Viel mehr Kinder mit psychischen Problemen: Langes Warten auf Hilfe

Freunde fehlten, der Unterricht war schwieriger, dazu kamen Sorgen in der Familie: Nach dem anstrengenden Jahr brauchen viele Kinder und Jugendliche Hilfe. Doch bis die kommt, kann es bis zu einem halben Jahr dauern.

Mädchen sitzt offenbar traurig auf dem Boden (Symbolbild)
Mädchen sitzt offenbar traurig auf dem Boden (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Westend61

Sie fühlten sich in Lockdowns von ihren Freunden isoliert, hatten große Probleme mit dem digitalen Lernen: Jeder siebte junge Mensch zwischen zehn und neunzehn hat laut der UN-Kinderhilfsorganisation Unicef inzwischen psychische Probleme, die behandelt werden müssten. Auch die Hilfsorganisation Save the Children warnte, die Auswirkungen der Corona-Pandemie hätten zu deutlich mehr psychischen Erkrankungen bei Kindern geführt. Das zeigten die Umfrageergebnisse von 13.000 Kindern in 46 Ländern. Doch die Helfer bei psychischen Problemen und Krisen sind auf den Ansturm gar nicht ausreichend vorbereitet.

Bis zu einem halben Jahr Wartezeit auf Termin beim Kinderpsychologen

Kinder- und Hausärzte merkten schon zeitig, welche Folgen die Corona-Zeit auf junge Menschen hatte. Eltern berichteten ihnen, wie sehr sich ihre Kinder verändert hätten. Kinder und Jugendliche erzählten von Mutlosigkeit, Sorgen und Ängsten. Doch in Deutschland gibt es viel zu wenige Hilfsangebote für Kinder und Jugendliche. Sie müssen in unserer Region bis zu einem halben Jahr warten, um überhaupt einen ersten Termin beim Kinderpsychologen zu bekommen. Das entsprechende Hilfenetz sei in Sachsen, teils auch in Thüringen und Sachsen-Anhalt deutlich schlechter ausgebaut als im Westen, kritisiert Reinhard Martens, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und –psychotherapie in Pirna:

Da spielen wirtschaftliche Rahmenbedingungen mit eine Rolle. Dazu sind die gesellschaftlichen Strukturen manchmal etwas schwieriger, als es aus anderen Bundesländern bekannt ist. Gerade manche schulischen Strukturen führen in diesen Zeiten auch mit zu besonderen Belastungen von Kindern und Jugendlichen.

Damit gibt es auch deutlich mehr junge Menschen, die gar nicht oder erst spät behandelt werden können. Jakob Maske ist selbst Kinderarzt und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Er sagte MDR JUMP:

Jakob Maske, Bundespressesprecher des BVKJ
Bildrechte: Jakob Maske

Viele Kliniken machen auch einfach die Stationen zu. Es gibt Kliniken, die sagen: Wir nehmen zum Beispiel gar keine Menschen mit Essstörungen mehr auf, weil wir die Kapazität gar nicht mehr haben.

Wer keinen der Therapieplätze in einer Klinik bekomme, müsse dann ambulant behandelt werden. Doch so könnten Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen nicht optimal versorgt werden.

Bei Jugendlichen mit Essstörungen beispielsweise sehen wir, dass die ambulante Therapie bei ihnen unter Umständen nicht so schnelle Erfolge zeigt. Sie sind dann länger krank oder die Krankheit verstärkt sich und sie müssen notfallmäßig dann doch ins Krankenhaus.

Bis dieses akute Problem gelöst ist, kann es aber noch sehr lange dauern, sagt unser Experte. Nötig wären mehr Ärzte, Therapeuten und Pfleger. Doch die müssen erst ausgebildet werden und ihr Beruf sei bisher auch nicht attraktiv genug.

„Auch Eltern können helfen“

Ängste oder Probleme bei Belastungen in der Schule sind bei Kindern und Jugendlichen behandelbar. Gemeinsam werde beispielsweise danach geschaut, welche „versteckten Schätze“ junge Menschen selbst bei sich tragen, sagt Reinhard Mertens.

Das sind sportliche Begabungen. Oder die Fähigkeit, mit anderen Menschen gut umzugehen oder sich in die reinzufühlen. Oder auch im Bildungsbereich, selbst wenn Kinder in der Schule keine guten Noten haben. Das alles zeigen wir dann den Kindern und ihren Eltern, was die alles schon vermittelt haben.

Schulkind sitzt am Tisch vor Laptop und löst Aufgaben aus dem Homeschooling
Bildrechte: imago images / Fotostand / K. Schmitt

Oft motiviere das Kinder etwa bei schulischen Problemen schon, sich wieder mehr anzustrengen und mehr Freude am Lernen zu haben. Der Termin beim ausgebildeten Mediziner zeige manchmal auch, dass erstmal gar keine Therapie nötig sei:

Solange Kinder und Jugendliche noch gut mit ihren Eltern im Gespräch sind, ihnen ihre Belastung schildern können und zumindest noch ein, zwei gute Freunde haben und regelmäßig in die Schule gehen und dort auch noch halbwegs gute Leistungen erbringen, dann ist zunächst mal die Gefährdung nicht zu groß.

Wenn Kinder und Jugendliche aber gar keine Freude mehr haben, sich von ihren sozialen Kontakten zurückziehen, sollten Eltern aber auf professionelle Hilfe setzen. Das könnten sie selbst nicht leisten.

Mit Material der Nachrichtenagenturen dpa und AFP.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 11. Oktober 2021 | 19:40 Uhr

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