Quarantäne in Neustadt am Rennsteig: "Wir müssen das Beste daraus machen"

25.03.2020 | 07:43 Uhr

Im südthüringischen Neustadt am Rennsteig geht nichts mehr. Der 900-Seelen-Ort steht unter Quarantäne. Bürgermeister Dirk Macheleidt berichtet im MDR JUMP-Interview, wie er die Situation erlebt.

Absperrung zum Ort Neustadt am Rennsteig
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wegen der Ausbreitung des Coronavirus ist der Ort Neustadt am Rennsteig im Ausnahmezustand. Dort wurde eine 14-tägige Quarantäne angeordnet, nachdem mindestens zehn Einwohner an Covid-19 erkrankt sind. Den Ort darf man nur noch in Ausnahmefällen und mit entsprechender Schutzkleidung betreten. Zugelassen sind unter anderem Pflege- und Rettungsdienste, Feuerwehr und Polizei.

Wir haben im MDR JUMP-Interview den Bürgermeister von Neustadt am Rennsteig, Dirk Macheleidt, gefragt, wie denn Tag 1 in Quarantäne gelaufen ist:

Es gab erstmal viele Telefonanrufe von besorgten Bürgern, die bestimmte Fragen hatten, die geklärt werden mussten. Einige konnten wir gleich beantworten, die anderen haben noch ein paar Tage Zeit, je nach Priorität. Ansonsten war der Ort ein bisschen ausgestorben und bestimmte Maßnahmen wurden eingeleitet, so dass es erstmal funktioniert.  

Wie wird denn die Hilfe für die Menschen, die jetzt nicht mehr aus dem Ort rauskommen, organisiert?

Wir haben viel Nachbarschaftshilfe und auch Freiwillige, die sich melden, für jemanden was zu übernehmen. Die Freiwillige Feuerwehr übernimmt so weit wie möglich bestimmte Sachen, zum Beispiel die Medikamentenverteilung und der Rest wird sich dann noch ergeben, so dass wir alles, wo Hilfe gebraucht wird, man die dann auch an der Stelle ansetzen kann, wo sie zweckmäßig ist.

Aber das geht nur im Ort selbst? Von draußen darf ja niemand rein, oder?

Von draußen darf niemand rein, nur in Schutzkleidung und damit sieht es sehr schlecht aus.

Was meinen Sie damit?

Es gibt sehr wenig Schutzkleidung und noch nicht einmal für einen Ort der abgeriegelt ist wird separat Schutzkleidung zur Verfügung gestellt. Das finde ich schon ein bisschen traurig. Aber ist halt so.

Wo genau klemmt es denn da? Wieso gibt es denn nicht genügend Schutzkleidung? 

Auf so eine Situation war ja nicht jeder vorbereitet und jetzt aktuell zu erwerben gibt es die ja nicht, weder Schutzmasken, noch Schutzkleidung.

Wie wird diese Quarantäne denn überwacht bei Ihnen?

An den Ortseingängen stehen Straßensperren und dort kontrolliert die Freiwillige Feuerwehr und im Ort ist die Polizei mit einem Streifenwagen im Einsatz.

Wie wird denn die Versorgung mit Lebensmitteln ermöglicht?

Wir haben einen Supermarkt, der ist geöffnet. Die Versorgung mit Nachschub sollte funktionieren, wenn die Leute, die liefern auch Schutzkleidung anhaben. Dann können sie reinfahren und entladen. Also das kann man schon gewährleisten. Das funktioniert.

Die Landrätin Petra Enders hatte ja recht deutliche Worte gefunden und kritisiert, dass Veranstaltungen in Vereinen stattgefunden haben, als das schon verboten war. Glauben Sie denn, dass diese Leute jetzt verstehen, dass es ernst ist?

Die Leute haben das vorher schon verstanden. Und die Schuldzuweisung jetzt ist nicht zweckmäßig. Die Leute haben sich an das gehalten, was behördlich rausgegeben worden ist. Veranstaltungen nur bis 30 Leute. Sicherlich hat der ein oder andere den Kontakt übertrieben. Das kann vielleicht sein, aber das war mit Sicherheit auch andernorts so und nicht nur in Neustadt. Also jetzt die Schuld diesen Personen zu geben, dass es in Neustadt so weit gekommen ist, finde ich nicht der Sache dienlich. Man hat das Gefühl, man wird behandelt wie ein Aussätziger und dann wird noch mehr mit dem Finger auf die betroffenen Bürgerinnen und Bürger gezeigt. Die Hetze im Netz reicht schon aus. Das sollte eigentlich von behördlicher Seite untersagt werden. Denn so kann ich ein Miteinander nicht schaffen. Da kann ich auch keine Nachbarschaftshilfe schaffen, wenn ich bestimmte Personen als Aussätzige deklariere.

Wie sehen denn die nächsten 14 Tage bei Ihnen aus?

Wir müssen die 14 Tage überstehen. Man hat uns nun mal diese Quarantäne aufgedrückt. Ob das notwendig war oder nicht, das will ich nicht bewerten. Da habe ich meine Meinung dazu. Die konnte ich nicht äußern. Die werde ich auch nicht äußern. Ja, wir müssen einfach das Beste daraus machen. Wichtig ist, dass die Zusagen der Landrätin eingehalten werden: das die Versorgung funktioniert und das die Pflegedienste funktionieren. Dann sollten wir das in Neustadt auch hinkriegen. Wenn natürlich die Versprechen nicht realisiert werden, dann siehts schlecht aus.

Zuletzt aktualisiert: 25. März 2020, 07:43 Uhr

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