Spiel- und Computersucht: So schützen Eltern ihre Kinder

Die Hände einer jungen Frau umwickelt vom Kable der Computermaus. 1 min
Bildrechte: imago/Felix Jason

MDR JUMP Mi 21.08.2019 02:10Uhr 01:06 min

Audio herunterladen [MP3 | 1 MB | 128 kbit/s] Audio herunterladen [MP4 | 2 MB | AAC | 256 kbit/s] https://www.jumpradio.de/podcasts/quicktipp/spiel-und-computersucht-wie-koennen-eltern-ihre-kinder-schuetzen-102.html

Rechte: MDR JUMP

Audio

Nutzt ein Kind oder ein Jugendlicher das Smartphone oder die Spielkonsole zu häufig? Wann sollten Eltern eingreifen, weil übermäßige Mediennutzung die Gesundheit ihrer Kinder belastet? Diese Entscheidung ist nicht immer einfach. Eltern können aber auf ein paar Anhaltspunkte achten, sagt Kristin Langer, Mediencoach beim Elternratgeber "SCHAU HIN!":

Ein Jugendlicher spielt am Laptop
Bildrechte: imago/epd

  • Das Kinder oder der Jugendliche haben sich deutlich verändert und wirken deutlich anders, als ihre Eltern sie kennen.
  • Er oder sie zieht sich auffallend oft ins eigene Zimmer zurück.
  • Er oder sie verabredet sich kaum noch mit Freunden oder Mitschülern.
  • Er oder sie ist übermüdet, gestresst oder aggressiv.


Auch wenn Kinder darüber sprechen, sie "kommen nicht mehr ohne das Smartphone oder ein bestimmtes Spiel aus" oder "könnten keine Pause mehr machen", sollten Eltern genau hinhören.

Eltern sind immer Vorbilder

Ein Vater sitzt mit seiner Tochter am Laptop.
Bildrechte: imago images / Westend61

Kristin Langer betont, dass Kinder und Jugendliche den Umgang mit der digitalen Welt erst lernen müssten. Da seien Eltern auch als Vorbilder wichtig. Werden Kinder bei der Smartphone- oder Computernutzung sich selbst überlassen, steigt auch das Risiko für das Abgleiten in eine Sucht oder in eine Phase übermäßiger Nutzung.

Da muss ich eben auch sagen, mach mal eine Pause, und erklären, warum Pausen wichtig sind.

Kristin Langer

Eltern sollten das Gespräch suchen und weniger Regeln und Verbote aufstellen.

Damit Kinder und Jugendliche für sich verstehen lernen: Was reizt mich an den Spielen denn so und warum macht mir das so viel Spaß?

Kristin Langer

Eltern könnten auch versuchen, mit einem Tagebuch ihren Kindern deren Smartphone-Nutzung deutlich zu machen.

Da kann man aufschreiben, wie oft Spiele oder soziale Medien genutzt werden, oder man nutzt digitale Helfer dafür. Damit hat man eine sachliche Grundlage, um darüber zu reden und kann dann vielleicht auch Nutzungszeiten vereinbaren.

Kristin Langer

Wichtig sei auch, dass Eltern auf ihre Sorgfaltspflicht für ihre Kinder hinweisen.

Online-Tests zu Suchtgefahr

Schulkind schaut gebannt auf ein Smartphone und liest.
Bildrechte: imago images / Sven Simon

Im Internet gibt es zahlreiche Tests zu dem Thema. Sie sollen Hinweise darauf geben, ob jemand zu oft online spielt oder soziale Medien nutzt. Die Tests werden etwa von der "Onlinesucht Ambulanz" oder von der "Erste Hilfe Internetsucht" angeboten. Medienpädagogin Langer sieht die Tests grundsätzlich positiv, weil so möglicherweise Betroffene oder auch deren Eltern ihre Nutzung digitaler Medien hinterfragen könnten. Zudem seien die Tests anonym.

Allerdings sind die Tests auch keine Lösung. Da werden ja nur Einzelkomponenten abgefragt.

Kristin Langer

Unsere Expertin rät Eltern, Kinder oder Jugendliche diese Tests nicht allein machen zu lassen.

In manchen Tests werden auch Krankheitsbilder abgefragt im Bereich von Depressionen, da geht es um Selbstmordgefahren, und mit solchen Fragestellungen sollten Jugendliche nicht allein sein.

Kristin Langer

"Fortnite" spielen lassen oder nicht?

In fast allen Debatten zu Suchtgefahren für Heranwachsende durch digitale Medien wird das kostenlose Computerspiel "Fortnite" erwähnt. Das vor allem unter Jungen und männlichen Teenagern extrem beliebte Videospiel läuft auf PCs, Computerkonsolen, Tablets und Smartphones und gilt wegen seiner Spielmechanik als besonders suchtgefährdend. Im sogenannten "Battle Royale Modus" des Spiels landen 100 Spieler auf einer Insel, müssen Ausrüstung aufsammeln, Fallen bauen und die anderen Spieler töten. Wer am Ende als Einziger übrig bleibt, hat gewonnen.

Fortnite hat einen hohen Anteil daran, dass Kinder und Heranwachsende ständig unter Strom stehen. Sie müssen sich selber verteidigen und wissen nicht, wann sie angegriffen werden.

Kristin Langer
Jugendlicher spielt Fortnite.
Bildrechte: imago/Ritzau Scanpix

"Fortnite" ist laut Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle ab 12 Jahren freigegeben. Eltern sollten trotzdem genau abschätzen, ob ihr Kind mit den Herausforderungen des Spiels schon umgehen könne, rät Kristin Langer. Könnten das Zwölfjährige oder auch Ältere über einen bestimmten Zeitraum noch nicht, sollten Eltern mit ihrer Zustimmung vielleicht doch noch ein Jahr oder länger warten.

Wichtig ist auch, dass ich mir als Erwachsener selbst ein Bild von dem Spiel mache und mir dazu auch eine Haltung bilde: Also ob ich Spiele mit Waffen oder Gewalt in Ordnung finde oder nicht.

Kristin Langer

Zudem seien Pausen vom Spiel wichtig.

Hilfe vom Profi

Von einer möglichen Computer- oder Spielsucht sprechen Experten erst dann, wenn es über ein Jahr hinweg regelmäßig Hinweise auf eine übermäßige Nutzung von digitaler Technik gibt.

Dazu gehört, dass jemand vielleicht nicht mehr richtig isst oder schläft oder die Hygiene vernachlässigt oder sich bei sozialen Kontakten sehr zurückhält.

Kristin Langer

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) drückt es ähnlich aus: Wenn Spiele zunehmend an erster Stelle stehen und andere Aktivitäten beeinträchtigen, spreche man von Computerspielsucht. "Für die Diagnose muss das Verhaltensmuster von ausreichender Schwere sein und wesentliche Beeinträchtigungen in persönlichen, familiären, sozialen, erzieherischen, beruflichen oder anderen wichtigen Funktionsbereichen verursachen", heißt es in der Erklärung der WHO, die SCHAU HIN! zitiert. Die WHO hat im Juni 2018 Spielsucht zur Krankheit erklärt.

Das gibt Eltern Sicherheit. Wenn ihr Kind ein auffälliges Onlineverhalten hat, dann erleben wir, dass sich Eltern schämen und das als Versagen empfinden.

Kristin Langer

Jetzt könnten Betroffene und Angehörige offener über das Thema sprechen und sich etwa Hilfe bei Beratungsstellen zu Mediensucht suchen. Die können dann Therapien oder auch Beratungsgespräche anbieten, die Eltern und Kindern helfen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 21. August 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 21. August 2019, 02:10 Uhr

Noch mehr Umschau-Quicktipps