzündungsformen des Atemorgans unterscheiden.

Er höre von anderen Pathologen bundesweit, dass diese zu ähnlichen Ergebnissen kämen, sagte der Kieler Pathologe weiter. Deutschlandweite Daten aus dem Obduktionsregister liegen jedoch noch nicht vor. In dem Register tragen 34 Universitätskliniken aus dem ganzen Land ihre Ergebnisse zusammen.

Verstorbene hätten im Schnitt noch fast zehn Jahre leben können

Allerdings gibt es eine Auswertung des Bundesverbands Deutscher Pathologen, der Deutschen Gesellschaft für Pathologie und der Deutschen Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie aus dem letzten Sommer. Dafür waren die Untersuchungsergebnisse von 154 obduzierten Verstorbenen ausgewertet worden. Dabei hatte sich gezeigt, dass bei 86 Prozent der Betroffenen eindeutig Covid-19 die Todesursache war. Nur in einem Siebtel der Toten hatten die Pathologen keine charakteristischen Organschäden gefunden.

Der Hamburger Pathologe Püschel hatte mit seiner Vermutung Covid-19 sei „nur im Ausnahmefall eine tödliche Krankheit, in den meisten Fällen jedoch eine überwiegend harmlos verlaufende Virusinfektion“ auf jeden Fall unrecht. Inzwischen sind in Deutschland fast 70.000 Menschen verstorben. Einige „mit“, vielen jedoch eben auch „an“ Corona.

Forscher des Robert Koch-Instituts haben errechnet, dass in Deutschland im vergangenen 2020 durch Covid-19-Todesfälle insgesamt mehr als 300.000 Lebensjahre verloren gegangen sind. Unter dieser Zahl kann man sich vielleicht noch nichts vorstellen, deswegen machen wir es mal konkret: „Durchschnittlich verlor jede verstorbene Person 9,6 Lebensjahre“, so die Experten mit Verweis auf die statistische Restlebenserwartung. Bei Frauen lag der Verlust im Schnitt bei 8,1 Jahren, bei Männern sogar bei 11 Jahren - weil diese oft jünger sind, wenn sie erkranken.

Vom Nachfolger des Hamburger Pathologen Püschel, Benjamin Ondruschka, gibt es übrigens eine brandneue Untersuchung zu den Covid-Todesopfern in seiner Stadt. Nach Auswertung von 735 Todesfällen kommt der Mediziner darin zu einem klaren Schluss: Nur in sieben Prozent der Fälle waren die Verstorbenen zwar mit dem Sars-CoV-2-Erreger infiziert, die Infektion war aber nicht todesursächlich.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 19. Februar 2021 | 19:10 Uhr

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