Tierwohllabel bei Discountern

01.04.2019 | 02:10 Uhr

Illustration: Tiermodelle und Staatliches Tiewohllabel 1 min
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MDR JUMP Mo 01.04.2019 02:10Uhr 01:10 min

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60 Kilogramm Fleisch und Wurst pro Person essen Verbraucher in Deutschland jährlich. Das ist vergleichsweise viel und ein Grund, warum das Angebot an Frischfleisch bei den Discountern weiter wächst. Doch neben dem Preis rücken die Haltungsbedingungen der Tiere beim Kunden immer mehr in den Fokus. Schließlich sollen die Tiere möglichst gut aufwachsen. Ein einheitliches Tierwohllabel der Discounter soll dem Verbraucher nun zeigen, wie verantwortungsvoll die Tiere gehalten wurden.

Schon wieder neue Label?

Fast 90 Prozent aller Verbraucher wollen laut einer Forsa-Umfrage aus 2018, dass es den Tieren aus der landwirtschaftlichen Produktion gut geht. Fast genau so viele sind bereit, dafür auch mehr Geld für Fleischprodukte zu zahlen. Der Handel muss darauf reagieren. Das tat er in der Vergangenheit mit immer neuen Kennzeichnungen und Labeln. Bisher hatte jeder Supermarkt oder Discounter sein eigenes Label. Nun geben die Handelsunternehmen Netto, Penny, Rewe, Kaufland, Aldi, Edeka, Lidl, und Wasgau ein einheitliches Label in vier Abstufungen heraus. Der Verbraucher soll sich auf diese Art schneller und übersichtlicher über die Haltungsbedingungen der Tiere des jeweiligen Produktes informieren können.

Was bedeuten die Label?

Die Haltungsform-Label werden auf Selbstbedienungs-Frischfleisch angebracht. Sie sind für Hühner, Puten, Schweine und Rinder in vier Stufen unterteilt:

Massentierhaltung von Schweinen
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  • Stufe 1: Die sogenannte Stallhaltung erfüllt gerade den gesetzlichen Mindeststandard, Massentierhaltung, wie sie in großem Stil praktiziert wird.
  • Stufe 2: Die Stallhaltung Plus, erfüllt die Mindestanforderungen der Initiative Tierwohl. Die Tiere haben etwas mehr Platz und Beschäftigungsmaterial. Rinder dürfen nicht in Anbindehaltung stehen.
  • Stufe 3: Die Haltungsform Außenklima bedeutet lediglich, dass die Tiere frische Luft bekommen. Es heißt aber nicht, dass die Tiere nach draußen     dürfen. Auch ein großes geöffnetes Stallfenster oder eine geöffnete Stalltür reicht schon zu. Tiere dieser Stufe können auch ihr Leben lang im Stall stehen und nie wirklich die Sonne sehen.
  • Stufe 4: Das Prädikat Premium bedeutet, dass die Tiere tatsächlich ins Freie kommen und im Stall mehr Platz haben. Nach Aussage der Verbraucherzentrale entspricht das der Haltungsnorm eines EU-Bio-Siegels.

Im vergangenen Jahr haben sich deshalb die großen Player der deutschen Fleischindustrie zur Interessengemeinschaft "Initiative-Tierwohl" zusammengeschlossen. Dabei wird Bauern, die ihre Tiere ein Stück weit besser als die gesetzlichen Mindestanforderungen halten, eine Prämie gezahlt. Das wird an die Verbraucher weitergegeben.

Wer steckt hinter dem Label?

Die neue Haltungsform-Kennzeichnung wird von der Initiative Tierwohl geleitet. In dieser wollen sich Unternehmen und Verbände aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmitteleinzelhandel für tiergerechtere und nachhaltigere Fleischerzeugung einsetzen. Landwirte, die freiwillig bestimmte Maßnahmen umsetzen, die über gesetzliche Regelungen hinausgehen und erweiterte Qualitätssicherungssysteme einsetzen, sollen unabhängig vom Marktpreis ein Tierwohlentgelt erhalten. Finanziert wird die Initiative durch die teilnehmenden Handelsketten, heißt es auf deren Internetseite.

Was bringen die Label?

Wir begrüßen ausdrücklich, dass durch ein einheitliches Label der Überblick für den Verbraucher einfacher wird. An der Qualität der Herstellung des Fleisches selber ändert sich dadurch nichts. Haltungsform 1 zum Beispiel ist absoluter Mindeststandard, darunter dürfen Sie gar nicht produzieren. Wenn so ein Label auf einem Produkt ist, hat das in Sachen Tierwohl überhaupt nichts zu sagen.

Dr. Birgit Brendel, Referentin für Ernährung der Verbraucherzentrale Sachsen

Die Übersichtlichkeit verbessert sich also, für die Tierproduktion ändert das erkennbar nichts. Hinzu kommt, dass die Stufen 3 und 4 laut Aussage von Dr. Brendel nur selten in den Läden zu finden sind:

Wir haben bei unserem regionalen Marktcheck vorwiegend Produkte der Haltungsform 1 und 2 in den Läden gefunden. Warum es die Haltungsformen 3 und 4 nicht oder nur sehr selten zu kaufen gibt, ist schwer zu beurteilen. Möglicherweise brauchen die Händler erstmal genug Bauern, die auch bereit sind, sich der Initiative anzuschließen und entsprechendes Fleisch zu produzieren.

Dr. Birgit Brendel

Kommt ein staatliches Tierwohllabel?

Schon lange arbeitet das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft an einem staatlichen Tierwohllabel. Genaue Zeitangaben gibt es aber nicht.

Die Initiative des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft ist schon länger angekündigt. Möglicherweise kommen ab 2020 damit dann auch Produkte auf den Markt. Es ist aber noch nicht bekannt, wann das genau passieren soll.

Dr. Birgit Brendel

Hinzu kommt, dass das staatliche Tierwohllabel erst einmal nur für Schweine geplant ist und durchweg auf freiwilliger Basis vergeben werden soll. Es kann sich also jeder Tierzüchter aussuchen, ob er dabei mitmacht oder nicht. Wer allerdings dabei ist, soll bei Fehlverhalten auch sanktioniert werden können. Das BMEL setzt bei der Freiwilligkeit darauf, dass ähnlich dem EU-Bio-Siegel ein gewisser Werbeeffekt entsteht und die Tierzüchter deshalb dabei sein wollen. All das ist aber noch Zukunftsmusik.

Wie kaufst du wirklich tierfreundlich?

Wer nicht gänzlich auf Fleisch verzichten will, kauft am besten Bio-Qualität, was beim Discounter mit dem Label der Haltungsstufe 4 gleichzusetzen wäre.

Ich kann da nur empfehlen, zu ausgewiesenen Bio-Produkten zu greifen. Dort haben Sie einen gewissen Standard an ökologischer Tierhaltung. Eine andere Möglichkeit sind Direktvermarkter, also Produzenten, bei denen Sie das Fleisch vor Ort kaufen können.

Dr. Birgit Brendel

Auch Bio-Supermärkte und ausgewiesene Produkte mit dem EU-Bio-Siegel bei Discountern und Supermärkten geben eine gewisse Sicherheit für möglichst tierfreundliche Haltung.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 01. April 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 01. April 2019, 02:10 Uhr

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