Sprechstörungen bei Kindern behandeln

06.03.2019 | 02:10 Uhr

Ortsausgangsschild mit Beschriftung: durchgestrichen: Sprachfehler und Logopädie mit Pfeil 1 min
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MDR JUMP Mi 06.03.2019 02:10Uhr 00:58 min

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Die Meldungen klingen erschreckend: Immer mehr Kinder haben Sprachprobleme! Oder gar: 40 Prozent aller Sechsjährigen können nicht richtig sprechen! Fest steht: Beim Thema Kindersprechen und -sprache wird viel durcheinandergeworfen. Wann dein Kind wirklich Probleme mit dem Sprechen hat und was du dagegen tun kannst, haben wir mit der Logopädin, Erzieherin und Therapiewissenschaftlerin Fritzi Wieland geklärt.    

Ist es wirklich so schlimm?

Dass Kinder heutzutage immer mehr Probleme mit dem Sprechen haben, kann man pauschal nicht behaupten. Zum einen beobachten Wissenschaftler diese Entwicklung schon seit vielen Jahrzehnten, es ist also kein reines Problem der Generation Computer. Zum anderen verändern sich die Untersuchungsarten, was Vergleiche schwer macht. Klar ist: Viele leichte Sprechstörungen, die man vor 30 Jahren nicht bemerkt oder ernst genommen hätte, fallen heute viel eher auf und werden entsprechend therapiert. Wir sind einfach aufmerksamer geworden.

Im Allgemeinen sprechen Kinder so gut oder schlecht wie ihr Umfeld, nur eben in einem anderen Entwicklungsstadium. Oder hart ausgedrückt: Wird in der Umgebung des Kindes nur eingeschränkt untereinander kommuniziert, dann spricht das Kind unter Umständen schlecht. Das Problem liegt aber dann nicht beim Kind.

Fritzi Wieland, Logopädin, Erzieherin und Therapiewissenschaftlerin

Was ist eine Sprechstörung, was eine Sprachstörung?

Sprechen und Sprache sind sehr komplexe Dinge. Es ist zum Beispiel keine Sprechstörung, wenn ein Kind mal einen Buchstaben oder ein Wort nicht richtig artikulieren kann. Da Sprechen und Sprache oft durcheinander geworfen werden, gibt Fritzi Wieland eine kurze Orientierung:

Das muss man klar unterscheiden. Bei einer Sprachstörung ist im Kopf, also auf neurologischer Basis etwas gestört. Entweder durch eine verzögerte geistige Entwicklung, einen Schlaganfall, Alzheimer oder auch durch ein gestörtes Sprachverständnis. Bei einer Sprechstörung hat Ihr Kind in der praktischen Ausführung Probleme. Es lispelt, stottert oder kann bestimmte Konsonanten oder Vokale nicht bilden.

Fritzi Wieland

Wo liegen die Ursachen?

Wie viele andere Fähigkeiten lernen Kinder das Sprechen durch Nachahmen und Ausprobieren. Oftmals kann eine Sprechstörung deshalb schon dann entstehen, wenn Kleinkinder Probleme mit dem Hören haben. Häufige Erkältungen und/oder Mittelohrentzündungen können dafür die Ursachen sein. Manche Kinder brauchen in ihrer Entwicklung aber auch nur länger, um das Sprechen zu lernen.

Diese Spät-Sprecher starten einfach später, so wie andere Kinder früher oder später Laufen lernen. Das können mehrere Monate Unterschied sein, es ist an sich aber kein ernsthaftes Problem.

Fritzi Wieland

Wirklich problematisch sind hingegen manche Formen der Trinkflaschensauger und die dauerhafte Benutzung. Hängt dein Kind nämlich zu oft oder dauerhaft an diesen Saugern, kann das die Entwicklung des Gaumens und später der Zähne beeinflussen.

Das kann zu einem richtigen Überbiss führen, den Sie auch später mit einer Spange nicht mehr ganz wegbekommen. Lispeln und andere artikulatorische Störungen können Sie dann unter Umständen ein Leben lang begleiten.

Fritzi Wieland

Das soziale Umfeld kann bei einer Sprech- oder Sprachstörung auch eine Rolle spielen. Haben schon Vater oder Mutter nur einen begrenzten Wortschatz oder sprechen sie nur wenig mit dem Kind, kann das zu einer verzögerten Entwicklung führen. Die Kindereinrichtungen sind im Normalfall nicht die erste Anlaufstelle zum richtigen Spracherwerb.

Woran erkennst du eine Sprachstörung?

Es gibt Bücher und Tabellen, in denen du nachlesen kannst, wann dein Kind wie sprechen können sollte. Beispielsweise sollten um den ersten Geburtstag die ersten Wörter kommen, ab dem dritten Jahr die ersten richtigen Sätze und spätestens mit dem sechsten bis siebenten Jahr sollte der Spracherwerb grundlegend abgeschlossen sein. Wenn Ihr Kind diese Daten nicht genau trifft, ist das aber noch kein Problem. Dazu sagt Fritzi Wieland:

Am ehesten fallen Sprech- und Sprachstörungen den Profis auf. Also zum Beispiel dem Kinderarzt bei den sogenannten U-Untersuchungen. Die sind mittlerweile so eng gesteckt, dass dort relativ zeitnah bemerkt wird, wenn etwas nicht stimmt. Und auch Erzieherinnen und Tagesmüttern fallen gravierende Probleme im täglichen Kontakt auf. Die können es Ihnen sehr zuverlässig sagen.

Fritzi Wieland

Gerade mit "nur" einem oder beim ersten Kind solltest du dich also von Verwandten oder Bekannten nicht verrückt machen lassen, wenn die denken, dass dein Kind nicht gut genug spricht.

Wann solltest du zum Fachmann?

Wenn sich dein Kind wirklich auffallend schwer tut oder die erwähnten Experten dich darauf hinweisen, dass in der Sprech- und Sprachentwicklung etwas nicht stimmt, solltest du zeitnah handeln und Experten aufsuchen. Mit einem Rezept vom Kinderarzt gehst du zum Logopäden, Phoniater oder Sprachtherapeuten.

Erst hier bekommen Sie eine differenzierte Diagnose. Die Fachleute sagen Ihnen also klar, was das Problem ist und wie Ihr Kind behandelt werden muss.

Fritzi Wieland

Lass nicht zu viel Zeit verstreichen, denn erstens kann die Behandlung solch einer Störung mehrere Monate dauern: je schwerer, desto länger. Und zweitens fallen gerade bei den riesigen Entwicklungsschritten von Kleinkindern solche Störungen im sozialen Umfeld wie Krippe, Kindergarten, Tagesmutter und später in der Schule massiv auf. Das kann zu noch mehr Problemen und Störungen führen. Die Kosten für die Behandlung übernehmen die Krankenkassen.

Wer ist der richtige Ansprechpartner?

Zu welchem Sprach- und Sprechexperten du gehst, besprichst du am besten mit dem Kinderarzt.

Das ist manchmal nur eine Frage der Berufsbezeichnung. Fakt ist, Sie brauchen eine Überweisung, beziehungsweise ein Rezept.

Fritzi Wieland

Durch Übungen, Spiele und viel Training beim Therapeuten und zu Hause wird dann an den Problemen gearbeitet.

Wie kannst du vorbeugen?

Um Sprache und Sprechen gut zu lernen, braucht dein Kind genügend Input. Das heißt: Du musst viel mit deinem Kind sprechen, vorlesen, singen, Geschichten erzählen. Das ist aber nur eine Seite, wie unsere Expertin erklärt:

Familie beim Vorlesen
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Sprache entsteht in der Handlung. Das heißt, Sie können Ihr Kind nicht einfach vor den Fernseher setzen oder ein Hörspiel hören lassen, weil es da ja auch viel Sprache hört. Viel wichtiger ist, dass Sie beim Vorlesen auch mal rückfragen oder das Kind weiter erzählen lassen. Sie müssen mit dem Kind gemeinsam singen. Beim Spazierengehen lassen Sie das Kind Holz, Blätter und Gras anfassen und es entsprechend beschreiben. Gerade bei den Kleinsten ist dabei nicht wichtig, dass immer alles ganz korrekt ausgesprochen wird. Das Kind übt ja noch, wichtig ist allerdings, dass Sie es richtig vormachen.

Fritzi Wieland

Je mehr also Kinder Handlung und Sprechen verbinden, desto leichter fällt das Lernen und üben.

Fazit

Sprech- oder Sprachschwierigkeiten sind in einem bestimmten Maß bei der Kindesentwicklung kein Problem. Setze dich und dein Kind also nicht unnötig unter Druck. Solltest du von Kinderarzt, Erzieherinnen oder anderen Fachleuten aber auf eine Störung hingewiesen werden, handle bitte zeitnah. Du ersparst deinem Kind dadurch spätere Probleme. Am besten lernen Kinder in der Interaktion sprechen. Das bedeutet, viele soziale Kontakte mit Menschen, die viel mit dem Kind kommunizieren, in beide Richtungen.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 06. März 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 06. März 2019, 02:10 Uhr