Kaum Fälle in letzter Grippesaison - Wie wird die nächste?

Seit über einem Jahr war die Grippe fast verschwunden. Aus Sicht von Medizinern war das ein positiver Nebeneffekt von Abstandsregeln und Maske tragen. Die nächste Saison könnte aber wieder heftiger ausfallen.

Junge Frau putzt sich die Nase (Symbolbild)
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Es ist jedes Jahr ein Rätselspiel im Namen der Wissenschaft. Vor jedem Winter fragen sich Experten, wie in dieser Saison wohl die Grippewelle ausfällt. Kompliziert wird die Sache unter anderem dadurch, dass es verschiedene Virenstämme gibt. Und die reagieren ganz unterschiedlich auf eine bestimmte Zusammensetzung des Impfstoffs. Dieser wird dafür normalerweise aus vier verschiedenen Komponenten hergestellt. Und welche das sind, also welche Virenstämme sich vermutlich durchsetzen, dass müssen die Fachleute eben vorher abschätzen. Und dann hoffen sie, dass sie richtig liegen.

Impfstoff als Wette auf die Zukunft

Der saisonale Influenza-Impfstoff enthält Bestandteile der Virus-Varianten, die für die kommende Saison erwartet werden“, so das Robert Koch-Institut. Und Susanne Reimering vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig erklärt zum Grippe-Impfstoff:

Falls der Impfstoff nicht zu den zirkulierenden Varianten passt, heißt das aber nicht, dass er gar nicht wirkt, sondern nur, dass die Effektivität reduziert sein kann.

Einkaufen bei Regenwetter (Symbolbild)
Bildrechte: IMAGO / Michael Gstettenbauer

Viele Punkte bestimmen mit, wie sich der Erreger ausbreitet. Das Wetter zum Beispiel gehört dazu. Oder die Frage, wie oft sich Menschen eigentlich begegnen und die Influenza-Erreger so weitergeben können. Im vergangenen Jahr fiel die Grippewelle wegen der coronabedigten Kontaktbeschränkungen, der Schul- und Kita-Schließungen sowie der Maskenpflicht so gut wie aus. Manch einer fürchtet deswegen, dass die diesjährige Grippesaison im Gegenzug besonders heftig ausfallen könnte. Ganz abwegig ist die Idee nicht. Immerhin sind viele Corona-Regeln bei uns in der Region gefallen. Wenn sich mehr Menschen begegnen, können sich logischerweise auch mehr Viren ausbreiten.

Kommende Grippe könnte spürbar höher ausfallen

Es gibt auch die Vermutung, dass unser Immunsystem wegen der ganzen Corona-Regeln womöglich ein Stück weit verlernt hat, sich selbst zu wehren. Diese These muss man differenziert betrachten. Klar ist aber: Das Virus verbreitet sich nicht zuletzt über Kinder weiter – und unter denen gibt es mittlerweile mehrere Jahrgänge, die noch nie Kontakt mit dem Erreger hatten,  wegen der Sicherheitsmaßnahmen während der Corona-Pandemie. So ist es zumindest theoretisch möglich, dass die Ausbreitung in dieser Gruppe – und damit dann später auch im Rest der Gesellschaft – schneller und massiver als sonst passieren kann..

Arzt hält mehrere Packungen Grippeimpfstoff in  den Händen.
Arzt mit Grippeimpfstoff Bildrechte: imago images/Cord

Im vergangenen Jahr hatten sich 22 Millionen Menschen gegen die Grippe impfen lassen. Aus Sicht von Expertinnen und Experten macht eine Grippeimpfung auch in diesem Jahr gleich mehrfach Sinn. Die schütze Menschen vor einer Erkrankung, die insbesondere bei Angehörigen der Risikogruppe – zum Beispiel  Menschen ab 60 Jahren, Schwangere, chronisch Kranke, Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen – zu schweren Verläufen führen kann. Zum anderen kann so auch das Gesundheitssystem entlastet werden, das vielerorts noch immer unter der Corona-Pandemie ächzt. Wenn Einweisungen aufgrund der Grippe verhindert werden, lassen sich die knappen Ressourcen besser nutzen.

Impfen: Doppelt hält besser

Wenn sich jetzt jemand fragt, ob er sich gegen Corona oder die Grippe impfen lassen sollte: am besten beides. Und das geht im Zweifel sogar zu ein und demselben Termin. Ärzte raten sogar dazu, sich die beiden Spitzen bei einer Gelegenheit abzuholen. Gegen Grippe reicht ja eine Spritze. Bei Corona sind es, je nach Impfstoff, üblicherweise zwei. Die Datenlage spreche nicht gegen eine parallele Impfung, so Experten. Außerdem werde so das Ansteckungsrisiko gesenkt - durch die Vermeidung eines zusätzlichen Impftermins.

Wie wahrscheinlich ist es aber, dass der diesjährige Grippe-Impfstoff überhaupt wirkt? Das kann natürlich niemand mit endgültiger Sicherheit sagen. Die Expertin Monika Redlberger-Fritz vom Zentrum für Virologie der Meduni Wien hält es aber für „schon sehr wahrscheinlich“. Ihr Argument: Weil der Erreger so gut wie nicht zirkuliert ist, hatte das Virus keine Möglichkeit, sich zu verändern. Dadurch seien genau die aktuellen Stämme bei der Impfung berücksichtigt.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 12. Oktober 2021 | 10:00 Uhr

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