Was hilft gegen Reiseübelkeit?

12.07.2019 | 00:00 Uhr

Ein Mädchen schläft auf der Rückbank eines Autos 1 min
Bildrechte: imago images / Westend61

MDR JUMP Fr 12.07.2019 02:10Uhr 00:59 min

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Das Auto ist beladen, es konnte schon gut Strecke gemacht werden, aber die Fahrt sorgt dank wilder Kurven für den schon befürchteten Hilferuf von der Rückbank:

Mama, mir wird schlecht!

Und nun? Sollte nicht gerade stockfinstere Nacht herrschen, ist der erste Tipp unseres Experten, Professor Hubertus Axer vom Schwindelzentrum der Uniklinik Jena:

Lassen Sie die Kinder rausgucken! So kommt über das visuelle System der Körper wieder in Einklang.

Genau da liegt nämlich der Hund begraben, wenn es um das Thema "Reisekrankheit" oder "Reiseübelkeit" – medizinisch "Kinetose" genannt – geht. Davon sind Kinder übrigens häufiger betroffen als Erwachsene. Der Experte erklärt, was dabei passiert:

Wir haben sozusagen ein Ungleichgewicht in Sachen Sinneseindrücke. Heißt, die Signale, die die drei Systeme 'Gleichgewichtsorgan im Innenohr', 'Körpersensibilität' und 'Seheindruck' vermitteln, stimmen nicht überein. Das kann das Gehirn nicht verarbeiten und uns wird schlecht.

Professor Hubertus Axer
Nachtaufnahme einer Serpentinenstrasse
Kurvenreiche Strecken können vor allem Kindern zu schaffen machen. Bildrechte: imago/allOver-MEV

Übersetzt auf die oben genannte Situation im Auto heißt das: Das Kind auf dem Autorücksitz schaut sich ein Bilderbuch an. Die Augen fixieren die Zeichnungen und senden an das Gehirn das Signal: "Nichts bewegt sich." Der Körper sagt aber etwas ganz anderes: Wegen der Kurven rutscht er hin und her, die Muskeln arbeiten gegen das Umkippen an und der Zug des Sicherheitsgurtes ist an verschieden Stellen spürbar. Deshalb meldet der Körper dem Gehirn das Signal "Bewegung". Nun kommt noch das Gleichgewichtsorgan im Innenohr dazu, das ebenfalls bemerkt, dass es irgendwie kurvig ist, dass es bergauf oder bergab geht. Auch wenn Körpersensibilität und Gleichgewichtsorgan das Gleiche melden – das Auge tut es eben nicht. Die Folge: aufsteigende Übelkeit, Schwindel, kalter Schweiß. Wer jetzt keine Gegenmaßnahmen ergreifen kann, der wird sich wohl oder übel übergeben müssen. Kein Drama – aber auch kein schöner Start in den Urlaub.

Reisen trainieren

Damit es erst gar nicht so weit kommt, kann man etwas tun. Professor Axers wichtigster Tipp:

Man kann das trainieren! Machen Sie immer wieder kleinere Ausflüge mit den Kindern. Das hilft!

Mädchen schaut aus dem Auto
Rausgucken hilft. Bildrechte: imago images / Westend61

Also vor längeren Autoreisen einfach immer mal wieder ins Grüne fahren und vielleicht auch mal Strecken über Land wählen. Denn dort geht es zumeist bewegungsmäßig spannender zu als auf der Autobahn.

Medikamente gegen die Übelkeit

Ein aus Tablettenblistern gelegtes Flugzeug
Medikamente gegen Reiseübelkeit dämpfen den Brechreiz und machen müde. Bildrechte: imago/Panthermedia

Allerdings lässt sich nicht jede Situation, die für Reiseübelkeit sorgen kann, durchspielen. Aber heißt das, dass jeder, der nicht berufsbedingt Vielflieger ist, damit leben muss, dass der Urlaub schon beim Hinflug getrübt wird?

Nein, dann können Sie mit Medikamenten vorbeugen, die es rezeptfrei zu kaufen gibt.

Professor Hubertus Axer

Professor Axer rät zu denen mit dem Wirkstoff Dimenhydramin. Der Wirkstoff gehört zu den Antihistaminika, also den Mitteln, die man gegen Allergien nehmen kann. Sie haben aber auch einen Nebeneffekt, erklärt er:

Da sie im zentralen Nervensystem wirken, dämpfen sie zum einen den Brechreiz, machen zum anderen aber auch müde.

Das ist bei längeren Reisen aber vielleicht gar nicht so unerwünscht  und mit Sicherheit das kleinere Übel.

Ingver
Ingwer hilft bei Übelkeit. Bildrechte: Colourbox.com

Wer es lieber pflanzlich mag, dem empfiehlt der Leiter des Jenaer Schwindelzentrums Mittel, die Ingwer enthalten. Auch sie gibt es rezeptfrei in der Apotheke. Sie haben eine ähnliche, wenn auch schwächere Wirkung wie die Reisetabletten, in denen Dimenhydramin enthalten ist.

Wichtig bei allen Medikamenten ist, dass sie rechtzeitig vor Reiseantritt genommen werden.

Man sollte es grundsätzlich aber nicht übertreiben – vor allem nicht bei Kindern.

Dem Training vorab oder einem pflanzlichen Mittel gibt er unterm Strich klar den Vorzug.

Wenn alle Mittel versagen

Tritt die Reisekrankheit dennoch oder vielleicht auch zum ersten Mal auf, gibt es nur wenige Gegenmittel. Neben dem schon beschriebenen bewussten Wahrnehmen der Umgebung und der Bewegung kann man versuchen, sich bzw. das Kind zusätzlich mit Gesprächen oder Musik abzulenken. Wer im Auto unterwegs ist, kann natürlich auch eine Pause einlegen. Auch den Busfahrer könnte man um einen Stopp bitten, um frische Luft zu tanken und sich etwas bewegen zu können.

Brille gegen Übelkeit

Wer im Internet nach Mitteln gegen Reisekrankheit sucht, stößt auch schnell auf eine Brille, die im akuten Fall helfen soll. Ihr Brillengestell aus Kunststoff hat neben der üblichen Fassung vor den Augen zwei weitere Fassungen an den Seiten. Diese kreisrunden Öffnungen enthalten keine Gläser, dafür aber an der Innenseite eine durchsichtige Röhre. Sie ist im unteren Drittel mit einer farbigen Flüssigkeit gefüllt, die sich entsprechend der Haltung und Bewegung des Körpers verlagert. Allein dadurch, so die Anbieter solcher Brillen, sollen sich die Sinne synchronisieren und die Übelkeit nach wenigen Minuten wieder verschwinden. Dann kann die Brille, die sich für Brillenträger und Nicht-Brillenträger gleichermaßen eignen soll, wieder abgesetzt werden. Professor Axer hat eine derartige Brille zwar noch nie gesehen geschweige denn getestet, aber er kann sich durchaus vorstellen, dass das funktionieren könnte. Die im Internet angebotenen Modelle schwankten zwischen 5 und knapp 100 Euro.

Reisekrankheit verwächst sich

Einem Mädchen ist schlecht
Kinder leiden häufiger unter Reiseübelkeit. Bildrechte: imago/Panthermedia

Reiseübelkeit  kann jeden treffen. Bei Kindern verwächst sie sich aber meist mit den Jahren. Trotzdem sind Erwachsene nicht gänzlich davor gefeit. Professor Axer meint, dass selbst die robustesten Menschen spätestens nach mehreren aufeinanderfolgenden Karussellfahrten an ihre Grenzen kommen würden. Allzu aktive Volksfestbesuche lassen sich sicher gut vermeiden, eine Reise sollte sich wegen der Erfahrung mit Übelkeit und Schwindel aber keiner verkneifen.

Diese Erscheinung ist zum Glück harmlos. Sie ist nie ein Zeichen für eine ernsthafte Erkrankung.

Das lässt vielleicht manchen Reisübelkeitsgeplagten die Fahrt oder den Flug gelassener antreten.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 12. Juli 2019 | 10:45 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. Juli 2019, 00:00 Uhr

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