Wie gefährlich sind Kopfhörer im Straßenverkehr?

18.11.2019 | 02:10 Uhr

Ein Junge geht mit einem Kopfhörer auf den Ohren und einem I-Phone in der Hand über eine Straße. 1 min
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MDR JUMP Mo 18.11.2019 02:10Uhr 01:07 min

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Gedämpfte Verkehrsgeräusche, eingeschränkte Wahrnehmung

Einer schon etwas älteren Befragung des Deutschen Verkehrssicherheitsrates von 2015 zufolge trägt rund jeder fünfte Fußgänger und Radfahrer ab und zu oder regelmäßig Kopfhörer im Straßenverkehr. In einer aktuellen Studie der Allianz-Versicherung von 2019 gab jeder dritte befragte Fußgänger an, beim Gehen Musik zu hören. Damit verhindern offenbar zunehmend mehr Menschen, dass lebenswichtige Geräusche wie das Klingeln der Straßenbahn, das Rumpeln einer Lok oder das Hupen eines Busses zu ihnen durchdringen. Sie bringen sich damit aus Sicht von Unfallforschern, Verkehrsrechtsexperten und auch Automobilclubs in Gefahr. So sagt etwa ADAC-Sprecher Johannes Boos auf MDR-Anfrage:

Gerade Fußgänger und Radfahrer sind im Gegensatz zu Autofahrern ungeschützt und daher ist volle Konzentration besonders wichtig. Die Nutzung von Kopfhörern dämpft Verkehrsgeräusche.

Das könne eine angemessene Reaktion verhindern. Ähnlich sieht das Julia Fohmann vom Deutschen Verkehrssicherheitsrat:

Laut Studien von 2013, 2014 ist die Wahrnehmung eingeschränkt und man schaut nicht mehr so aufmerksam, wenn man Musik hört.

Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (kurz: UDV) ergänzt:

Es ist denkbar, dass das Abkapseln von der Umwelt dazu führt, dass auch visuelle Eindrücke nicht ausreichend verarbeitet werden.

Gleichzeitig warnt er vor Panikmache: Wissenschaftlich untersucht sei dies bisher nicht.

Walkman-Urteil aus den Achtzigern

Die Straßenverkehrsordnung verbietet Fußgängern, Radfahrern und Autofahrern nicht, mit Kopfhörern Musik oder Podcasts zu hören.

Das darf aber immer nur so laut sein, dass man das Hupen von Fahrzeugen, Klingeln von Fahrrädern, das Martinshorn von Einsatzfahrzeugen oder auch Fahrgeräusche von Fahrzeugen wahrnimmt und entsprechend reagiert.

Roman Becker

Diese Regel gehe auf ein Walkman-Urteil von 1987 zurück und gelte auch für MP3-Player und Smartphones.

Wenn Sie einen Kopfhörer mit Noise-Canceling-Funktion haben, wo Sie total von Umgebungsgeräuschen abgeschirmt sind, handeln Sie auch der Straßenverkehrsordnung zuwider.

Roman Becker
Ein Holzhammer auf Paragrafenzeichen.
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Mit 15 Euro ist die Strafe aber relativ niedrig. War laute Musik nachweisbar die Ursache für einen Unfall, können Fußgänger oder Radfahrer auch Probleme mit der Versicherung bekommen.

Dann verlieren sie möglicherweise ihre kompletten Ansprüche auf Schadensersatz und Schmerzensgeld aufgrund des eigenen Mitverschuldens.

Roman Becker

Aber auch hier gilt: Die Versicherung muss erst einmal nachweisen, dass Kopfhörer und Musikhören wirklich zu dem Unfall geführt haben.

Kompletter Verzicht am sichersten

Der ADAC rät dazu, im Straßenverkehr komplett auf Kopfhörer zu verzichten. In Frankreich ist das bereits seit einigen Jahren Pflicht, zumindest für Autofahrer und Radfahrer. Dort drohen bis zu 135 Euro Strafe und Punkte. Auch Verkehrsrechtsexperte Roman Becker spricht sich für so ein klares Verbot aus:

Beim Handy hat man die Regelung auch klar gefasst: Man darf jegliches elektrisches Gerät nicht in die Hand nehmen. Damit vermeidet man auch Diskussionen dazu, ob jemand telefoniert hat oder nur den Weg gesucht hat.

Mit einem klaren Verbot wie in Frankreich entfällt im Ernstfall auch die Suche danach, ob jemand wirklich Musik gehört hat und welche Lautstärke eingestellt war. Siegfried Brockmann vom UDV dagegen sieht aktuell keinen Grund, die Gesetze zu verschärfen und damit Kopfhörer zu verbieten:

Die Forschungslage zeigt, dass wir in kritischen Situationen durchaus in der Lage sind, die Reize nach Wichtigkeit zu ordnen.

Ob eine ähnliche Regel auch für Deutschland geplant ist, lässt das Bundesverkehrsministerium auf Anfrage offen.

Verkehrsministerium hat Studie in Auftrag gegeben

Aktuell fehlen belastbare Zahlen dazu, ob und wie stark Kopfhörer die Verkehrssicherheit tatsächlich beeinträchtigen. Das hat mehrere Gründe.

Diese Art von Unfällen werden nicht in die Unfallstatistik vom Statistischen Bundesamt aufgenommen. Dafür gibt bisher keine Kategorie.

Julia Fohmann

Das zu ändern sei Sache der Bundesländer.

Das Problem ist auch, das in der Praxis nachzuweisen: Hat das Unfallopfer Musik gehört und wie laut war die? Den Kopfhörer haben sie nach einem Crash meist nicht mehr auf dem Kopf.

Roman Becker

Das Verkehrsministerium weist auf MDR-Anfrage darauf hin, dass aktuell in einer Studie die Ablenkung durch Smartphones und Musikhören erfasst werde.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 18. November 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. November 2019, 02:10 Uhr