E-Scooter - Spielzeug oder echte Alternative?

02.04.2019 | 02:10 Uhr

E-Scooter auf einem Gehsteig 1 min
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Umschau-Quicktipp E-Scooter

E-Scooter

MDR JUMP Di 02.04.2019 02:10Uhr 01:06 min

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Früher war nahezu jedes Kind damit unterwegs – heute erobern Roller auch die Welt der Erwachsenen. Im schicken Design und mit Elektronantrieb wollen E-Scooter die Städte erobern. Das Angebot an elektrischen Tretrollern wird immer größer, doch fahren darf man damit eigentlich noch nicht. Wann es soweit sein könnte und was dann zu beachten ist, erfährst du jetzt.   

Das sind E-Scooter

Sie kommen aus Amerika und haben längst europäische Großstädte wie Paris, Kopenhagen oder auch Wien erobert. Elektrisch angetriebene Roller sind die moderne Form von Rollern, verhältnismäßig klein, leicht und teilweise zusammenklappbar und ohne permanentes Treten zu fahren. Ausgestattet mit einem Elektroakku, sind sie offiziell bis zu 25 km/h schnell. Die Akkus können zudem an der heimischen Steckdose geladen werden. In europäischen Großstädten nutzen viele Berufstätige und Studenten die Geräte, um den sogenannten letzten Kilometer in der Innenstadt von Bus und Bahn hin zu Arbeitsplatz und Uni zurückzulegen.

Ausstattung von E-Scootern

Ausgestattet sind die E-Scooter mit verschiedenen Motoren: zum Beispiel mit einem 300 Watt/ 24 Volt Motor. Es geht aber auch deutlich kräftiger. Welchen du wählen solltest, hängt ganz von der geplanten Fahrstrecke und dem Profil ab. Wird es hügelig und sollen täglich mehrere Kilometer zurückgelegt werden, solltest du lieber ein paar Euro mehr für ein stärkeres Antriebsaggregat zahlen. Die Akkus für die Stromversorgung werden per Ladebuchse und Ladegerät an die Steckdose angeschlossen. Abnehmbare Akkus, zum Laden im Büro zum Beispiel, gibt es auch, allerdings musst du für entsprechende Scooter deutlich mehr als 200 Euro ausgeben. Ab drei bis vier Stunden kann ein Ladevorgang dauern, dann kannst du wieder rund 20 Kilometer weit damit fahren. Viele Modelle verfügen über Scheibenbremsen, die kräftiger zupacken als Trommelbremsen. Die Räder- und Reifengröße richtet sich nach dem Modell. Größer als 28 Zentimeter Durchmesser wird es selten. Kleinere Reifen lassen sich auf Kopfsteinpflaster schlechter fahren. Viel Roller besitzen keine Tachos. Das wiederum bedeutet in der Praxis, dass die Fahrer immer nur schätzen können, ob sie noch nicht zu schnell sind. Insgesamt ist die Produkt und Ausstattungspallette sehr groß.

Ab rund 200 Euro bekommst du ein halbwegs ordentliches Gefährt. Die Reichweite der Akkus beträgt in dieser Preisklasse allerdings oft nur bis zu 20 Kilometer. Bei kaltem Wetter, schwerer Fracht und bergauf verlieren die Akkus noch eher ihre Power. Wenn du wirklich täglich von der Bahn ein paar Kilometer zur Arbeit und zurück fahren möchtest, musst du rund 500 Euro investieren. 

E-Scooter im Straßenverkehr

Aktueller Stand im April 2019 ist, dass nach wie vor alle Fahrzeuge, die einen Motor haben und aus eigener Kraft schneller als sechs Kilometer pro Stunde sind, als Motorfahrzeuge oder auch Kraftfahrzeuge gelten. Und die brauchen eine Betriebserlaubnis plus Versicherung und der Fahrer in der Regel auch einen Führerschein. Unterschied zum E-Bike bis 25 km/h: dort musst du immerhin noch mittreten, es fährt nicht von alleine. Für die E-Scooter ergibt sich außerdem noch das Problem, dass du sie nicht in öffentlichen Verkehrsmitteln mitnehmen darfst, da dort eben die Mitnahme von Kfz verboten ist.

Das Versicherungsproblem

Aktuell solltest du unter keinen Umständen mit einem E-Scooter im öffentlichen Bereich fahren. Du bist nicht abgesichert. Darauf weist der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft hin. Keine Versicherung, keine Unfallopferhilfe oder ähnliches übernimmt aktuell die Folgekosten eines Unfalls.  Erst wenn die Verordnung des BVMI offizielles Recht ist, werden Versicherer entsprechende Policen als Angebote auf den Markt bringen.

Planungen des Bundesverkehrsministeriums

Wenn es nach dem Bundesverkehrsminister geht, dann werden E-Scooter und Kollegen ab Anfang Mai 2019 als sogenannte Elektrokleinstfahrzeuge auf deutschen Rad- und Fußwegen zugelassen. Sind die nicht vorhanden, dann kann zum Teil auch die Straße genutzt werden. Die gleichnamige Verordnung soll dann in Kraft treten und erlaubt die Nutzung unter folgenden Bedingungen:

  • Zunächst brauchen die Gefährte eine Lenk- oder Haltestange und zwei Bremsen. Dazu kommen noch Rückstrahler und eine Klingel.
  • Weiterhin müssen die Roller eine Versicherungsplakette haben.
  • Geplant ist, dass Kinder bis zu 12 Jahren Versionen mit maximal 12 km/h Höchstgeschwindigkeit und Kinder bis zu 14 Jahren bis zu 20 km/h schnelle Geräte fahren dürfen, ganz ohne Führerschein.

Zitat Verordnungsvorlage BMVI § 3: 'Zum Führen eines Elektrokleinstfahrzeugs mit einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von weniger als 12 km/h sind Personen berechtigt, die das 12. Lebensjahr vollendet haben. Zum Führen eines Elektrokleinstfahrzeugs mit einer bauartbedingten Höchstgeschwindigkeit von nicht mehr als 20 km/h sind Personen berechtigt, die das 14. Lebensjahr vollendet haben.'

  • Es ist keine Helmpflicht in Sicht.
  • Die zulässige Höchstgeschwindigkeit soll bei 20 km/h festgelegt werden.

Das bisherige Angebot im Handel orientiert sich allerdings an anderen europäischen Ländern, in denen bis zu 25 km/h erlaubt sind. Hersteller haben noch keine „deutsche Variante“ auf dem Markt.

  • Grundsätzlich soll E-Scooter-Fahren rein rechtlich dem Fahrradfahren gleichgestellt werden. 

Wie die endgültige Regelung aussehen wird, darüber will das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) voraussichtlich Anfang Mai informieren.

Unfallgefahren im Alltag

Auch wenn es theoretisch gut gedacht ist, für kleine Strecken, kleine mobile Gefährte einzusetzen, Verkehrsfachleute wie der Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC Sachsen, Konrad Krause, haben an der praktischen Umsetzung starke Zweifel:

Auf Fußwegen würde ich so ein Gefährt völlig ausschließen. Dort gehören auch Fahrräder eigentlich nicht hin. Die Geschwindigkeitsunterschiede und damit die Unfallgefahren sind einfach viel zu groß. Auch wenn Sie solch einen E-Scooter auf dem Radweg haben, die ja bei uns eh schon oft voll ausgelastet sind und der fährt dann da mit 12 km/h rum, dann ist das zu dem normalen Fahrradtempo schon ein Unterschied. Und so ein Geschwindigkeitsunterschied bedeutet eben immer Unfallgefahr.

Konrad Krause, Geschäftsführer des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs ADFC Sachsen

Hinzu kommt die geplante Erlaubnis für Fußwege. Schwer vorstellbar, dass sich Zwölfjährige dort genau an 12 km/h Höchstgeschwindigkeit halten, von allgemeinen Verkehrsregeln ganz abgesehen.

Sicherheitsprobleme

Kind mit Fahrradhelm
Bildrechte: colourbox.com

Fahren ohne Helm mit bis zu 20 km/h in der Fußgängerzone wird genauso gefährlich werden, wie Radfahren ohne Helm. Bei Stürzen verletzen sich laut einer groß angelegten Studie nach dem amerikanischen Fachblatt Jama Network Open vor allem die Fahrer selbst. Knochenbrüche, Platzwunden und schwere Kopfverletzungen waren danach keine Seltenheit, vor allem weil der Großteil der Fahrer eben keinen Helm getragen hatte. Hinzu kommen technische Schwierigkeiten bei Billiggeräten. Die Akkus können beim Laden stark überhitzen, das kann bis zum Brand führen. In den USA wurden in den letzten Monaten rund 500.000 E-Scooter deshalb von den Herstellern zurückgerufen.

Ökologisch sinnvoll?

Auf den ersten Blick scheint es energiesparend zu sein, das Auto ein Stück weit ab von Beruf oder Schule zu parken und den Rest mit dem E-Scooter zu fahren. Dementgegen stehen aber der Stromverbrauch des Akkus für einen vergleichsweise kurzen Weg, der ökologische Fußabdruck bei der Herstellung des Akkus selbst und die vergleichsweise kurze Lebenszeit solcher kleinen Akkus. Manche verlieren schon nach einem halben Jahr ihre volle Leistungsfähigkeit. Werden sie oft in Kälte eingesetzt, kann es noch schneller gehen. Eine Alternative sieht Konrad Krause vom ADFC:

Unmotorisierte Roller sind da sehr spannend, mit denen kann man sich den Gegebenheiten besser anpassen und für den letzten Kilometer rund um den Bahnhof sind die durchaus eine Überlegung wert.

Konrad Krause

Fazit

E-Scooter sind nach Ansicht des Verkehrsministeriums eine ideale Ergänzung zu Entwicklung und Ausbau der E-Mobilität. Verkehrs- und Sicherheitsexperten haben an der praktischen Umsetzung Zweifel. Auch der gesellschaftliche Sinn wird hinterfragt:

Ich kann nicht nachvollziehen, dass wir einerseits über zu dicke Kinder klagen, ihnen dann aber auch noch den Roller elektrisieren um ein paar hundert Meter weit zu kommen.

Konrad Krause

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 02. April 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. April 2019, 02:10 Uhr