Vegetarier-Mythen auf dem Prüfstand

27.08.2018 | 02:10 Uhr

Junger Mann beisst in ein Büschel frisches grünes Gras. 2 min
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Brauchen Vegetarier Nahrungsergänzungsmittel? Ist die vegetarische Ernährung für Kinder geeignet? Und wird man davon schlank? Wir klären die wichtigsten Fragen zur fleischfreien Ernährung.

MDR JUMP Mo 27.08.2018 02:10Uhr 02:01 min

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Geschätzte acht Millionen Deutsche leben vegetarisch. Sie verzichten aus unterschiedlichen Gründen bei ihrer Ernährung auf Fleisch und meist auch auf Fisch. Aber auch wenn es so viele Vegetarier gibt und sich viele Supermärkte und Lebensmittel-Hersteller auf sie eingestellt haben: Sprechen Fleisch-Esser und Vegetarier über Ernährung, werden oft gleich eine ganze Menge an Vorurteilen und Mythen hervorgekramt. Von beiden Seiten. Wir klären mit unserer Expertin Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) die gängigsten Vegetarier-Mythen.

Begriffserklärung

Jeder zehnte Deutsche ernährt sich vegetarisch. Der größte Teil dieser Gruppe verzichtet auf Fisch und Fleisch, aber nicht auf Milchprodukte und Eier. Diese Ernährungsform wird als Ovo-Lakto-Vegetarismus bezeichnet. Wer aus Gesundheitsgründen - etwa wegen einer Laktose-Intoleranz - auf Milch, Joghurt und Sahne verzichtet und Eier isst, wird als Ovo-Vegetarier bezeichnet. Lakto-Vegetarierwiederum verzichten auf Eier, greifen aber zu Milchprodukten. Veganer schließlich verzichten auf sämtliche Lebensmittel von Tieren, also auch Eier, Milch und auch Honig. Sie begründen das damit, dass auch die Erzeugung dieser Lebensmittel mit Tierhaltung und damit auch deren Problemen verbunden ist.

„Wer auf Fleisch verzichtet, muss sein Leben lang Nahrungsergänzungsmittel nehmen.“

Tatsächlich gibt es ein paar Nährstoffe, die vor allem in tierischen Lebensmitteln vorkommen. Dazu gehören Vitamin B12, langkettige Omega-3-Fettsäuren, Jod und Kalzium, Eisen und Zink. Trotzdem müssen die meisten Vegetarier diese Nährstoffe nicht extra zu sich nehmen, etwa in Form von Vitaminpräparaten. „Aus unserer Sicht ist die ovo-lakto-vegetarische Ernährung, also mit Eiern und Milch, auch auf Dauer gesund. Dann sollte man aber drauf achten, ein paar der kritischen Nährstoffe über andere Lebensmittel zu sich nehmen“, sagt DGE-Expertin Antje Gahl. Eisen beispielsweise sei in Gemüse wie Spinat oder auch in Vollkornprodukten enthalten. Wer sich allerdings vegan ernährt, muss sich zumindest über die Zufuhr von B12 Gedanken machen. Auch die Quellen für andere wichtige Nährstoffe wie Vitamine B2 und D, Kalzium und Jod fehlen beim kompletten Verzicht auf tierische Produkte, sagen die Lebensmittelexperten von Stiftung Warentest. Diese Stoffe müssen dann besser in Form von Nahrungsergänzungsmitteln dem Körper zugeführt werden.

„Manche Menschen sollten sich besser nicht vegetarisch ernähren.“

Aus Sicht unserer Expertin können auch Menschen auf Fleisch verzichten, die auf eine ausgewogene Ernährung mit ausreichend Nährstoffen aus allen Bereichen angewiesen sind. „Vegetarische Ernährung mit Eiern und Milch und vielleicht sogar Fisch ist auch bei Stillenden oder Schwangeren kein Problem. Die Frauen sollten aber eben drauf achten, dass sie über eine ausgewogene Ernährung wirklich auch alle wichtigen Nährstoffe bekommen“, sagt unsere Expertin. Auch Leistungssportler können sich nach dem aktuellen Forschungsstand rein vegetarisch ernähren. Ernährungswissenschaftler raten Sportlern den erhöhten Energieverbrauch durch Lebensmittel mit vielen Kohlenhydraten wie beispielsweise Nudeln oder Basmatireis zu decken.

„Eltern sollten ihre Kinder nicht rein vegetarisch ernähren. Das behindert deren Entwicklung.“

Nahrungsergänzungsmittel in Tablettenform.
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Einige Nährstoffe wie Jod, Vitamin B12 oder Eisen spielen tatsächlich eine wichtige Rolle bei der körperlichen und geistigen Entwicklung von Kindern. „Bekommen Kinder etwa nicht ausreichend Eisen oder Vitamin B12, kann das zu Wachstumsverzögerungen führen. Und ohne die langkettigen Omega-3-Fettsäuren kann die Entwicklung vom Gehirn und die der Retina in den Augen bei Säuglingen negativ beeinflusst werden“, sagt Antje Gahl. Sie gibt aber gleich Entwarnung: Bei einer ausgewogenen vegetarischen Ernährung sei das in der Regel kein Problem. „Dann muss man aber schauen, dass die Lebensmittelauswahl nicht so eingeschränkt ist. Wenn Eltern und Kinder sagen, wir mögen kein Gemüse und auch keine eisenreichen Vollkornprodukte, kann das kritisch werden“, sagt unsere Expertin. Achteten Eltern auf eine ausreichende Zufuhr aller wichtigen Nährstoffe, müssten die Kinder auch nicht öfter zur Kontrolle beim Arzt als üblich. „Bei den regelmäßigen U-Untersuchungen beim Kinderarzt, kann man das auch mal ansprechen, dass man auf Fleisch verzichtet. Und dann kann der Mediziner auch mal schauen, wie ist da der Versorgungsstatus bei den Kindern“, sagt die Ernährungsexpertin.

„Wer vegetarisch leben will, sollte das langsam angehen.“

Auch an diesem Vorurteil ist aus Sicht unserer Expertin nichts dran. „Ich kenne viele, die ihre Ernährung von jetzt auf gleich umgestellt haben und da passiert nichts“, sagt Antje Gahl. Bei einigen Menschen könnte die rein pflanzliche Ernährung mit viel Gemüse und ballaststoffhaltigen Lebensmitteln aber am Anfang zu Blähungen führen. Das gebe sich aber mit der Zeit. Unserer Expertin ist auch nicht bekannt, dass langjährige Vegetarier irgendwann kein Fleisch mehr vertragen: „Der Körper kann sich anpassen.“

„Wer sich vegetarisch ernährt, ist automatisch schlanker und gesünder als Fleischesser.“

Eine junge Frau mit einem Maßband vor der nächsten Diät.
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„In den Studien zu dem Thema gibt’s die Tendenz, dass Vegetarier einen niedrigeren Body-Mass-Index haben“, sagt Antje Gahl. Der BMI zeigt an, wie viel ein Mensch in Relation zur Körpergröße wiegt und wird daher oft als Anzeiger für Normal- oder eben Übergewicht genutzt. Laut den Forschungsdaten wiegen also Vegetarier zumindest im Schnitt etwas weniger als vergleichbare Fleischesser. „Das kann daran liegen, dass vegetarische Ernährung etwas energieärmer ist. Es kann aber auch daran liegen, dass viele Vegetarier gesünder leben, auf Alkohol verzichten und sich körperlich mehr bewegen“, sagt unsere Expertin. Aus medizinischer Sicht spreche aber einiges für eine Ernährung mit einem hohen pflanzlichen Anteil. „Da wird der Körper gut mit wichtigen Vitaminen, mit Magnesium, Kalium und auch Ballaststoffen versorgt. Außerdem nimmt man mit diesen Lebensmitteln weniger gesättigte Fette und Cholesterin auf“, sagt die DGE-Expertin. In Studien zeige sich häufig, dass Vegetarier bessere Blutfettwerte hätten, einige niedrigere Blutzuckerkonzentration und damit zumindest ein niedrigeres Risiko für Diabetes Mellitus, Herzkreislauf-Krankheiten oder Krebs.

„Vegetarische Lebensmittel sind immer gesund.“

Das trifft vielleicht auf unverarbeitete Lebensmittel wie Obst und Gemüse zu, aber nicht für hoch verarbeitete Produkte. Dazu gehören etwa Lebensmittel auf Pflanzenbasis, die Fleisch oder Wurst imitieren sollen wie Bratwürste auf Tofu-Basis oder Seitan-Salamis. Bei diesen Produkten arbeiten die Hersteller oft mit Aromen und anderen Zusatzstoffen wie Zucker, Fett, Verdickungsmittel oder Speisesalz. Die sollen den pflanzlichen Lebensmitteln einen herzhafteren Geschmack und eine fleischähnliche Konsistenz verleihen. „Das ist dann für die Ernährung eher ungünstig. Da sollte man sich dann auch in die Ruhe die Zutatenliste ansehen“, rät Antje Gahl. Ein Test von Stiftung Warentest (September 2016) zeigte zudem, dass Veggie-Schnitzel und andere Fleischimitate wahre Kalorienbomben sind. Wer wirklich vegetarisch und gesund leben will, sollte daher auf hochverarbeitete Lebensmittel verzichten und möglichst naturbelassene Produkte kaufen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Vormittag | 27. August 2018 | 09:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 27. August 2018, 02:10 Uhr