Steigen die Corona-Zahlen, weil mehr getestet wird?

Es ist das Lieblingsargument des US-Präsidenten: Nur weil in den USA so viel getestet wird, liegen dort die Corona-Zahlen so hoch. Und auch in Deutschland gibt es manch einen, das für uns hier auch so sieht. Was ist da dran?

Ein Arzt nimmt in einer Hausarztpraxis mit einem Tupfer einen Abstrich bei einer Frau für einen Coronatest.
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Donald Trump steckt in einem Umfragetief. Dabei ist es gar nicht mehr lange hin bis zur Wahl im November. Also gibt der US-Präsident in diesen Tagen ein Interview nach dem anderen, zuletzt zum Beispiel dem Reporter Jonathan Swan von der Nachrichtenseite Axios. Zu dem Journalisten, so heißt es in Washington, hat der Präsident eigentlich ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Trump: Wir haben viel mehr Fälle, weil wir viel besser testen.

Doch dieses Mal geht Swan ihn hart an. Grund sind die schlechten Corona-Zahlen der USA. Trump verteidigt sich im Gespräch mit ein paar ausgedruckten Statistiken die er mitgebracht hat - und mit eher dünnen Argumenten. So sagt er, man dürfe sich nicht die Zahl der Fälle bezogen auf die Einwohner als Vergleichsmaß für die Entwicklung der Pandemie in verschiedenen Ländern verwenden. Dabei tun Experten genau das, weil es auf diese Weise eine internationale Vergleichbarkeit gibt.

Und dann kommt Trumps Lieblingsargument: „Wir haben viel mehr Fälle, weil wir viel besser testen.“ Das würde heißen: Würde man nur nicht so genau hinsehen, dann wäre die Lage bei Corona auch nicht so dramatisch. Nun, ist da womöglich doch etwas dran? Und ist das vielleicht sogar bei uns in Deutschland ganz ähnlich der Fall? Wer Antworten auf diese Fragen sucht, muss ein bisschen in die Tücken der Statistik einsteigen.

Internationale Vergleichbarkeit ist das Ziel

Unter anderem muss man auf die Zahl der durchgeführten Tests schauen – und zwar nicht auf ihre Gesamtzahl, sondern auf die Tests pro, sagen wir, 100.000 Einwohner. Auch hier ergibt sich dadurch eine internationale Vergleichbarkeit. Und wer auf diese Zahlen blickt, der sieht: Ja, in den USA wird tatsächlich pro Kopf deutlich mehr getestet als in so ziemlich allen Staaten der Erde. Nur Hong Kong tut da noch mehr. Amerika kommt aktuell auf rund 174 Corona-Tests pro 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: Die Zahl in Deutschland liegt bei 68 Tests pro 100.000 Bürgern. Ganz hinten in der Statistik liegt zum Beispiel Indien mit 1 Test pro 100.000 Einwohner, ähnlich niedrig ist die Zahl zum Beispiel in Nigeria.

Das heißt: Ein Stück weit trägt das Trumps Argument tatsächlich, dass mehr Tests quasi automatisch zu mehr Fällen führen. Allerdings eben nur ein Stück weit. Das große ABER kommt noch.

Wer nicht hinschaut, sieht auch nichts

Klar ist: Wenn man nicht testet, findet man auch nichts. Da wiegt man sich dann in falscher Sicherheit. Der Virus geht ja nicht weg. Das ist wie ein kleines Kind, das sich beim Verstecken spielen die Hand vor die Augen hält und dann glaubt, dass man es nicht sieht. Man muss also testen, um die Entwicklung der Pandemie zu verstehen.

In Deutschland wird deswegen auch möglichst viel getestet. Nach den aktuellsten Zahlen des Robert Koch-Institutes kommen wir aktuell pro Woche auf mehr als 563.000 Corona-Tests. Das ist die bisher höchste Zahl im Verlauf der Pandemie. Mehr als 170 Labore bundesweit führen die Auswertungen aus. Zuletzt fanden sie dabei 4300 Fälle pro Woche.

Tests in Deutschland auf Rekordhoch

Ab dieser Woche sollen alle Einreisenden aus Risikogebieten verpflichtend auf den Sars-CoV-2-Erreger getestet werden. Daneben gibt es freiwillige Angebote für Urlaubsrückkehrer aus anderen Ländern, auch bei uns in Mitteldeutschland.

Jetzt aber mal noch ein bisschen Mathe, sorry: Es gibt auch einen Zusammenhang zwischen der Zahl der Tests und der Todesrate in einem Land. Denn wenn man viel testet, findet man tendenziell auch leichtere Fälle, die einem sonst vielleicht durch die Lappen gegangen wären. Mit der Zahl der Tests sinkt daher normalerweise auch die Todesrate in einem Land.

Allein die Zahl der Tests ist nicht aussagefähig

Um zu verstehen, was die Zahl der Tests mit der Zahl der Fälle zu tun hat, muss man sich aber noch eine weitere Zahl ansehen – und das ist der Anteil von positiven Tests an der Gesamtzahl. Das heißt: Bei wie vielen der Tests finde ich einen Erkrankten? Je niedriger die Zahl ist, desto besser ist es. In Deutschland lag die Trefferquote, nennen wir sie mal etwas flapsig, zuletzt bei 0,8 Prozent. Das ist ein leichter Anstieg, zwischenzeitlich hatte die Quote bei nur 0,6 gelegen.

In den USA, zum Vergleich, liegt die Quote bei sieben bis acht Prozent. Und das ist das große ABER. Denn das heißt auch: Trumps Argument haut so nicht hin. Es müsste eigentlich noch viel mehr getestet werden, die Pandemie hat sich massiv im Land verbreitet. Das ist der Grund für die hohen Fallzahlen – und nicht die schiere Menge der Tests.

Die Fallzahlen in Deutschland steigen ja allerdings auch wieder. Aktuell liegen wir laut Robert Koch-Institut bei etwa 900 Neuinfektionen pro Tag. Immer wieder wird darüber diskutiert, ob das womöglich der Beginn einer zweiten Corona-Welle ist.

Sorgloser Umgang mit Corona-Regeln sorgt für steigende Fallzahlen

Als ein wichtiger Grund für die steigenden Fallzahlen bei uns gelten neben den allgemeinen Lockerungen der Corona-Regeln und einem bei zumindest manchen auch wieder recht sorglosen Umgang mit der Pandemie auch Urlaubsrückkehrer aus anderen Ländern Europas. Und hier scheint es nun eine interessante Entwicklung zu geben, darauf deuten zumindest Zahlen von den Flughäfen in Nordrhein-Westfalen hin: Dort gab es laut dem dortigen Sozialminister Karl-Josef Laumann bei Corona-Tests von Rückkehrern aus Risikogebieten nämlich eine Trefferquote von 2,5 Prozent. Und zwar ohne dass besonders viele Menschen irgendwelche Symptome gezeigt hätten. „Das ist, wenn man jetzt ohne besonderen Anlass testet, schon eine hohe Trefferquote“, so Laumann.

Anders gesagt: Wenn es keine Neuinfektionen gibt, dann treiben auch zusätzliche Corona-Tests die Gesamtzahl der Fälle nicht in die Höhe. Aber das trifft auf Deutschland nicht zu – auch wegen der Urlaubsrückkehrer. Und auf die USA ebenfalls nicht, da kann Trump so viel reden wie er will.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 05. August 2020 | 17:40 Uhr

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