Warum Labertaschen oft im Vorteil sind

Psychologie ganz lebensnah: Ein US-Forscher hat sich mit der Frage beschäftigt, warum in Diskussionen oft nicht das bessere Argument zählt, sondern der Schein. Und er hat Tipps für die eigene Kommunikation.

Zwei Männer stehen in einer Tür und sehen auf ein Tablet
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Es gibt Berufe, die gibt es gar nicht - und John V. Petrocelli hat genau so einen. Der Sozialpsychologe von der Wake Forest University im US-Bundestaat North Carolina ist nämlich Bullshitforscher. Gemeint ist dabei aber ausdrücklich nicht, dass er ein miserabler Wissenschaftler ist. Petrocelli befasst sich vielmehr mit dem Phänomen des Bullshits. Und in einer neuen Forschungsarbeit zum Thema hat er nun herausgefunden, warum sich mit eigentlich dummen, aber gut klingenden Gelaber bei anderen so gut punkten lässt.

Petrocelli hat dabei eine ziemlich nutzbringende Erkenntnis gewonnen: Wer keine guten Argumente hat, aber hochgestochen formuliert, der macht in Diskussionen oft eine erstaunlich gute Figur. Im „British Journal of Social Psychology“ hat er seine Studie dazu gerade veröffentlicht. In ihr konnte er zeigen, dass es in Debatten längst nicht immer nur auf das stärkere Argument ankommt, sondern darauf, wie gut man seinen Punkt präsentiert.

Jeder kennt Labertaschen

Nun wird der eine oder die andere sagen: „Kenne ich gut, wir haben bei uns bei der Arbeit auch so ein paar Fälle.“ Und das ist sicher auch so. Jeder kennt solche Labertaschen, die mit möglichst vielen Fremd- und Fachwörtern um sich werfen, aber eigentlich nicht zum Punkt kommen. Und die damit scheinbar gut fahren. Aber die Aufgabe von Wissenschaft ist es schließlich auch, gefühlte Wahrheiten mit Fakten zu belegen. Und das hat Petrocelli getan. Dabei bezog er sich unter anderem auf Erkenntnisse, die sein Kollege Harry G. Frankfurt von der Princeton University bereits im Jahr 1986 in seinem bahnbrechenden Essay „On Bullshit“ – der heißt echt so! – veröffentlicht hatte.

In dem Text wird auch der durchaus wichtige Unterschied zwischen einem Bullshitter und einem Lügner klagezogen. Der Lügner weiß demnach, dass er die Unwahrheit sagt – und tut es trotzdem. Vielleicht, weil es ihm Vorteile bringt. Der Bullshitter hingegen kümmert sich gar nicht um die Frage. Er weiß entweder nicht, dass er Unsinn redet - oder aber, es ist ihm oder ihr vollkommen schnuppe. Hauptsache labern, die anderen werden schon beeindruckt sein. Und diese Strategie geht oft auf.

Wenn jeder immer eine Meinung haben muss, wird mehr Blödsinn erzählt

In früheren Studien hatte Petrocelli bereits herausgefunden, dass der Bullshit-Faktor steigt, wenn Leute das Gefühl bekommen, zu allem eine Meinung haben zu müssen. Außerdem wird mehr gelabert, wenn die Sprecher ihre Position nicht erklären müssen – denn dann würde ja womöglich auffallen, dass sie eigentlich viele Worte gemacht haben, um genau gar nichts an Inhalt zu transportieren.

drei Händepaare gestikulieren
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In zwei Experimenten für Petrocellis neue Studie sollten freiwillige Probanden nun Argumentationen für verschiedene Positionen begutachten. Dabei wurden ihnen entweder starke oder schwache Argumente präsentiert. Und diese waren entweder klar formuliert oder strotzten nur so von Gelaber. Dabei zeigte sich, dass Bullshit einem vor allem dann weiterhilft, wenn man kaum ernsthafte Argumente hat.

Petrocelli vermutet, dass die Zuhörer davon sozusagen eingelullt werden – oder abgeschreckt, ganz wie man es nimmt. Jedenfalls, so der Forscher, sinkt bei den Vollgelaberten die Motivation, den Inhalt des Gesagten wirklich zu prüfen. Sie sagen sinngemäß: „Wird schon so sein“, vielleicht auch, weil sie nicht weiter genervt werden wollen. Und der Bullshitter hat sein Ziel erreicht. Genau drum ging es ihm ja.

Das klappt auch dann, wenn das Thema wichtig klingt. Oder wenn der Zuhörer den Sprecher mag. In den sozialen Medien gilt außerdem: Wenn der Unsinn von jemandem kommt, dessen Position oder Ansichten man nahesteht, schenkt man ihm mehr Glauben. 

Wenn es zu gut klingt, um wahr zu sein – ist es wahrscheinlich Blödsinn

Besonders gern wird Bullshitting in der Politik genutzt. Und weil wir in Deutschland ja in einem Superwahljahr sind, hier ein Tipp, den Petrocelli vor der US-Wahl im vergangenen Jahr veröffentlicht hatte: „Achten Sie auf unfaire Vergleiche. Bitten Sie Kandidaten, Behauptungen zu belegen. Wenn ein Kandidat schnell redet und Dinge sagt, die zu gut klingen, um wahr zu sein, dann ist das wahrscheinlich Blödsinn.“

Das sollten wir uns merken. Ganz anders ist die Sache übrigens bei starken Argumenten. Und auch das kann man sich ja für die eigene Kommunikation hinter die Ohren schreiben: Werden inhaltlich starke Punkte mit Wortgeklingel verpackt, sinkt ihre Durchschlagskraft. Wer also etwas ernsthaftes zu sagen hat, sollte nicht rumlabern. So einfach ist das. No Bullshit.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 28. Februar 2021 | 06:20 Uhr

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