Warum die Corona-Zahlen gerade so stark steigen

Was haben Corona-Statistiken mit Würfeln zu tun? Ein Wissenschaftsjournalist hat dazu interessante Erkenntnisse. Sie helfen zu verstehen, warum die Pandemie mit voller Wucht zurück ist – und warum wir uns wieder mehr einigeln müssen.

Beatmung eines Covid-Patient
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Michael Müller hatte, wie man so schön sagt, die Faxen dicke. „Wir sind hier nicht die einzigen Doofen, und ich lass‘ mich hier nicht weiter beschimpfen“, grollte der Regierende Bürgermeister von Berlin bei einer Pressekonferenz in dieser Woche. Es ging um die aktuellen Corona-Trends. Und nachdem die Hauptstadt eine Weile lang ja wegen rasch steigender Zahlen ausgesehen hatte wie das Pandemie-Epizentrum des Landes, ist inzwischen klar: In weiten Teilen von Deutschland geht die Zahl der positiven Covid-19-Tests gerade massiv nach oben. Niemand kann also mit dem Finger auf andere zeigen.

Screenshot einer Deutschlandkarte, auf der man die Verbreitung des Coronavirus sieht.
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Auch bei uns in der Region gibt es längst zahlreiche Hotspots - zum Beispiel die Landkreise Görlitz, Bautzen, Sächsische Schweiz-Osterzgebirge, Sömmerda und Eichsfeld, den Erzgebirgskreis, die Städte Chemnitz, Zwickau und so weiter. Und es stellt sich die Frage: Warum kommt die Pandemie nach Monaten der scheinbaren Ruhe gerade mit so großer Wucht wieder zurück? Obwohl die Meisten doch da, wo sie dazu angehalten sind, brav ihre Masken tragen.

Wer eine eins würfelt, steckt sich an

Einen Erklärungsansatz hat der Wissenschaftsjournalist Lars Fischer gerade in einem Artikel geliefert. Er sagt: Neben den Masken spielt vor allem die Zahl unserer sozialen Kontakte eine Rolle. Und die ist eben über den Sommer in den allermeisten Fällen wieder stark gestiegen: „Über den Sommer hat sich eine instabile Situation entwickelt, in der nur der geeignete Auslöser fehlte, um die Infektionszahlen stark steigen zu lassen“, schreibt Fischer.

Um seine Argumentation zu unserem jeweiligen Risiko verständlich zu machen, vergleicht der Journalist jede Situation, in der wir uns möglicherweise infizieren könnten, mit einem Würfelspiel. Wenn wir zu wenig Punkte würfeln, sagen wir eine eins, dann stecken wir uns an.

Damit das nicht passiert, gebe es nun zwei Möglichkeiten: Man könne einen Würfel mit mehr als sechs Seiten nehmen. Und ja, so etwas existiert tatsächlich. Die entsprechende geometrische Form wird Ikosaeder genannt.

Wer nicht würfelt, steckt sich nicht an – aber das funktioniert kaum

Wenn wir nun in einer möglicherweise problematischen Situation Masken tragen, dann machen wir sozusagen genau das: Wir senken die Infektionswahrscheinlichkeit in einer bestimmten Situation. Das heißt, wir fügen dem Würfel zusätzliche Flächen hinzu. Unsere Chance, eine eins zu würfeln sinkt damit. Dasselbe passiert übrigens, wenn wir uns draußen statt drinnen treffen. Beides richtig gute Ideen, dieser Tage. Im Ernst.

Die andere Möglichkeit wäre es, schreibt Fischer, einfach seltener zu würfeln. Und genau dafür sollen Kontaktbeschränkungen und ähnliche Regeln sorgen. Der Extremfall: „Wer nicht würfelt, würfelt keine eins, wer keine Menschen trifft, steckt sich nicht an.“ Das funktioniere zwar im Prinzip, sei aber keine Dauerlösung.

Im Frühjahr hätten wir alle, um im Bild zu bleiben, einfach sehr wenig gewürfelt. Das war die Zeit, als viele von uns keine Leute gesehen haben, um dem damals noch weitgehend unerforschten Virus keine Chance zur Verbreitung zu geben. Das habe sich über die Monate aber langsam geändert. Schien ja auch alles nicht so schlimm, die Fallzahlen gingen runter, die Intensivstationen leerten sich. War zwar nicht alles wie immer, aber auch nicht mehr die ganz große Panik. Zumal mehr und mehr Menschen die Erkrankung auch mehr oder weniger gut überstanden.

Große Teile des Landes tiefrot

Also normalisierten wir unser Leben wieder etwas. Und die Entwicklung gab das ja auch durchaus her. Das lag wohl auch daran, dass der sprichwörtliche Würfel – wegen der Masken drinnen und vielen Aktivitäten an der frischen Luft – zusätzliche Seiten bekommen hatte.

Doch aktuell halten wir uns einfach wieder mehr drinnen auf, die Zeiten des schönen Wetters sind – bis auf wenige Ausnahmen - vorbei. Die Chancen, eine eins zu würfeln steigen damit wieder. Eine Reaktion darauf wäre es nun, die Zahl der Kontakte zu senken. Doch in den vergangenen Wochen haben viele von uns das Gegenteil gemacht: Wir sind dann doch wieder auf die Feier gegangen, auf das Klassentreffen, zum Sport und so weiter.

Und dieses Verhalten müssen wir uns jetzt mühsam wieder abtrainieren. Denn das Virus hat sich schon seit Wochen wieder verstärkt verbreitet – es hat nur fast niemand mitbekommen, weil die Ansteckungsgefahr wegen der insgesamt niedrigen Fallzahlen eben sehr gering war. Das hat sich jetzt geändert.

Auf einmal flammen große Teile des Landes auf den Landkarten tiefrot auf. Es ist ein Szenario, das Virologen wie Christian Drosten von der Charité schon vor Monaten vorhergesehen hatten: „Das Virus wird sich jetzt über die nächsten Wochen und Monate, über den Sommer, in ganz Deutschland weiter verteilen“, hatte er bereits im April gewarnt.

Superspreading lässt sich verhindern

Drosten zog damals Parallelen zur sogenannten Spanischen Grippe in den Jahren 1918 bis 1920. Damals sei es nach einer ersten Welle, die einige Orte schwer betroffen hatte, auch zu einer unbemerkten, gleichmäßigeren Verbreitung gekommen - und dann im Winter zu Infektionsketten an allen Orten. So sieht es auch bei uns gerade aus. Für viele von uns mag diese Entwicklung überraschend kommen, für die Experten ist sie es nicht. Die Frage ist, was wir aus dieser Erkenntnis machen.

Auߟenansicht des Firmengeländes vom Fleischwerk Tönnies
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Schweren Herzens werden wir uns wohl wieder einigeln müssen. Die Reduktion der Kontakte sollte übrigens auch dabei helfen, sogenannte Superspreading-Ereignisse zu vermeiden. Das sind Fälle, wo ein einzelner Infizierter teils Dutzende andere ansteckt. So war es zum Beispiel bei den Infektionen im Tönnies-Schlachthof Rheda-Wiedenbrück. Superspreading-Ereignisse treiben die Pandemie entscheidend an, das wissen Forscher mittlerweile. Wenn sich nicht mehr so viele Menschen gleichzeitig sehen, fällt diese Situationen aber als Infektionsquelle aus. Das sind doch auch mal gute Nachrichten. Und die können wir ja gerade alle mehr als gut brauchen!

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 25. Oktober 2020 | 17:40 Uhr

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