Wie gefährlich sind die Corona-Mutationen?

Es ist eine Nachricht, die keiner braucht: Mutierte Versionen des Corona-Virus sind wohl noch mal deutlich ansteckender als bisher. Die Impfung hilft zwar trotzdem. Dennoch machen sich Experten große Sorgen.

Symbolbild, Coronavirus mit 3D-Rendering nachgestellt
Bildrechte: imago images/imagebroker

Dass Viren mutieren ist völlig normal. Das hat damit zu tun, dass der Erreger während so einer Pandemie die Körperzellen der infizierten Personen dazu bringt, viele Milliarden Kopien von ihm herzustellen. Und ab und zu geht beim Kopieren halt etwas daneben. Das ist, wenn man so will, wie wenn man in der Schule falsch abgeschrieben hat. Nun kann es sein, dass eine der eigentlich unerwünschten Kopien einen Vorteil gegenüber dem bisherigen Erreger hat – und diese Variante wird sich dann durchsetzen. Wir können sozusagen der Evolution bei der Arbeit zusehen.

Im Vergleich zu anderen Viren, etwa Grippe-Erregern, mutiert Sars-CoV-2 sogar ziemlich langsam. Aber bei gleich mehreren Mutationen, die Forschern in den vergangenen Wochen aufgefallen sind, gibt es laut Experten durchaus Grund zur Sorge. Zuerst beobachtet wurden sie in Großbritannien und Südafrika, wobei nicht gesagt ist, dass die Mutationen dort tatsächlich ihren Anfang genommen haben. Auch aus Japan gibt es aktuell Berichte über neue, gefährliche Mutationen.

Kein Hinweis auf mehr tödliche Verläufe – und das ist trotzdem keine gute Nachricht

Mikroskop-Aufnahme von Coronavirus
Bildrechte: dpa

Die britische Virenvariante ist in den Datenbanken der Virologen unter dem Code VOC 2020/12/01 oder B.1.1.7 zu finden, die aus Südafrika unter 501.V2 oder B.1.351. Genetisch unterscheiden sich beide Varianten, sie haben aber wohl eines gemeinsam: Sie sind wohl ansteckender als die bisher kursierenden Versionen des Corona-Virus. Der sogenannte R-Wert ist etwa bei der britischen Variante um 0,4 bis 0,7 erhöht, so eine Studie des Imperial College London.

Einen Hinweis auf schwerere Krankheitsverläufe oder gar höhere Todeszahlen gibt es derzeit nicht. Das klingt im Prinzip wie eine gute Nachricht – ist es aber nicht. Man darf nämlich nicht nur auf die einzelne infizierte Person schauen, sondern muss die Gesamtbevölkerung im Blick haben. Und da zeigt sich: Selbst wenn der Erreger jeweils nur ein kleines bisschen ansteckender ist als bisher, und das ist er eben wohl, entwickeln sich daraus deutlich mehr Krankheitsfälle. Daraus wiederum ergibt sich am Ende auch eine große Zahl zusätzlicher Toter.

So paradox das also klingt: Das Virus muss also gar nicht tödlicher sein, um trotzdem in unserer Gesellschaft viel mehr Opfer als bisher zu fordern. Weil einfach viel mehr Menschen krank werden. Ob es tatsächlich so kommen wird, hängt von der Wirksamkeit der Gegenmaßnahmen ab.

Die Forscherin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation in Göttingen warnt: Sollten sich die aktuellen Befürchtungen zu den mutierten Erregern bestätigen – und darauf deute vieles hin –, dürften die aktuellen Eindämmungsmaßnahmen nicht mehr ausreichen, sobald sich ein ansteckenderer Erreger bei uns ausbreitet. „Das wäre, als ob wir es mit einem neuen Virus zu tun haben.“ In der Diskussion sind daher strengere Maßnahmen, die auch eine Stilllegung in bisher nicht betroffenen Wirtschaftsbereichen zur Folge haben könnten.

Warnung vor „anstrengenden Wochen und Monaten“

Die Virologin Isabella Eckerle von der Universität Genf sagt: „Es kommen nochmal ein paar anstrengende Wochen und Monate auf uns zu.“ Denn klar ist: Die mutierten Virenversionen sind längst in Deutschland angekommen.

Wie weit verbreitet sie genau sind, lässt sich schwer sagen. Das hat damit zu tun, dass im Deutschland – im Gegensatz zu Ländern wie Großbritannien oder Dänemark bisher nur in vergleichsweise wenigen Fällen die Erbinformationen der zirkulierenden Corona-Viren komplett entschlüsselt wurden. Das hat auch damit zu tun, dass bei uns viele der Corona-Tests in privaten Laboren gemacht wurden. So ließ sich die Testkapazität schnell hochfahren, die tiefergehenden Untersuchungen blieben aber auf der Strecke. Das soll sich nun nach dem Willen der Bundesregierung aber ändern.

Negativbeispiele Großbritannien und Irland

Dass sich die mutierten Virusvarianten wegen ihres evolutionären Vorteils früher oder später auch bei uns durchsetzen dürften, daran besteht kaum ein Zweifel. Für die Entwicklung der Fallzahlen lässt das nicht viel Gutes erhoffen. Dafür muss man sich den zuletzt massiven Anstieg der Infektionen in Großbritannien und Irland ansehen, die zu einem großen Teil auf den deutlich ansteckenderen Erreger zurückgeführt werden.

Epidemische Viruspartikel, Konzeptgrafik
Bildrechte: imago images/Panthermedia

Die jetzt anlaufenden Corona-Impfungen wirken auch gegen die mutierten Erreger. Im Fall der südafrikanischen Variante könnte es jedoch so sein, dass die Immunantwort des Körpers nicht mehr ganz so stark ausfällt. Die Impfstoffproduzenten haben aber schon in Aussicht gestellt, dass sie ihre Impfstoffe nötigenfalls auch einfach anpassen können. Das ist also nicht das ganz große Problem – das eher schleppende Impftempo hierzulande schon eher.

Die Frage ist, wie sich die Fallzahlen entwickeln – damit das Gesundheitssystem nicht überlastet wird und die Impfkampagne wie geplant – oder am besten sogar noch schneller – abgewickelt werden kann.

„Da muss man eben, statt nur entsetzt zuzuschauen und zuzugucken, wie einen Monat später die Intensivstationen immer voller werden, jetzt muss man leider bei den Maßnahmen auch noch eine Schippe drauflegen“, sagt der Virologe Christian Drosten von der Charité in Berlin.  

Forscher warnen außerdem: Sollten die Fallzahlen jetzt sehr stark hochgehen, steigt damit natürlich auch die Gefahr weiterer Mutationen. Denn jedes Mal werden wieder zahllose neue Virenkopien erstellt. Und vielleicht kommt es dabei ja wieder zu einem Fehler – und eine neue, womöglich noch problematischere Version ist in der Welt.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 17. Januar 2021 | 13:10 Uhr

Weitere Informationen zu Corona