Entschädigung bei Verspätung von Bus, Bahn oder Flieger

Zuletzt aktualisiert: 12.06.2019 | 09:00 Uhr

Gestrandete Fluggäste warten auf dem Flughafen Buenos Aires auf ihre Anschlussflüge. 1 min
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MDR JUMP Di 04.06.2019 02:10Uhr 01:06 min

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Wer nicht mit dem eigenen Auto in den Urlaub fährt, muss sich oft mit Verspätungen von Fernbus, Zug oder Flugzeug herumärgern. Statistiken zufolge war im Jahr 2018 fast jeder vierte Flug in Deutschland ausgefallen oder verspätet, die Verspätung der Fernverkehrszüge der Deutschen Bahn summierte sich im gleichen Jahr auf insgesamt 1,1 Millionen Minuten. Oftmals müssen Reisende nur wenige Minuten warten, bis es weitergeht. Beläuft sich die Wartezeit jedoch auf mehrere Stunden und verpassen sie durch die Verspätung auch noch weitere Anschlüsse, ist die Urlaubsstimmung getrübt. Finanziell gibt es in vielen Fällen ein Trostpflaster: Reisende haben ab einer gewissen Verspätungszeit ein Recht auf Entschädigung.

Entschädigungsansprüche bei der Eisenbahn

Die Zug-Anzeige der Abfahrten im Münchner Hauptbahnhof informiert am 25.6.2003 über den Ausfall eines Zuges im Fernverkehr.
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Für Bahnreisende gelten die Fahrgastrechte aufgrund einer EU-Richtlinie einheitlich für alle Eisenbahnunternehmen, also auch für Mitbewerber der Deutschen Bahn. Sie gelten bei wetterbedingten Verspätungen oder Bahnstreiks als auch bei anderen "außergewöhnlichen Umständen". Bei der Beurteilung, wie viel Entschädigung dem Bahnkunden zusteht, ist die Ankunft am Zielbahnhof entscheidend. In einigen Fällen gibt es aber auch schon vor der verspäteten Ankunft Ausgleichsleistungen:

Ab 60 Minuten Verspätung am Ziel Es besteht Anspruch auf Rückzahlung von 25% des Ticketpreises. Zudem stehen den Fahrgästen Mahlzeiten und Erfrischungen zu. Auch muss die Bahngesellschaft die Hotelkosten übernehmen, wenn die Reise erst am nächsten Morgen fortgesetzt werden kann.
Ab 120 Minuten Verspätung am Ziel



Die Bahn muss die Hälfte des Ticketpreises zurückzahlen.
Abfahrt verzögert sich um mehr als 20 Minuten Der Bahnkunde darf eine andere Verbindung nutzen. Fallen dafür Zusatzkosten an, muss der Reisende die zwar erst zahlen, kann sie sich aber später von der Bahn zurückholen.
Vor Fahrtbeginn ist absehbar, dass der Zug mindestens 60 Minuten zu spät ankommen wird Der Fahrgast kann entweder den vollen Ticketpreis zurück verlangen oder ohne Aufpreis zu einem späteren Zeitpunkt die Fahrt antreten.

Um die Abwicklung der Entschädigungszahlungen der meisten deutschen Eisenbahnunternehmen kümmert sich das "Servicecenter Fahrgastrechte". Auf seiner Seite ist einsehbar, welche Bahnbetreiber dabei sind. Für die Entschädigungszahlung müssen Bahnkunden ein Formular ausfüllen und zusammen mit dem Ticket einreichen. Idealerweise sollte ein Bahnmitarbeiter auf dem Formular bestätigen, dass es eine Verspätung gab. Die Unterlagen können entweder in den Reisezentren der Deutschen Bahn und den Verkaufsstellen anderer Bahnunternehmen abgegeben oder per Post an das "Servicecenter Fahrgastrechte" eingeschickt werden. Online kann der Antrag bislang nicht gestellt werden.

Online-Portale, die bei der Durchsetzung der Ansprüche behilflich sind Wer sich nicht im Reisezentrum anstellen möchte und sich nicht mit einem Papierformular herumschlagen möchte, kann auf Fahrgasthelfer zurückgreifen. Portale wie zug-erstattung.de oder bahn-buddy.de ermöglichen die Durchsetzung der Ansprüche auch per Smartphone oder vom Computer aus. Diesen Service lassen sie sich jedoch auch etwas kosten – zwischen 0,99 Euro pro Antrag und bis zu 20 Prozent pro Entschädigungssumme. Bis die Dienstleister die Ansprüche bei der Bahn geltend gemacht haben, können einige Wochen vergehen, im Reisezentrum der Bahn dagegen gibt es die Erstattung manchmal sogar sofort.

Entschädigungsansprüche beim Fernbus

Seit 2013 gibt es eine EU-Verordnung über die Fahrgastrechte im Fernbusverkehr. Sie gilt für alle Verbindungen mit mehr als 250 Kilometer Reisestrecke, die innerhalb der EU starten oder ankommen. Wer eine kürzere Strecke mit dem Fernbus reist, kann sich bei Verspätungen und Ausfällen nicht darauf berufen und ist von der Kulanz des Busunternehmens abhängig. Anders als beim Reisen mit der Bahn geht es nicht um die Ankunftszeit, sondern um die Abfahrtszeit: Fährt der Bus zu spät ab, gibt es Entschädigungen. Kommt er zu spät an, weil unterwegs Stau oder schlechtes Wetter war, hat man keine Ansprüche.

Ab 90 Minuten Verspätung
  • Den Fahrgästen müssen Snacks und Getränke gereicht werden.
Ab 120 Minuten Verspätung, bei Ausfall oder Überbuchung
  • Der Fahrgast hat Anspruch auf anderweitige Beförderung zum Ziel oder auf die Erstattung des Ticketpreises.
Bei Ausfall oder mindestens 90-minütiger Verspätung von Fahrten mit mehr als drei Stunden Reisezeit
  • Wenn notwendig, muss das Busunternehmen für maximal zwei Nächte ein Hotelzimmer für bis zu 80 Euro pro Person und Nacht bezahlen. Das gilt aber nur, wenn nicht Naturkatastrophen oder Wetterkapriolen die Abfahrt des Busses verhindert haben.

Bietet das Verkehrsunternehmen weder die Erstattung des Fahrpreises noch die alternative Reisemöglichkeit an, hat der Kunde Anspruch auf Entschädigung. Die Hälfte des Ticketpreises gibt es dann zusätzlich.

Fernbusse verschiedener Anbieter
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Die Busbetreiber sind dazu verpflichtet, ihre Gäste zeitnah, also spätestens 30 Minuten nach der geplanten Abfahrt, über die Verspätung zu informieren. Da sich die Entschädigungsleistungen nur auf den Zeitpunkt der Abfahrt und nicht der Ankunft am Zielort beschränken, erfährt der Reisende in der Regel auch direkt mit dieser Information, ob er den Fahrpreis zurückbekommt, ob er aufgrund der Verspätung auf eine andere Linie umgebucht wird oder ob ihm beispielsweise stattdessen ein Zugticket oder die Hotelübernachtung bezahlt wird. In Problemfällen sollte zunächst das Kundencenter des Busunternehmens kontaktiert werden.

Entschädigungsleistungen beim Flug

Für Flugverspätungen regelt die Fluggastrechteverordnung der EU, wann und wie viel Entschädigung angemessen ist. Verspätet sich der Flug um mindestens drei Stunden, hat der Passagier Anspruch auf Entschädigungszahlungen. Die Höhe ist zwar unabhängig vom Flugpreis, jedoch gestaffelt nach Flugstrecke.

Kurzstreckenflüge bis 1.500 Kilometer 250 Euro
Flugstrecke länger als 1.500 Kilometer 400 Euro
Langstreckenflügen mit mehr als 3.500 Kilometer
  • 600 Euro - Hat sich auf der Langstrecke der Flug allerdings um höchstens vier Stunden verspätet, darf die Airline die Entschädigung um 50 Prozent kürzen.
Flugpassagiere an Bord.
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Schon ab zwei Stunden Verspätung bei Kurzstrecken- und vier Stunden bei Langstreckenflügen ist die Airline verpflichtet, Betreuungsleistungen wie eine Verpflegung zur Verfügung zu stellen, bei Verschiebung der Flüge auf den anderen Tag auch die Hotelübernachtung und den Transfer. Weiterhin ist geregelt, dass die Fluglinie bei kurzfristigem Flugausfall den Flugpreis erstatten oder die Passagiere anderweitig befördern muss. Anders als die Bahn müssen Fluggesellschaften nicht zahlen, wenn "außergewöhnliche Umstände" wie Unwetter oder Streiks zur Verspätung geführt haben. Die Regelungen gelten für alle Flüge, die in der Europäischen Union starten oder landen und bei außereuropäischen Flügen, sofern die betroffene Airline ihren Sitz in der EU hat. Auch in der Schweiz, in Norwegen und Island sind die Regelungen gültig.

Ein Passagier, der Ansprüche geltend machen will, kann seine Beschwerde direkt bei der Airline einreichen. Hilfreich dafür sind das EU-Beschwerdeformular für Fluggastrechte oder der Musterbrief des ADAC. Bis sich die Fluggesellschaft meldet und die Ansprüche auszahlt, können einige Wochen vergehen. Oft versuchen die Unternehmen auch, sich auf angebliche "außergewöhnliche Umstände" zu berufen, um nicht zahlen zu müssen. In diesen Fällen lohnt es sich jedoch, nicht klein beizugeben und unter Umständen die Angelegenheit an eine Streitschlichtungsstelle zu geben.

Online-Portale, die bei der Durchsetzung der Ansprüche behilflich sind Wer sich nicht direkt mit der Fluggesellschaft auseinandersetzen will, kann sich mit seinen Entschädigungsansprüchen auch an Fluggasthelfer-Unternehmen wie EUclaim, Flightright oder Fairplane wenden. Auf den Internetseiten der Anbieter gibt der Passagier seine Flugnummer ein und erfährt sofort, ob überhaupt eine Chance auf Entschädigung besteht. Dabei wird im Hintergrund geprüft, welche Umstände zu Störungen auf der Linie geführt haben könnten und welche Entschädigungssummen zu erwarten sind. Danach kann der Reisende selbst entscheiden, ob er die Dienste des Unternehmens in Anspruch nimmt oder selbst aktiv wird. Die Firmen übernehmen die gesamte Kommunikation mit der Fluggesellschaft und reichen notfalls sogar eine Klage bei Gericht ein.

Im Falle einer Niederlage entstehen dem Fluggast keine Kosten. Gewinnt der Fluggast das Verfahren, behalten die Unternehmen etwa 30 Prozent der Entschädigungssumme ein. Einige der Fluggastportale bieten auch an, die Rechtsansprüche den geschädigten Passagieren abzukaufen und eine Sofortentschädigung auszuzahlen. Angeboten wird das jedoch nur bei Fällen, wo die Vorabprüfung über die Internetseite dem Portal schon signalisiert hat, dass hier auf jeden Fall viel Geld zu holen ist. Die Sofortzahlung lässt sich das Unternehmen außerdem mit einer höheren Provision bezahlen: Um die 40 Prozent der Schadenssumme muss der Fluggast hier abtreten. Wer also auf die Zahlung warten kann, sollte lieber den üblichen Weg der Portale wählen, um etwas mehr von seiner Entschädigung zu bekommen – oder direkt selbst an die Fluggesellschaft schreiben und am Ende die volle Summe ohne Abzüge der Portale kassieren.

Schlichtungsstelle hilft bei Streitfällen mit Bahn, Fernbus oder Fluggesellschaft

Eine Beschwerde an den MDR Rundfunkrat wird geschrieben
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Sollte es Probleme bei der Durchsetzung der Ansprüche geben, können sich Betroffene an die Schlichtungsstelle für den Öffentlichen Personenverkehr in Berlin wenden. Insgesamt 370 Reiseunternehmen haben sich bereiterklärt, bei dem Verfahren der Schlichtungsstelle mitzuwirken. Nur Geschädigte dieser teilnehmenden Unternehmen können sich an die Schlichtungsstelle wenden. Weitere Voraussetzung ist, dass zunächst eine Beschwerde an das zuständige Verkehrsunternehmen gerichtet und ihm ein Monat Zeit gegeben wurde, darauf zu antworten. Ist die Antwort für den Reisenden nicht zufriedenstellend oder gibt es gar keine Rückmeldung,  kann die Schlichtungsstelle angerufen werden. Die Anträge dafür gibt es online. Juristen nehmen sich dann des Falles an und geben dem Reisenden und dem Unternehmen eine Empfehlung, die erst dann bindend wird, wenn der Vorschlag von beiden Seiten angenommen wird. In rund 80 Prozent der Fälle konnte die Schlichtungsstelle so eine einvernehmliche, außergerichtliche Einigung erzielen. Den geschädigten Reisenden kostet das Verfahren nichts.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 04. Juni 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 04. Juni 2019, 02:10 Uhr

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