Wie klappt es schnell mit einem Termin bei einem Psychotherapeuten und was sind Alternativen?

Panikattacken, die Gedanken kreisen nur noch, alles scheint hoffnungslos und nichts macht mehr Spaß: Stars wie Sarah Connor, Nora Tschirner oder Wincent Weiss reden mittlerweile offen über die Zeiten, in denen es ihnen nicht gut geht. Der Weg zu professioneller Hilfe und einer Psychotherapie ist allerdings nicht immer einfach. Wir geben Tipps.

Was sind Anzeichen, dass Hilfe von außen wichtig ist?

Eine enorm belastende Zeit, die vorbeigeht oder eine echte Krise, bei der Profi-Hilfe gebraucht wird? Diese Frage lasse sich anhand von drei verlässlichen Kriterien klar beantworten, sagt die leitende Medizinerin der BARMER. Ursula Marschall nennt drei deutliche Anzeichen für einen wirklichen Ernstfall.

Dr. Ursula Marschall, leitende Medizinerin bei der BARMER
Bildrechte: BARMER

Erster Hinweis: Ich werde in der Nacht wach und meine Gedanken beginnen zu kreisen. Meist passiert das so zwischen zwei, drei und vier Uhr. Meine Gedanken halten mich wach und ich kann nicht wieder einschlafen. Und so etwas passiert immer wieder.

Zweiter Hinweis: Anhaltende Antriebslosigkeit. Ich bin kaputt, angeschlagen und habe keine Lust, was mit Freunden oder Familie zu unternehmen. Und das wird auch nicht besser, wenn ich mal ein Wochenende nur auf der Couch liege und alle Serien zu Ende schaue.

Dritter Hinweis: Meine Freunde oder Familienmitglieder sagen, dass ich ganz anders bin als sonst. Ich sei einfach nur leer und könne mich gar nicht mehr richtig freuen.

Diese Wesensveränderung nennt auch Ulrich Hegerl als Anzeichen dafür, dass ein Mensch gerade nicht nur eine „schwierige Phase“ durchmacht. Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Deutsche Depressionshilfe sagt:

Ulrich Hegerl
Bildrechte: Katrin Lorenz

Depression ist eine Erkrankung, die Menschen schon sehr tief gehend verändert. Die kennen sich oft selber nicht mehr. Jemand, der normalerweise sehr aktiv ist und Verantwortung übernimmt, wird dann in diesem Zustand ein Häufchen Elend.

Beide Experten betonen, dass sich Betroffene bei den genannten Anzeichen am besten zeitnah Hilfe bei dafür ausgebildeten Medizinern holen.

Warum ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu holen?

Die Mediziner können zum einen danach forschen, ob es körperliche Ursachen gibt. So kann auch eine Fehlfunktion der Schilddrüse zu Stimmungsschwankungen führen. Der Arzt kann zum anderen abklären, welche Erkrankung jemand wahrscheinlich hat und welche Psychotherapie dafür am besten geeignet ist. Die mit Abstand häufigste seelische Erkrankung ist eine Depression. Es gibt daneben auch andere wie Angststörungen oder Posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS). Das ist wichtig: Alle sind tatsächlich Erkrankungen, die auch behandelbar sind. Sie gehen aber „nicht von allein weg“ und auch „Zusammenreißen“ hilft nicht. Ulrich Hegerl arbeitet als Professor an der Universitätspsychiatrie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und sagt:

Wenn man die Diagnose Depression hat, dann lebt man im Schnitt zehn Jahre weniger. Das zeigen die Statistiken aus vielen Ländern. Und das zeigt, wie schwer diese Erkrankung ist. Das ist oft eine lebensbedrohliche Erkrankung.

Diese und andere psychische Erkrankungen sollten auch deshalb vom Profi behandelt werden, weil nur der Hilfe mit dem nötigen Abstand zu Betroffenen leisten kann. Ursula Marschall sagt:

Meine Freunde und meine Familie sind keine Therapeuten. Die können mich eine gewisse Zeit auffangen. Die können mich begleiten. Aber die können mich nicht heilen.

Wer hilft vor Ort?

Es ist eine der großen Schwierigkeit bei einer psychischen Erkrankung: Betroffene müssen erst einmal herausfinden, wo sie einen für sie geeignete Ansprechpartner finden. Davon gibt es in Deutschland drei Gruppen, sagt Ulrich Hegerl:

Es gibt einmal die Fachärzte, die Psychiater. Dann haben wir zum Zweiten die Gruppe der psychologischen Psychotherapeuten. Die haben in der Psychiatrie gearbeitet und kennen daher auch viele Erkrankungen aus der Praxis. Und sie haben eine Spezialausbildung in Psychotherapie. Und dann haben wir drittens die Hausärzte, die auch sehr viele Menschen mit Depressionen erfolgreich behandeln.

Alle genannten Mediziner können eine Behandlung anbieten, die sich an den geltenden Richtlinien für Psychotherapie ausrichtet. Die bilden den aktuellen Wissensstand zu den Erkrankungen ab. Diese Behandlungen werden dann auch von der Kasse bezahlt. Eine erste Übersicht liefert die Arztsuche der Kassenärztlichen Vereinigungen in Deutschland. Ursula Marschall sagt:

Bei der Suche kann ich meine Postleitzahl eingeben und dann kriege ich eine große Liste von Psychotherapeuten angezeigt. Und das sind nur Therapeuten, die eine Zulassung der Kassen haben.

Auch die Terminservicestelle der Kassenärztlichen Vereinigungen hilft unter der 116117 weiter. Sie vermittelt laut BARMER innerhalb von einer Woche „einen entsprechenden Termin in einer zumutbaren Entfernung“. Mehr als vier Wochen sollen Patienten so nicht warten müssen. Ob das in der Praxis so funktioniert, ist offen. Nach MDR-Recherchen warten psychisch Erkrankte derzeit im bundesweiten Schnitt 20 Wochen vom ersten Anruf in einer Arztpraxis bis zur Behandlung. Besonders im ländlichen Raum kann es tatsächlich zur Wartezeiten kommen, sagt Ursula Marschall. Auch Ulrich Hegerl kennt die Engpässe bei der Behandlung von psychischen Erkrankungen und rät für die Fälle, in denen es schnell gehen muss:

Man kann auch direkt zum Facharzt gehen, wenn jemand eine sehr schwere Depression hat und auch suizidgefährdet ist und deutlich macht: Das ist ein Notfall und ich bin ganz verzweifelt. Oder man kann das auch an der Terminvergabe an der 116117 deutlich machen, damit man notfallmäßig möglichst rasch einen Termin bekommt.

Die Deutsche Depressionshilfe bietet online eine Suchfunktion für Krisendienste an, die schnell helfen können.

Wie wird geholfen?

Medizin-Laien können sich unter dem Wort „Psychotherapie“ meist nichts Konkretes vorstellen. Auch das schreckt Betroffene manchmal davon ab, sich zeitnah Hilfe zu holen. Ursula Marschall sagt, häufig werde mit einer Verhaltenstherapie gearbeitet.

Die Verhaltenstherapie beispielsweise schaut ins Hier und Jetzt und versucht, mit konkreten Verhaltenstipps die Muster zu verändern, nach denen ich handele. So kann man herausfinden, warum man in einer bestimmten Situation wie reagiert und vielleicht in Zukunft den Konflikt anders lösen.

Auch eine tiefenpsychologisch fundierte Gesprächstherapie ist möglich. Diese Therapien können aber sie müssen nicht mit Medikamenten begleitet werden. Der Arzt entscheidet, ob die Art der Erkrankung das als sinnvoll erscheinen lässt.

Wir wissen beispielsweise: Bei einer Depression habe ich zu wenig Serotonin. Dieses Hormon, was unter anderem auch meine Gefühle, meine Stimmung beeinflusst. Spezielle Medikamente können dann helfen, meinen Hormonstoffwechsel mit Serotonin zu erhöhen.

Das Medikament könne dann eine Psychotherapie unterstützen.

Gibt es Alternativen zur Psychotherapie?

Im Internet und den App-Stores für Smartphones gibt es eine ganze Reihe Anwendungen und Dienste, die bei seelischen und psychischen Problemen helfen sollen. Darunter sind auch einige, die Betroffenen nachgewiesenermaßen wirklich etwas bringen. Ulrich Hegerl sagt:

Wenn jetzt so ein Tool auf die DIGA-Liste gekommen ist – also für digitale Gesundheitsanwendungen – dann hat es eine gewisse Prüfung hinter sich. Und die beinhaltet teilweise auch die Wirksamkeit. Das muss auch zertifiziert sein als Medizinprodukt. Das ist also ein gewisses Qualitätsmerkmal.

Auf der DIGA-Liste steht etwa die App iFightDepression, die von der Deutsche Depressionshilfe mitentwickelt wurde. Auch die Apps und Webdienste Deprexis, Velibra, HelloBetter, Invirto, Moodgym, SelfApy und Somnio wurden als „digitale Gesundheitsanwendungen“ eingeordnet. Unser Experte rät aber dringend dazu, die Programme mit professioneller Anleitung zu nutzen.

Das muss begleitet werden. Das heißt: Der Hausarzt oder der Facharzt oder der psychologische Psychotherapeut gibt dem Patienten den Zugang und beim nächsten Termin wird nachgefragt: Hilft es denn? Haben Sie das verstanden? Weil man weiß, dass solche Tools eigentlich nur wirken, wenn es eine professionelle Begleitung dabei gibt.

Erst dann könnten die Apps ähnlich wirksam sein wie eine Verhaltenstherapie, die beim Arzt selbst gemacht wird. So könnten auch Engpässe bei der Versorgung von psychisch Erkrankten gelindert werden, sagt unser Experte.

Hier gibt es am Telefon ganz schnell Hilfe: Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr unter 0800 - 11 10 111, und 0800 - 11 10 222 kostenfrei erreichbar.

Auch die Stiftung der Deutschen Depressionshilfe bietet Unterstützung am Telefon an und nennt Anlaufstellen vor Ort: 0800 - 33 44 533 (kostenfrei, Mo, Di, Do: 13 bis 17 Uhr; Mi, Fr: 08:30 bis 12:30 Uhr)

Die „Nummer gegen Kummer“ ist für Kinder und Jugendliche von Montag bis Samstag von 14.00 bis 20.00 Uhr kostenfrei erreichbar: 0800 - 11 10 333

Bei der Suche nach einem Facharzt oder Psychotherapeuten in ganz Deutschland unterstützt auch der Psychotherapie-Informations-Dienst PID unter 030 – 209166330 (Mo, Di von 10 bis 13 und 16 bis 19 Uhr und Mi, Do von 13 bis 16 Uhr).

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 11. Oktober 2021 | 11:45 Uhr

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