Raubtier zwischen den Fronten: Wölfe jagen oder schützen?

Seit 20 Jahren schon ist der Wolf wieder zurück in den Wäldern in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen: Darüber freuen sich Umweltschützer. Die Sorge von Tierhaltern aber wächst.

Im Natur- und Umweltpark in Güstrow ist am 10.02.2011 ein Rudel Wölfe unterwegs.
Wolfsrudel im Natur- und Umweltpark Güstrow: Dort können Besucher die Raubtier sicher hinter Zäunen beobachten. Bildrechte: dpa

In Bad Düben in Sachsen rissen Wölfe im August acht Schafe, bei Bautzen waren es fünf: Im Sommer nahm die Zahl der Angriffe in der Region deutlich zu, weil die Wolfswelpen mehr Nahrung brauchten und Nutztiere einfacher zu jagen waren als Wildtiere. In Sachsen-Anhalt gab es bis zum Juni schon 213 Wolfsrisse, so viel wie im gesamten Jahr davor. Nach den vielen Angriffen in den letzten Jahren will ein Thüringer Schäfer jetzt Wölfe mit drei speziell ausgebildeten Schutzhunden von seiner Herde abhalten. Das Thüringer Umweltministerium finanziert die Hunde. Im Freistaat gibt es unterdessen wieder ein Wolfsrudel. Ein Grund zur Freude für Naturschützer. Das sind nur einige der vielen Nachrichten zum Wolf aus diesem Jahr.

"Man muss keine Angst haben. Aber Respekt."

Nach der Wende kam der Wolf zurück: Das Raubtier galt in Deutschland für mehr als 150 Jahre lang als ausgerottet. Seit fast 20 Jahren ist der Wolf in Mitteldeutschland wieder heimisch. Das sorgt für zunehmend heftigere Diskussionen: Tierhalter beklagen, dass sie auch ohne den Wolf schon genug Probleme haben. Umweltschützer verweisen auf die wichtige Rolle der Tiere als "Gesundheitspolizei des Waldes" und dessen strengen Schutz in Europa. Die Länder versuchen mit der Förderung für Weidezäune und Herdenschutzhunde, beiden Seiten gerecht zu werden. Der Leiter des Wolfskompetenzzentrums Sachsen-Anhalt Andreas Berbig sagt:

Wir wissen, dass der Wolf als Raubtier sehr polarisiert, motiviert und irritiert.

Man müsse keine Angst haben vor dem Wolf, "man muss Respekt haben – wie vor anderen Wildtieren auch."

Wölfe in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen

In Sachsen leben aktuell 28 Wolfsrudel und zwei Paare. Das sind sechs Rudel mehr als im Monitoringjahr davor. Ein Rudel besteht im Durchschnitt aus fünf bis zehn Wölfen. In Sachsen-Anhalt halten sich aktuell 104 Wölfe auf, davon 49 Welpen und 17 Jährlinge. Das geht aus Erhebungen des Wolfskompetenzzentrums in Iden hervor. Die Experten weisen darauf hin, dass sich die Tiere nicht an Landesgrenzen halten. Sie beobachten daher auch Wölfe in benachbarten Bundesländern. Derzeit ist noch nicht ganz klar, wie viele Wölfe in Thüringen leben. Der Freistaat ist offenbar eher ein "Transitland" für durchziehende Wölfe. Seit 2014 ist eine Wölfin auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf im Landkreis Gotha nachgewiesen. Sie hat seit diesem Jahr Nachkommen.

Zum Abschuss freigegeben?

In Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen gilt grundsätzlich: Wer einen Wolf tötet, macht sich strafbar. Die Tiere dürfen auch nicht eingefangen oder gestört werden. Das regeln das Bundesnaturschutzgesetz und eine EU-Verordnung. Wenn Wölfe aber aggressiv auf Menschen oder Hunde reagieren, dürfen die Tiere geschossen werden. Das regelt die "Leitlinie Wolf" des Umweltministeriums Sachsen-Anhalt. Für das Ministerium steht die Sicherheit des Menschen an erster Stelle. Auch in Sachsen dürfen so genannte "Problemwölfe" abgeschossen werden. Das hat der Freistaat 2019 noch einmal neu geregelt und Bedingungen für den Abschuss festgelegt. Der damalige Landwirtschaftsminister Thomas Schmidt (CDU) sagte dazu in einem Radiointerview:

Wenn er sich Menschen mehrmals nähert, in bestimmten Abständen von 100 Metern bei Siedlungen, 30 Metern bei Menschen, sich darüber hinaus nicht verscheuchen lässt. Das war vorher nicht möglich und wir haben auch bei den Nutztierhaltern, wenn es da um mehrmalige Übergriffe geht, also mindestens zweimal, geregelt, dass nicht jedes Mal die gleiche Herde betroffen sein muss, sondern eine Herde im Bereich eines Rudels.

Auch in Thüringen dürfen auffällige Wölfe geschossen werden, wenn Fachleute dies für nötig halten. Das zeigt der Managementplan für den Wolf im Freistaat.

Müssen Menschen Angst vor Wölfen haben? Wer einen Wolf sieht, muss keine Angst haben und nicht in Panik verfallen. "Man muss Respekt haben, wie vor anderen Wildtieren auch“, sagt Andreas Berbig, der Leiter des Wolfskompetenzzentrums in Iden. Wer einen Wolf aus der Nähe sieht, sollte nach Berbigs Worten die Situation ruhig einordnen. Möglich sei, dass der Wolf einfach nur neugierig sei. Für diesen Fall rät der Experte: In die Hände klatschen und versuchen, den Wolf zu vertreiben.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP AM WOCHENENDE | 17. Oktober 2020 | 18:10 Uhr

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