Hitzerekorde in Sibirien

Dort, wo es eigentlich zu kalt und eisig für Brände sein sollte, lodern schon wieder die Flammen. Verantwortlich für riesige Waldbrände in Sibirien dürften auch Rekordtemperaturen sein, die Meteorologen gerade vermelden.

Klimawandel
Bildrechte: Colourbox

Um das Problem zu verstehen, muss man eigentlich nur einmal kurz auf die Temperaturkarte schauen, die der Copernicus-Klimawandeldienst des Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage gerade veröffentlicht hat. An vielen Stellen der Welt ist sie rot, dort lagen die Temperaturen im Juni über den langjährigen Mittelwerten. Die globale Juni-Durchschnittstemperatur in diesem Jahr liegt laut den Meteorologen gleichauf mit den weltweiten Rekordwerten von Juni 2019.

Aber in keiner Region der Erde ist der rote Farbton so ausgeprägt wie im Norden Russlands. Dort wurden Werte gemessen, die teils bis zu 10 Grad über dem Durchschnitt lagen. Im östlichen Sibirien, in der Kleinstadt Werchojansk, wurde am 20. Juni gar der höchste Stundentemperaturwert registriert, der jemals in der Arktis gemessen wurde. Er lag bei 37 Grad Celsius. Jenseits des Polarkreises.

Seit Beginn der Aufzeichnungen in der Arktis im Jahr 1885 ist so etwas noch nicht vorgekommen. Und der Messwert war kein Ausreißer. Meteorologen erklärten zum Beispiel für Werchojansk, die Temperaturen hätten elf Tage lang bei mehr als 30 Grad gelegen.

„Herauszufinden, was diese Rekordtemperaturen verursacht, ist kein einfaches Unterfangen, da viele verschiedenen Faktoren eine Rolle spielen“, so Carlo Buontempo, Director des Copernicus-Klimawandeldienstes.

Sibirien und der nördliche Polarkreis weisen generell höhere Schwankungen von Jahr zu Jahr auf, und warme Junimonate sind nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches. Dass in Westsibirien jedoch im Winter und Frühling für einen so langen Zeitraum überdurchschnittliche Temperaturen herrschten ist besorgniserregend, und nun die außergewöhnlich hohen Temperaturen in der sibirischen Arktis – das gibt zu Denken.

Das Rot auf den Karten der Wetterleute ist im traurigen Wortsinn ein Feuerrot. Wie im vergangenen Jahr schon lodern in vielen Teilen der russischen Arktis riesige Brände. Besonders stark betroffen ist der nordöstlichste Teil von Sibirien. Dafür sind neben den anhaltend hohen Temperaturen dort auch die trockenen Böden verantwortlich. Der Copernicus-Atmosphärenüberwachungsdienst hat beobachtet, dass die Anzahl und Intensität der Brände ab der zweiten Juniwoche vor allem in den russischen Regionen Jakutien und Tschukotka, sowie in einem geringeren Ausmaß auch in Alaska und dem kanadischen Yukon-Territorium angestiegen ist.

Dort, wo es eigentlich zu kalt und eisig für Brände sein sollte, lodern also schon wieder die Flammen. Und besonders in entlegenen Regionen, in denen keine Menschen wohnen, würden die russischen Behörden aus Kostengründen auch ganz auf Löscheinsätze verzichten, heißt es.

Besonders problematisch ist, dass durch die Feuer große Mengen Treibhausgase freigesetzt werden. Nach den Daten des Atmosphärenüberwachungsdienstes wurden allein Juni geschätzte 59 Millionen Tonnen CO2 zusätzlich in die Atmosphäre ausgestoßen. Das ist noch einmal mehr als der Rekord im vergangenen Jahr zur selben Zeit, als Feuer für zusätzliche 53 Millionen Tonnen CO2 sorgten. Zur Einordnung: Die deutschen CO2-Emissionen lagen im Jahr 2018 bei rund 858 Millionen Tonnen. Dieses Jahr dürften es auch durch Corona weniger sein.

„Bemerkenswert an den diesjährigen Bränden in Sibirien ist vor allem, dass sie sich, sowohl was betroffene Gebiete als auch die Intensität der Feuer angeht, erstaunlich mit den Bränden zur selben Zeit letztes Jahr gleichen“, sagt Forscher Mark Parrington vom Atmosphärenüberwachungsdienst.

Mit den Bränden setzt sich ein verhängnisvoller Kreislauf fort. Durch die Treibhausgas-Emissionen der Menschen auf der ganzen Erde erwärmt sich die Arktis besonders stark. Dadurch kommt es dort offenbar verstärkt zu Feuern, was für mehr Treibhausgasausstoß und dadurch wieder für eine erhöhte Erwärmung in der Zukunft sorgt.

Dadurch schmilzt auch das Eis der Region besonders stark. Die Daten des National Snow and Ice Data Center in den USA zeigen, dass das Meereis vor der Sibirischen Küste in diesem Jahr besonders früh getaut ist und längst weit selbst unter den Minimalwerten der Jahre 1979 bis 2019 liegt.

Die hohen Temperaturen in der Arktis lassen auch den Permafrost in der Region stärker tauen. Das gilt als einer der entscheidenden Faktoren für den Kollaps eines Öltanks, durch den im Mai und Juni weitläufige Flussgebiete rund um die sibirische Stadt Norilsk verschmutzt wurden.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 12. Juli 2020 | 11:40 Uhr

Aktuelle Themen von MDR JUMP