Wie wirksam ist eine Online-Psychotherapie?

02.09.2019 | 02:10 Uhr

Ein Mann legt erschöpft seinen Kopf neben seinenLaptop auf den Tisch. 1 min
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MDR JUMP Mo 02.09.2019 02:10Uhr 00:58 min

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Im Netz gibt es unzählige Angebote, die Hilfe in schwierigen Lebenslagen versprechen. Auch viele Krankenkassen bieten solche Life-Balance-Programme gegen Stress und Abgeschlagenheit. Der Übergang zu Psychotherapieprogrammen ist da mitunter fließend.

Eine App kann die Therapie nicht ersetzen

Ein wichtiges Erkennungsmerkmal ist ganz am Anfang von Programm oder App der Hinweis, dass dieses Programm bei seelischen Problemen und Störungen helfen kann, das Gespräch beim Arzt oder Psychotherapeuten jedoch nicht ersetzt. Das ist auch die Meinung von Dr. Bettina Sauer von der Stiftung Warentest, die solche Programme untersucht hat:

Da muss ein gutes Programm ganz klar drauf hinweisen. Als erstes müssen Sie bei psychischen Problemen mit einem Profi sprechen, nur der kann erkennen, wie es um Sie steht und ob Ihnen ein solches Programm hilft.

Ein Mann bei Psychologin
Eine App kann einen Therapeuten oder eine Therapeutin niemals ersetzen. Bildrechte: colourbox.com

Das heißt, nutzt bei Problemen immer zunächst die Möglichkeit, mit eurem Hausarzt zu sprechen oder eine Akutsprechstunde bei einem Psychologen aufzusuchen (nicht zu verwechseln mit einer richtigen Therapie).

Die Angebote

Es gibt kostenlose Programme, die ganz anonym arbeiten. Andere kosten gerne mal bis zu 300 Euro für zehn Module oder zehn virtuelle Sitzungen. Oft arbeiten diese Programme mit gesetzlichen Krankenkassen zusammen. "Das ist von Vorteil, weil Sie hier in vielen Fällen das Geld für das Programm von der Krankenkasse erstattet bekommen", so unsere Expertin.

Nicht alle Online-Programme bieten eine App, und manche Programme können nur Mitglieder der unterstützenden Krankenkasse nutzen. Fragt zunächst bei eurer Krankenkasse nach, ob dort ein Angebot vorliegen. Wenn ihr lieber anonym bleiben wollt, dann sucht ein entsprechendes Programm im Netz. Grundsätzlich können die Programme bei leichten seelischen Verstimmungen, Überarbeitung, Stresssymptomen und auch depressiven Beschwerden helfen. 

So funktioniert Online-Psychotherapie

Am Anfang werdet ihr als Patient in den meisten Fällen befragt. Wie geht es einem, wo liegen die Probleme? Dazu müsst ihr Fragebögen beantworten, Listen ausfüllen und mitunter anhand von Bewertungsskalen angeben, wie stark das Problem ist. In der Regel leiten die Programme einen Schritt für Schritt erklärend. Viele sind alleine zu absolvieren, manche werden mit dem Arzt oder Psychotherapeuten absolviert.

Ein Füllfederhalter liegt auf einem Fragebogen.
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Besonders bei Programmen für schwere oder akute Fälle schalten sich bei Bedarf online oder per Telefon Psychologen ein. Je nach Anbieter müssen nun Aufgaben bearbeitet werden. Die Programme sind oft in Module aufgebaut, die ein- oder mehrmals in der Woche bearbeitet werden müssen. Dabei geht es vor allem darum, die eigene Sicht auf die Probleme zu erkennen, zu bewerten und bestenfalls neu auszurichten. Die meisten Programme arbeiten deshalb im Sinne der Kognitiven Verhaltenstherapie. Die geht davon aus, dass unsere Sicht auf die Dinge unser Verhalten und unsere Gefühle beeinflusst. Ein Beispiel: Ihr könnt sagen: "Mist, es regnet schon wieder." oder zum gleichen Sachverhalt: "Toll, endlich Regen, da muss ich heute nicht gießen." Mit solchen und anderen Übungen können die Programme helfen, Stress und Ängste abzubauen und eine negative Sicht auf die eigene Lage positiv umzudeuten. Im Kern steckt der Gedanke dahinter: "Ich bin, was ich denke und fühle."

Studien belegen Wirksamkeit

In anderen europäischen Ländern wie Schweden oder auch Großbritannien ist diese Art Ergänzungstherapie mittlerweile Alltag. Sowohl Universitäten als auch die Anbieter der Programme konnten in vielen Studien nachweisen, dass Online-Psycho-Therapie tatsächlich funktionieren kann. Sie gibt Betroffenen die Möglichkeit, unabhängig von einem Termin beim Psychologen etwas gegen ihr Problem zu tun.

Gerade bei seelischen Erkrankungen ist es wichtig zu fühlen, dass man selbst etwas tun kann. Besonders für die Wartezeiten zwischen den Gesprächsterminen ist das von Bedeutung. Hinzu kommt, dass besonders bei beginnenden oder leichten Erkrankungen eine aktive Beteiligung des Patienten den Krankheitsverlauf verkürzen und abmildern kann.

Das richtige Programm muss es sein

Wichtig dabei ist, dass ihr euch mit dem Programm wohlfühlt. "Manche Anbieter sind in ihrer Ansprache doch sehr jugendlich, manche auch sehr unübersichtlich. Da müssen Betroffene einfach ausprobieren, welches Programm zu ihnen passt", rät Dr. Bettina Sauer.

Vorteile der Online-Psychotherapie

Am wichtigsten für viele Betroffene: Sie können sofort loslegen. Viele scheuen auch den Gang zum Arzt oder Psychologen. Sie können in einem Programm ganz anonym arbeiten, ohne peinliche Fragen, die sie "live" beantworten müssen. Und Sie können jederzeit und von jedem Ort auf ein Programm zugreifen. Patienten, deren Psychotherapeuten über sechs Wochen im Sommer die Praxis schließen, haben so einen Anker, mit dem sie die Zeit überbrücken können.

Nachteile

Besonders bei schweren oder langwierigen Problemen ist die Hilfe eines Profis nötig. Ein Arzt oder Psychologe kann die Reaktionen des Patienten interpretieren, seine Körpersprache lesen. Er kann gezielt nachfragen und sich auf die ganz individuelle Problematik einstellen. All das kann ein Programm nicht. Es kann auch nicht umfassend erkennen, in welchem Stadium seiner Erkrankung ein Patient sich befindet. Deshalb nochmal: Sucht bei schweren Problemen, Ängsten und Depressionen unbedingt immer eine Arztin oder Psychologen auf. Kein Programm kann ihn ersetzen. Auch wenn ihr euch entschlossen habt, ein Programm zu nutzen, solltet ihr über Erfolg oder Misserfolg mit einem Profi persönlich sprechen.

Was die Angebote nicht können

Online-Psycho-Therapien sind nicht geeignet bei:

  • Psychosen, also Situationen in denen ihr den Bezug zur Realität verliert, Wahnvorstellungen habt, Stimmen hört usw.
  • schweren Ängsten, die das normale Leben blockieren oder unmöglich machen
  • schweren Depressionen
  • Selbstmordgedanken

Bei solchen Problemen müsst ihr zwingend mit einem Arzt sprechen. Auch gibt es für solche Notfälle keinerlei Wartezeit. Im Ernstfall reicht ein Anruf unter der 112 oder am Sorgentelefon (0800/111 0 222), und ihr bekommt sofort Hilfe.

Ein am Tisch sitzender Mann schlägt die Hände über seinem Kopf zusammen.
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Ein Problem bei seelischen Erkrankungen ist, dass Betroffene oftmals nicht wissen, wie schwer sie schon erkrankt sind. Das ist individuell – jeder erträgt eine Last oder ein Problem anders, jede Depression verläuft unterschiedlich. Auch, wenn die Online-Angebote am Anfang oft durch Befragungen einzuschätzen versuchen, wie es euch geht: Eine 100 prozentige Sicherheit gibt es dabei nicht.  

Ergebnisse der Stiftung Warentest

Von den acht getesteten Programmen befanden die Tester vier für empfehlenswert. Darunter das kostenpflichtige Programm Deprexis24, das von vier Krankenkassen unterstützt wird und das kostenlose moodgym, das von der AOK unterstützt wird und von Wissenschaftlern der Leipziger Universität betreut und übersetzt wurde. Kostenpflichtig - aber mit Empfehlung der Stiftung Warentest - ist auch das Programm get.on. Eingeschränkt empfehlenswert waren aus Datenschutzgründen und wegen Mängeln in den AGB das kostenlose Programm iFightDepression sowie die kostenpflichtigen novego und selfapy.

Zum Test sagt Dr. Bettina Sauer:

Sie müssen als Nutzer genau darauf achten, wofür das Programm geeignet ist, fragen Sie am besten auch bei Ihrer Kasse nach, was da unterstützt wird. Ganz allgemein halten wir die Programme für eine sinnvolle Ergänzung zu einer therapeutischen Betreuung.

Fazit

Online-Psychotherapie-Programme können in bestimmen Fällen helfen, eine seelische Krise zu überwinden. Den Gang zum Arzt ersetzen sie nicht. Schon gar nicht bei ernsthaften Erkrankungen. Gute Programme erkennt ihr daran, dass sie genau das sehr deutlich zum Ausdruck bringen. Im Idealfall wird ein Programm von eurer Krankkasse angeboten oder unterstützt, auch finanziell.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 02. September 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 02. September 2019, 02:10 Uhr