Menschen mit Behinderung einstellen - welche Förderung gibt es?

Menschen mit Behinderung bekommen viel schwerer einen Job. Nur rund die Hälfte von ihnen ist hierzulande angestellt. Auch weil Firmen oft großen Aufwand und Kosten befürchten. Völlig zu unrecht.

Warum schwerbehinderte Menschen einstellen – die Denkbarrieren

Das Klischee ist klar: Menschen mit Behinderung können schlecht laufen, sehen oder hören und brauchen den ganze Tag Betreuung und Hilfe. Was soll das einem Unternehmen schon bringen? Dem widerspricht Kristian Veit von der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt/Thüringen ganz klar: “Die meisten Behinderungen sind überhaupt nicht derartig schwerwiegend, dass eine Beschäftigung eine Riesenumstellung für die Arbeitgeber mit sich bringen würde.“ Trotzdem scheuen sich kleine und mittelständische Unternehmen oft vor einer Anstellung. Dabei sind Menschen mit Einschränkungen gute Teamplayer, belastbar und oft auf ihrem Spezialgebiet hochqualifiziert.

Das sagt der Gesetzgeber

Die Beschäftigungsquote für nichtbehinderte Menschen liegt bei rund 80 Prozent, bei Menschen mit einer Behinderung sind es gerade mal rund 50 Prozent. Gegen diese Ungerechtigkeit steht die gesetzliche Pflicht, ab einer Betriebsgröße von 20 Mitarbeitern fünf Prozent der Stellen durch schwerbehinderte Menschen zu besetzen. Kleinere Betriebe sind demnach nicht verpflichtet. Dabei ist die Beschäftigung für jede Firma ein Gewinn:

Davon können Firmen profitieren

Wieder ein Klischee: Menschen mit Behinderung sind nur eingeschränkt belastbar. In der Praxis stimmt das nicht. Viele Einschränkungen betreffen nur einen Teil des Körpers und oftmals gleichen die Betroffenen ihre Einschränkungen mit besonderen Fähigkeiten aus. Sehbehinderte oder blinde Menschen können bekanntermaßen besser hören und in der großen Mehrheit auch besser fühlen und tasten. Einige sind Spezialisten in der Brustkrebsfrüherkennung. Andere haben ein hohes Konzentrationsvermögen oder außerordentliches Fachwissen. Fakt ist: Werden sogenannte behinderte Menschen entsprechend ihrer speziellen Fähigkeiten eingesetzt, sind sie vollwertige und hervorragende Fachkräfte.

Motivation – ein entscheidender Faktor, schon ab der Ausbildung

„Im Verhältnis haben Menschen mit Behinderung öfter qualifiziertere Abschlüsse als Nichtbehinderte. Und: Sie sind motivierter. Auch weil sich ihre Jobsuche viel schwieriger gestaltet, sind sie oft treue und sehr loyale Mitarbeiter“, so unser Experte. Betriebe, die junge behinderte Menschen ausbilden, können in der Regel viele ihrer Azubis übernehmen. Merke: Der Alltag stellt Menschen mit Behinderung oft vor große Hürden. Sie sind es also gewohnt, schwierige Situationen ohne Klagen und Hadern zu meistern.  

Der praktische Aufwand hält sich in Grenzen – und wird gefördert

Nicht immer muss für einen einzelnen Mitarbeiter gleich die gesamte Firma barrierefrei umgebaut werden. Oft reichen spezielle Stühle, Tische oder zum Beispiel eine Sprachsoftware für blinde Mitarbeiter. Dazu Kristian Veil: “Die Arbeitgeber stehen mit allen Aufgaben und Fragen, die auf sie zukommen, nicht alleine da. Für Umbaumaßnahmen und die Anschaffung von speziellen Arbeitsmitteln gibt es Fördermittel, Beratung und praktische Unterstützung bei Planung, Einbau und Anwendung.“ 

Die ersten Ansprechpartner

Am besten wenden sich potentielle Arbeitgeber erstmal nur an einen Ansprechpartner. Die Zahl an Förderern und Unterstützern ist ziemlich groß, von den Handwerkskammern über Berufsgenossenschaften bis hin zu den sogenannten Integrationsämtern. „Tatsächlich sind wir als Arbeitsagentur gute und umfassende Berater und Begleiter für die gesamte Planung, Einrichtung und Betreuung eines integrativen Arbeitsplatzes“, so unser Experte.

Fragen kostet nix – die Beratung auch nicht

In der Regel sind alle Beratungsleistungen kostenlos, auch die Nutzung von Internetangeboten und Apps zur Fördermittelfindung.

Förderung für Arbeitgeber

Es gibt sehr viele Fördermöglichkeiten und Maßnahmen, vor allem auch große finanzielle Unterstützung:Die Vergütung von Ausbildungsplätzen wird bis zu 80 Prozent, in manchen Fällen sogar komplett gefördert. Eine Probebeschäftigung von behinderten Mitarbeiten wird bis zu drei Monate lang komplett vom Arbeitsamt bezahlt“, so Experte Kristian Veil. Und bis zu acht Jahre lang können Unternehmer 70 Prozent der Lohnkosten eines schwerbehinderten Mitarbeiters gefördert bekommen. Wichtig: Diese Förderungen sind jeweils vom Einzelfall abhängig. Was braucht der Beschäftigte, wie viele behinderte Menschen arbeiten im Betrieb, wie groß ist die Firma usw.? Für die Unterstützung können unterschiedliche Kostenträger wie Arbeitsagentur, Rentenkasse oder auch die Unfallversicherung zuständig sein. Eine gute Beratung ist auch hier wichtig.

Schwerbehinderte Arbeitskräfte finden

Eine normale Stellenanzeige kann Menschen mit Behinderung abschrecken. Rechnet der Betrieb wirklich mit Bewerbern mit Behinderung? Ist er darauf eingestellt? Diese Zweifel sollten in der Stellenanzeige klar ausgeräumt werden.

Auf speziellen Portalen für behindertengerechte, barrierefreie Jobs können Firmen ihre Stellenanzeigen daraufhin überprüfen und aufgeben.

Fazit

Menschen mit Behinderung einzustellen, ist für alle ein Gewinn. Sie haben spezielle Fähigkeiten, sind gute Fachkräfte und sehr loyale Mitarbeiter. Die Arbeitsagentur und andere Organisationen/Institutionen helfen bereitwillig und oftmals kostenlos bei bürokratischen Fragen und der praktischen Einrichtung eines Arbeitsplatzes. „Die Frage ist heute und zukünftig gar nicht mehr, ob Sie einen behinderten Menschen einstellen wollen, sondern ob Sie es sich leisten können, auf diese meist hervorragend ausgebildeten Fachkräfte zu verzichten“, so unsere Experte von der Arbeitsagentur Sachsen-Anhalt/Thüringen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 03. Dezember 2021 | 11:45 Uhr

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