Negativzinsen ab dem erstem Euro

21.11.2019 | 10:53 Uhr

Finanzexperten hatten das schon lange vorhergesagt: Die ersten Banken verlangen Negativzinsen auch von privaten Kunden mit kleinen Guthaben auf dem Konto. Die müssen zahlen, wenn sie Geld auf einem Tageskonto anlegen.

Logo der Volksbank
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Bis vor wenigen Jahren kannten es Bankkunden nicht anders: Sie legen ihr Geld auf einem Giro-, Spar- oder Tagesgeld-Konto an und bekommen dafür Zinsen. Doch das hat die Geldpolitik Europäischen Zentralbank (EZB) inzwischen grundlegend geändert. Die Banken müssen für geparkte Kundengelder Strafzinsen zahlen und geben diese zunehmend stärker auch an Sparer weiter. Erst gab es auf Giro- oder Tagesgeldkonten kaum noch Erträge. Dann mussten Firmenkunden und private Kunden mit sehr viel Geld Negativzinsen auf ihre Konten bezahlen.

Ab dem ersten Euro

Inzwischen müssen auch private Kunden mit kleinen Guthaben damit rechnen, dass dieses bei der Bank "schrumpft“. Meist wird die Gebühr nicht "Negativzins", sondern "Verwahrentgelt" genannt. So sorgte diese Woche die Ankündigung einer Volksbank aus Bayern für Aufsehen. Die Volksbank Fürstenfeldbruck erhebt Negativzinsen auf Tagesgeldkonten neuer Kunden und zwar ab dem ersten Euro. Die Bank will damit nach eigenen Angaben aber niemanden bestrafen. Der Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern (GVB), Jürgen Gros sagte dazu:

Unserem Kollegen in Fürstenfeldbruck ist wichtig, dass sie einen Schutz für die Bestandskunden erreichen. Denn Volks-und Raiffeisenbanken verzeichnen in den vergangenen Jahren ein sehr großes Einlagenwachstum. Wenn eine Bank dieses Geld nicht in Krediten wieder ausreichen kann, muss sie es anlegen.

Dafür werden aber eben Negativzinsen fällig. Laut dem Vergleichsportal Verivox sind noch andere Banken diesen Schritt gegangen: So hat beispielsweise die Volksbank Magdeburg Anfang November einen Negativzins eingeführt, der ab 75.000 Euro auf dem Tagesgeldkonto fällig wird. Laut dem Verbraucherportal Biallo haben weitere Banken so genannte Verwahrentgelte auch für kleinere Guthaben angekündigt. Der Gründer und Inhaber des Verbraucherportals Horst Biallo sagte dazu:

Das werden künftig noch viele andere Banken machen, um Leute abzuschrecken, die nur zu ihnen kommen, weil sie woanders diese Zinsen schon zahlen müssen.

Biallo rät zum Kontowechsel, sollte die Bank Negativzinsen einführen. Noch gebe es genug Finanzinstitute, mit Konten ohne Gebühren. Alternativ könnten Kunden ihr Guthaben auf mehrere Tagesgeldkonten aufteilen, um so die Freibeträge zu nutzen, für die keine Verwahrentgelte fällig werden.

"Das ist erst der Anfang"

Über die ganz konkreten Folgen für private Sparer haben wir mit dem Finanzexperten und Buchautoren Marc Friedrich („Der größte Crash aller Zeiten“, Eichborn) gesprochen.

Herr Friedrich, ab jetzt bekommen Neukunden nicht nur keine Zinsen mehr. Stattdessen wird das Geld auf dem Konto weniger. Ist das nicht eine Frechheit?

Finanzexperte und Buchautor Marc Friedrich
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Ja, absolut, aber das ist halt leider die logische Entwicklung dieser Notenbankpolitik, die uns alle enteignet. Und es wird erst der Anfang sein. Wir werden Minuszinsen auf breiter Front erleben. Und wir werden dadurch natürlich schleichend zur Kasse gebeten und enteignet. Dahingehend müssen wir jetzt aktiv werden.

Vielleicht kann man das noch mal ganz kurz zusammenfassen: Wer ist jetzt aktuell betroffen?

Momentan sind es nur einzelne Banken, die praktisch ab dem ersten ein Cent für Neukunden allerdings Minuszinsen installieren und verlangen. Aber das ist natürlich ein Testballon und wird sich ausweiten. Das heißt: Es sind alle dien betroffen, die neue Konten aufmachen bei Banken, die das schon installiert haben. Oder halt Kunden, die höhere Summen momentan auf Konten liegen haben. Aber wie gesagt: Jetzt ist halt eine neue Eskalationsstufe da. Jetzt geht es auch bei einzelnen Banken schon ab dem ersten Cent los.

Warum machen die Banken das?

Hand entnimmt Bargeld von einem Bankautomaten
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Die geben einfach die Zinsen weiter. Die sie bezahlen müssen bei der EZB. Denn die EZB hat einen Minuszins installiert von mindestens 0,5 Prozent. Um zu überleben zu können, müssen die Banken die Kosten weitergeben. Also die Banken sind nicht die Bösen. Die müssen nämlich den Kostendruck weitergeben. Die EZB ist eigentlich diejenige, die dafür verantwortlich ist.

Dürfen das die Banken überhaupt? Verfassungsrechtler sagen, das sei ein Eingriff ins Privateigentum und damit eigentlich nicht erlaubt.

Jetzt haben sie es halt mal gemacht. Jetzt gucken wir mal, wie der Bundesgerichtshof das entscheiden wird, in Zukunft. Aber jetzt ist erst mal "Schicht im Schacht". Jetzt haben sie erst mal installiert. Wir müssen erst einmal zahlen. Es kann sein, dass es in wenigen Jahren dann wieder rückabgewickelt werden muss. Aber ich gehe davon aus, dass das in Zukunft üblich ist und dass wir alle davon betroffen sind. Und dass es Banken machen dürfen, weil Banken eben systemrelevant sind und weil sie die Kosten eins zu eins von der EZB einfach nur an die Kunden weiterreichen, um überleben zu können.

Werden andere Banken nachziehen?

Ja, auf jeden Fall, das ist ja eine Prognose, die ich auch im Buch „Der größte Crash aller Zeiten“ prognostiziert habe. Die können gar nicht anders, deswegen werden wir das auf breiter Front erleben. Wir alle werden in Zukunft fürs Sparen bezahlen müssen, was natürlich das ganze ad absurdum führt. Dahingehend sollte man jetzt aktiv werden und nach Alternativen gucken.

Was wären das für Alternativen?

Ja, also nicht zu viel Geld auf dem Konto lassen natürlich und dann nach Alternativen suchen. In Sachwerte investieren, das Geld vom Konto nehmen. Denn das Geld auf dem Konto gehört nicht Ihnen und wird sogar jetzt noch besteuert oder mit Negativzinsen versehen. Dahingehend lieber ins Schließfach legen oder in den berühmten Sparstrumpf stopfen. Edelmetalle bieten sich an. Die sind ein Wertspeicher seit Tausenden von Jahren, aber auch andere Sachwerte wie Diamanten, sich mal mit Bitcoin auseinandersetzen. Grund und Boden, eine abbezahlte Immobilie. Aktien und so weiter. Da gibt es viele Möglichkeiten, die sie nicht so viel Geld kosten wie in Zukunft das Geld auf dem Konto.

In die Zukunft geschaut: Gibt es denn irgendwann mal wieder steigende Zinsen?

Nein, leider nicht mehr. Also im Zinskorsett der EZB, mit dem Eurosystem, werden wir nie wieder steigende Zinsen erleben. Ansonsten müssten viele Zombieunternehmen umkippen oder Italien und Spanien während de facto bankrott. Aus diesen Gründen müssen wir uns auf eine lange Misere einstellen, bis der Euro ad acta geführt wird.

Geldgeschenke für Hausbauer?

Die Geldpolitik der EZB hat allerdings offenbar auch positive Folgen. Zumindest für einige. So sorgte letzte Woche die Ankündigung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (kurz: KfW) für Aufsehen. Sie will Förderkredite mit negativen Zinsen vergeben. Laut Zeitungsberichten sollen davon ab Anfang 2020 neben Mittelständlern und Kommunen auch private Hausbauer profitieren. Sie müssen weniger Geld zurückzahlen als sie sich von der Bank geliehen haben.

Mit Material von dpa.

Dieses Thema im Programm Die MDR JUMP Feierabendshow | 20. November 2019 | 19:20 Uhr

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