Gefährdete Insekten: Wie Mitteldeutschland mit gutem Beispiel vorangeht

Durch Monokulturen in der Landwirtschaft, durch zu viel Dünger- und Pestizideinsatz haben Insekten zuletzt massiv gelitten. Doch das muss nicht so bleiben. Spannende Projekte in unserer Region haben sich den Insektenschutz auf die Fahnen geschrieben.

Blühwiese
Bildrechte: MDR / Antje Kirsten

Thüringens Landehauptstadt Erfurt trägt einen schmucken Beinamen: Blumenstadt. Seit Jahrhunderten hat man dort eine besondere Beziehung zu blühenden Pflanzen. Doch was wäre eine lange Tradition, wenn man nicht gelegentlich mal etwas Neues ausprobiert? Und so erblüht Erfurt an einigen Stellen jetzt etwas anders als – sagen wir mal - traditionelle Gärtner das vielleicht bisher kannten und gut fanden.

Blühwiesen statt kurzer Rasen

Die Rede ist von den Parks und Freiflächen der Stadt, die seit drei Jahren ökologisch umgestaltet werden. Das Ziel: Es sollen möglichst viele bunte Blühwiesen entstehen. Neben Mohn, Margeriten und Kornblumen sprießen dort dann aber eben auch wilden Disteln. Und daran muss man sich vielleicht erstmal gewöhnen. Aber das Ganze sieht nicht nur eigentlich ganz interessant aus, es ist vor allem eine gezielte Maßnahme zur Förderung von Insekten. Die Tiere finden auf diese Weise nicht nur mehr Nahrung, sie sind auch ungestörter. Dazu kommt, dass Blühwiesen bei Regen auch mehr Wasser zurückhalten und bei starker Hitze ihre Umgebung kühlen können.

Immerhin 44 Prozent der knapp 240 Hektar städtischer Grünflächen von Erfurt werden mittlerweile nur noch einmal im Jahr gemäht. Vorher waren es bis zu 16 Mal.

Mann auf Blühwiese
Bildrechte: MDR / Antje Kirsten

Ein englischer Rasen ist ein reines Chemielabor. Ich muss wässern. Ich muss düngen. Ich muss Herbizide, Insektizide aufbringen, ich muss ständig mähen, ihn lüften. Das ist auch zeitlich ein riesiger Aufwand, und ich kriege es am Ende doch nicht so hin wie in der Gartenzeitung.

Sascha Döll, Leiter Garten- und Friedhofsamtes Erfurt

Tatsächlich ist das Erfurter Projekt nur eines von vielen in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, bei denen teils gefährdete Insekten gezielt gefördert werden sollen. Egal wohin man schaut, ob ans Klinikum im sachsen-anhaltischen Zeitz, auf das Gelände der ehemaligen Schlossgärtnerei im thüringischen Großneuhausen oder auf die Grünfläche an der Roßweiner Straße im sächsischen Döbeln – überall summt und brummt es auf neuen Blühwiesen. Und hier haben wir wirklich nur eine winzige Anzahl an Projekten exemplarisch rausgepickt.

Die Probleme sind aber auch groß. Durch Monokulturen in der Landwirtschaft, durch zu viel Dünger- und Pestizideinsatz haben die Insekten zuletzt massiv gelitten. Forscher des Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) in Halle haben herausgefunden, dass in den vergangenen 30 Jahren die Zahl landlebender Insekten weltweit um 24 Prozent gesunken ist. Interessant ist: In der Stadt fühlen sich Insekten aber eigentlich ganz wohl. Blütenpflanzen werden von ihnen dort besser bestäubt als im Umland. Auch das haben iDiv-Experten herausgefunden.

Auch Unternehmen in Mitteldeutschland engagieren sich für die Insekten. So wirbt ein großer regionaler Mühlenbetrieb damit, an seinen verschiedenen Standorten insgesamt 200 Hektar Blühwiesen angelegt zu haben. Und zahlreiche Agrarunternehmen sind neben den gesetzlich geforderten Maßnahmen zum Insektenschutz auch an freiwilligen Aktionen beteiligt.

Sträucher und Bäume für Bienen und andere Insekten

Schmetterling sitzt auf einer weißen Hortensienblüte
Bildrechte: MDR/Brigitte Goss

Wer einen eigenen Garten hat, kann natürlich auch selbst so einiges zum Insektenschutz unternehmen. Neben einem weitgehenden Verzicht auf Chemieprodukte kann auch das gezielte Pflanzen bestimmter Arten positive Folgen für das krabbelnde und fliegende Getier haben. Egal ob mit Lavendel, Rosen oder Sträuchern wie Zwergmispel oder Feuerdorn kann man Insekten etwas Gutes tun. Wem das für den Anfang alles etwas kompliziert ist, der kann – wenn er in Sachsen zu Hause ist – auch einfach gratis Blühtütchen mit Samen für sechs Quadratmeter beim Landwirtschaftsministerium bestellen.

Zum Schluss aber vielleicht aber noch einmal zurück nach Erfurt. Da ist es nämlich nicht etwa so, dass nun samt und sonders alle Rasenflächen zu Blühwiesen umgestaltet werden. Manche Bereiche werden weiter kurz gehalten.

Dort, wo die Leute es sich mit Decken bequem machen, wie im Bürgergarten auf dem Petersberg oder im Dendrologischen Garten, wird der Rasen kurz gehalten.

Sascha Döll

Für die Insekten sollte sich ja trotzdem genug Nahrung im Stadtgebiet finden.

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