Warum Rasselisten problematisch sind

27.08.2018 | 08:30 Uhr

Wenn Hunde Menschen angreifen oder gar töten sind Zeitungen und Soziale Medien voll davon. Zuletzt konnte man das erleben, als Staffordshire-Mischling Chico Anfang April in Hannover seinen Halter und dessen Mutter totgebissen hat. Meist beginnt dann auch die Debatte von Neuem: Beißen Bullterrier schneller als Dackel? Ein Blick in die Statistiken.

Die Statistik lässt die so genannten Kampfhunde besser dastehen, als es ihr Ruf vermuten lässt. Ja, auch Bullterrier oder American Staffordshire Terrier haben in den drei mitteldeutschen Ländern andere Hunde, Wildtiere oder gar Menschen angegriffen. Aber es ist keineswegs so, dass diese Hunderassen deswegen aus den Statistiken herausstechen. Auch Schäferhund oder Border Collie schnappen mal zu. Um das aber verstehen zu können, braucht es einen Überblick über die Hunde-Bevölkerung in Mitteldeutschland.

Wie viele Hunde gibt es in Mitteldeutschland?

Wenn es um Hundehaltung geht, gleichen die drei Länder einem Flickenteppich. So führen die Behörden in Sachsen-Anhalt penibel ein eigenes Hunde-Register. Für 2017 dokumentiert es zum Beispiel 2.535 Deutsche Boxer aber nur einen einzigen Russischen Zwerghund. Alles in allem lebten etwa 109.000 Hunde zum Stichtag zwischen Naumburg und Salzwedel. In Thüringen waren es gut 151.000. Und in Sachsen? Die Frage bleibt unbeantwortet. Der Freistaat Sachsen führt nämlich gar keine Statistik. "Eine Gesamtzahl von Hunden in Sachsen ist unserem Haus nicht bekannt", teilt das Innenministerium in Dresden auf Anfrage von MDR JUMP mit. Gemessen an der Bevölkerungszahl sollten eigenen Schätzungen zufolge aber etwa 200.000 - 300.000 Hunde in Sachsen leben.

Angriffe von Hunden

Wer weiß, wie viele Hunde in den drei Ländern leben, kann die Zahl gefährlicher Zwischenfälle mit ihnen besser einordnen. In Thüringen gab es davon im Jahr 2017 rund 400, in Sachsen-Anhalt waren es 100 und in Sachsen etwa 430. Diese Zahlen werden oft als Beißstatistik bezeichnet, was ziemlich irreführend ist. Denn in ihr werden auch Vorfälle registriert, bei denen ein Hund einen Passanten mit großer Wucht anspringt oder ein Wildtier reißt. Umgekehrt finden aber auch nur jene Fälle ihren Weg in die Statistik, die von der Polizei auch dokumentiert worden sind.

Sind Kampfhunde besonders bissig?

In Sachsen-Anhalt und Sachsen gelten Gesetze, die den Haltern bestimmter Rassehunde besondere Auflagen erteilen. In Sachsen-Anhalt stehen Bullterrier, Pittbull Terrier, American Staffordshire Terrier und Staffordshire Bullterrier auf dieser Rasseliste. Sie zählen zu den sogenannten Vermutungshunden. Sie heißen so, weil der Gesetzgeber vermutet, dass sie gefährlicher sind als Hunde anderer Rassen. Umgangssprachlich meist schlicht Kampfhunde. In Sachsen gelten ähnliche Gesetze, Thüringen hat seine Rasseliste Anfang 2018 abgeschafft.

Doch ein Blick in die Daten zeigt: American Staffordshire Terrier oder Bullterrier sind statistisch nicht für mehr Attacken verantwortlich als andere Rassen. 93 der 100 Zwischenfälle in Sachsen-Anhalt im Jahr 2017 gingen auf das Konto von Hunden, die nicht auf der Liste stehen. An sieben Vorfällen waren dagegen Vermutungshunde beteiligt. Die Zahlen aus Thüringen und Sachsen vermitteln ein ähnliches Bild.

Allerdings: Weniger gefährlich sind diese Hunderassen nun auch wieder nicht. Dass in Sachsen-Anhalt 2017 nur sieben Attacken ihr Konto gingen, liegt an ihrer geringen Zahl. Nur gut 1800 Vermutungshunde leben in Sachsen-Anhalt, das entspricht weniger als 2 Prozent der Hundepopulation des Bundeslandes.

Blanke Zahlen helfen bei der Frage danach, welche Rasse besonders aggressiv ist, meist ohnehin nicht weiter. Bundesweit führt zum Beispiel meist der Deutsche Schäferhund die Beiß-Statistiken an. Aber nicht unbedingt, weil er besonders bissig wäre. Es gibt einfach besonders viele von ihm.

Welchen Sinn haben Rassehundelisten?

Viele Experten halten Rassehundelisten für das falsche Mittel. Der Landtag in Erfurt schaffte sie Anfang 2018 wieder ab. Seitdem soll anhand des jeweiligen Verhaltens eines Hundes und nicht anhand seiner Rasse beurteilt werden, ob er gefährlich ist.

Michael Sperlich, der Chef des Leipziger Tierheims
Michael Sperlich, der Chef des Leipziger Tierheims Bildrechte: MDR JUMP/Johannes Schiller

Ein Weg, der Leipzigs Tierheim-Chef Michael Sperlich gefallen dürfte. Er hält wenig von Rassehundelisten, wie sie in Sachsen und Sachsen-Anhalt Gesetz sind. "Das ist einfach nur Unsinn. Politischer Aktionismus. Irgendwo passiert was und dann muss politisch gehandelt werden", meint Tierschützer Sperlich. "Jeder, der sich heute damit beschäftigt, weiß, dass Rassehundelisten völliger Unsinn sind. Völliger Schwachsinn." Die Listen seien weder durch statistische Auswertung noch durch praktische Beurteilung haltbar.

Entweder ein Hund ist im Einzelfall gefährlich und muss gekennzeichnet werden oder er ist nicht gefährlich.

Vielfalt bei den Wesenstests

Mit Wesenstests soll überprüft werden, wie sozialverträglich ein Hund ist und wie er in kniffeligen Situationen reagiert. Allerdings gibt es bundesweit ganz unterschiedliche Prüfungen, die alle Wesenstest heißen. Sie kosten teils über 400 Euro. Auch in Mitteldeutschland geht jedes Land einen eigenen Weg.

In Sachsen gelten für American Staffordshire Terrier, Bullterrier, Pitbull Terrier und deren Kreuzungen besonders scharfe Auflagen. Zum Beispiel müssen sie generell angeleint werden und einen Maulkorb tragen. Allerdings können Halter mit ihrem Hund eine Wesensanalyse absolvieren. Sie soll zeigen, ob ein Hund sozialverträglich ist. Bestehen die Hunde den Test, wird der Hund als nicht gefährlich eingestuft und die Auflagen können entfallen.

In Thüringen, wo die Rassehundeliste abgeschafft worden ist, muss ein Wesenstest erst dann erbracht werden, wenn ein Hund auffällig geworden ist. Dagegen müssen in Sachsen-Anhalt prinzipiell alle Listenhunde einen Wesenstest absolvieren. Meist übernehmen Tierärzte wie Karin Bendix diese Aufgabe. "Wir machen zuerst eine klinische Untersuchung und schauen, ob der Hund gesund ist, weil auch kranke Hunde verstärkt aggressiv sein können", sagt Bendix, die in der Gemeinde Kaiserpfalz im Burgenlandkreis eine Praxis für Tierverhaltenstherapie betreibt. Für den Wesenstest werden verschiedene Alltagssituationen simuliert. Der Hund wird mit Radfahrern, anderen Hunden oder einem Betrunkenen konfrontiert.

Damit sollte der Hund entspannt und sozialverträglich umgehen können.

Tierärztin Karin Bendix

Sicherstellung von Hunden

Kommt es zu Zwischenfällen mit Hunden, können Städte oder Landkreise den Haltern Auflagen erteilen – zum Beispiel eine generelle Maulkorbpflicht. In seltenen Fällen greifen die Behörden auch härter durch. Dann können Tiere sichergestellt und einem Tierheim übergeben werden. Wie oft das geschieht, wissen nur die Ordnungs- oder Veterinärämter vor Ort. Die drei mitteldeutschen Länder führen dazu keine Statistik.

Im Landkreis Nordsachsen mit seinen gut 200.000 Einwohnern wurden nach Auskunft eines Sprechers im Jahr 2017 acht Hunde sichergestellt und ins Tierheim verbracht. Allerdings waren die Gründe vielseitig. Auch ein plötzlicher Krankenhausaufenthalt des Halters führte zu einer Einweisung ins Tierheim, weil Pflege und Ernährung des Hundes sonst nicht sichergestellt wären. In Altenburg mit seinen 33.000 Bewohnern kam es nach Auskunft des Stadtsprechers in den vergangenen fünf Jahren zu nur einer Sicherstellung. Eine Maulkorb-Pflicht verhängen die Behörden dort demnach in jährlich etwa 10 Fällen.

Kommt ein Hund ins Tierheim, müssen die Betreuungskosten in der Regel vom Halter getragen werden. Je nach Dauer der Unterbringung können schnell einige hundert oder gar tausend Euro zusammenkommen. Allerdings fällt es den Behörden nicht immer leicht, diese Kosten von den Hundehaltern auch einzufordern.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Nachmittag | 28. August 2018 | 16:35 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 03. September 2018, 15:03 Uhr

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