Personalisierte Werbung: Hören unsere Handys heimlich mit?

Zufall, oder Spionage? Am einen Tag redet man erst noch darüber, sich etwas zu bestellen – am nächsten Tag wird dann die passende Werbung angezeigt. Wir haben mit einem Experten geklärt, ob uns tatsächlich jemand zuhört oder ob es für das Phänomen doch eine andere Erklärung gibt.

Ein Telefon mit der Startseite von mdr.de/mobil
Bildrechte: Colourbox.de

Gestern erst noch über ein neues Fahrrad geredet und nun taucht plötzlich die passende Werbung bei Instagram oder Facebook auf. Liegt das daran, dass jemand heimlich über die Mikrofone des Telefons zuhört und personalisierte Werbung schaltet? Die Mehrheit der Internetnutzerinnen und -nutzer hat laut ARD-DeutschlandTrend Angst davor, dass ihre persönlichen Daten missbraucht werden. Ronald Eikenberg vom Magazin für Computertechnik klärt den Mythos der abgehörten Handys für uns auf.

Ronald Eikenberg von c't
Bildrechte: c't/Ronald Eikenberg

Es liegt nicht direkt daran, dass Gespräche mitgeschnitten werden. Das wäre hierzulande gesetzlich auch gar nicht zulässig. Es gibt stattdessen andere technische Tricks, die da genutzt werden und die sind in vielen Fällen erstaunlich präzise.

Werbung, die uns wirklich interessiert

Unternehmen schalten personalisierte Werbung, damit ihre Kundinnen und Kunden wirklich nur das sehen, was sie auch interessiert. Die Grundlage dafür besteht aus unterschiedlichen Informationen: Sei es die Auswahl der Kanäle, denen wir bei Instagram folgen, die Webseiten, die wir besuchen oder Online-Shopping – das Internet kennt uns besser, als wir denken. Laut Eikenberg beruhen die maßgeschneiderten Werbeanzeigen also eher nicht auf heimlich mitgehörten Gesprächen, sondern vielmehr auf unserem Verhalten im Internet.

Es geht vielmehr um das Surfverhalten, wenn ich z. B. auf Facebook oder anderen Seiten unterwegs bin. Dann bekommt der Anzeigendienstleister den Hinweis, dass ich eine bestimmte Seite angesteuert habe. Mit künstlicher Intelligenz kann man dann ein bisschen in die Zukunft schauen und relativ präzise voraussagen, wofür sich jemand wahrscheinlich interessieren wird.

Unternehmen müssen also nicht die zwingend Telefon-Mikrofone abhören, um interessante Daten über ihre Nutzerinnen und Nutzer zu sammeln. Dass man über ein bestimmtes Produkt spricht und plötzlich die passende Werbeanzeige erscheint, ist also mit großer Wahrscheinlichkeit nicht geheimer Spionage-Technik geschuldet. Nichtsdestotrotz interessieren sich viele Menschen dafür, wer Zugriff auf ihr Mikrofon hat und möglicherweise bei privaten Gesprächen zuhört. Doch auch das kann man laut Computertechnik-Experte Eikenberg einfach überprüfen.

Wenn ich wirklich Sorge habe, dass mich jemand abhört, kann ich in den Smartphone-Einstellungen bei den Apps gucken, wer alles Zugriff auf mein Mikrofon hat. Das sollten nur Apps sein, die das tatsächlich auch brauchen: WhatsApp für Sprachnachrichten zum Beispiel. Ein Spiel braucht in der Regel aber keinen Zugriff auf das Mikrofon.

Wem diese Gewissheit nicht reicht, kann sich auch generell davor schützen, dass Unternehmen persönliche Daten auswerten und für Werbeanzeigen verwenden. Tracker sammeln auf Webseiten diverse Informationen über uns, die man aber mit einem sogenannten Tracking-Blocker stoppen kann. So kann man relativ einfach dafür sorgen, dass das eigene Surfverhalten nicht für personalisierte Werbeanzeigen analysiert werden kann. Dann könnten die Codes, die Rückschlüsse auf die Persönlichkeit oder Interessen der Nutzerin oder des Nutzers erlauben würden, gar nicht erst geladen werden, so Eikenberg.

Außerdem könne auch selektive Wahrnehmung eine Rolle spielen, wenn es um die Wahrnehmung von Werbeanzeigen geht. Wer hundert verschiedene Produkte am Tag sehe, würde auch mehr auf die Dinge achten, die sie oder ihn auch wirklich interessierten. Das falle laut Eikenberg einfach deutlich mehr auf.

Unternehmen haben andere Möglichkeiten unsere Interessen zu erkennen

Werbeanzeigen, die plötzlich nach einem Gespräch auf unserem Handy erscheinen, haben also in der Regel nichts damit zu tun, dass Unternehmen heimlich ihre Nutzerinnen und Nutzer belauschen. Laut Eikenberg wäre es auch eine riesige technische Herausforderung die Gespräche abzuhören. Da sei das Web-Tracking deutlich günstiger für Firmen. Dass große Konzerne Interesse an unseren Daten haben, ist klar. Es gibt für sie aber deutlich einfachere Möglichkeiten unser Nutzverhalten zu analysieren, als uns abzuhören. In jedem Fall hilft es also, sich damit zu beschäftigen, wer auf welche persönlichen Daten Zugriff hat – und auch, welche Apps theoretisch auf das Mikrofon zugreifen könnten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Feierabendshow | 14. September 2021 | 17:40 Uhr

Aktuelle Themen von MDR JUMP