Darum lassen Schwarmbeben das Vogtland erzittern

Rund 30 Kilometer tief im Boden des Vogtlandes verborgen gibt es ein nicht ungefährliches Geheimnis. Mit Tiefbohrungen haben Forscher es jetzt ein Stück weit mehr ergründet. Wirklich beruhigt sind sie nicht.

Erdbeben. Kaputte Hauswand.
Die Erde im Vogtland bebt öfter. Es liegt an der vulkanischen Vergangenheit der Region. Bildrechte: Colourbox.de
Die Göltzschtalbrücke bei Netzschkau mit ihren 81 Einzelbögen auf vier Etagen gilt als bedeutendstes Verkehrsbauwerke des Vogtlandes und damit auch als touristisches Wanderziel.
Die Göltzschtalbrücke bei Netzschkau Bildrechte: dpa

Die imposante Göltzschtalbrücke, das funkelnde Wasser der Talsperre Pöhl oder die geheimnisvolle Drachenhöhle Syrau – das Vogtland hat viele Highlights. Doch die Region birgt auch ein dunkles Geheimnis. Und wir meinen jetzt nicht die für manchen vielleicht etwas schwer verständliche Mundart. Ja, ok, schlechter Scherz.
Das verborgene Geheimnis des Vogtlands ist auch wirklich ein anderes. Es liegt tief in seinem Boden. Im sächsisch-bayerisch-tschechischen Grenzgebiet brodelt dort nämlich in gleich mehreren Magmakammern heißes und deswegen flüssiges Gestein in etwa 30 Kilometern Tiefe – und Forscherinnen und Forscher haben jetzt nach Langzeitmessungen bekannt gegeben, dass man die auf jeden Fall weiter im Auge haben muss. Die Gefahr im Untergrund verrät sich durch regelmäßig auftretende, sogenannte Schwarmbeben.

Für sie verantwortlich soll mindestens das Magma in einer der Kammern sein. „Das heißt, sie köchelt nicht einfach vor sich hin", sagt Horst Kämpf vom Geoforschungszentrum Potsdam (GFZ). Er befasst sich seit 35 Jahren immer wieder mit den geologischen Besonderheiten des Vogtlandes – und weiß, dass zumindest in dieser einen Kammer das flüssige Gestein die Tendenz hat, zusammen mit Gasen aus der Tiefe in Richtung Erdoberfläche aufzusteigen.

Historisch sind Beben der Stärke bis 6,5 nachweisbar

Nicht immer sind die so verursachten Erdstöße für Menschen wahrnehmbar – manchmal aber eben doch. Und manchmal gibt es auch keine Schwarm-, sondern Einzelbeben wie zuletzt Anfang August. Zentrum der Erschütterung mit der Stärke von 2,7 war Františkovy Lázně (Franzensbad) in Tschechien. Aus früheren Untersuchungen wissen Experten allerdings, dass die Beben auch deutlich stärker Ausfallen könne. Eine gar nicht so lange zurückliegende Erinnerung daran ist ein Erdstoß im Winter 1985/86, der immerhin die Stärke 4,7 erreichte. Damals gab es auch leichte Gebäudeschäden. Historisch sind aber auch Beben der Stärke bis 6,5 nachweisbar.

Wie groß ist nun aber das Risiko solcher größerer geologischer Probleme? Die Geo-Forscherinnen und -forscher hatten auf der Suche nach Antworten auf diese Frage mit Hilfe von vier Spezialbohrungen teils mehr als 400 Meter in die Tiefe gelauscht. Dabei fanden sich die Hinweise auf aufsteigende Gas-Zusammensetzungen. „Die bisherigen Ergebnisse sind wichtige Indizien dafür, dass wir erhöhten Forschungsbedarf haben“, sagt Forscher Kämpf und außerdem:

Erst dann könnten wir einschätzen, ob sich langfristig eine potenzielle vulkanische Gefährdung für das Gebiet ergibt oder ob sich das Magma wieder beruhigt.

Zwei weitere Bohrungen im Grenzgebiet Bayern-Tschechien sind auf jeden Fall noch geplant. Es geht um die Frage, ob es langfristig eine potenzielle vulkanische Gefährdung für das Gebiet gibt. Und wichtig ist dabei das Wort langfristig. Denn niemand in der Region muss heute, morgen oder nächstes Jahr sein Hab und Gut vor einem ausbrechenden Vulkan in Sicherheit bringen. „Wenn wir über diese Prozesse sprechen, dann haben wir sehr große Zeiträume im Hinterkopf. 'Demnächst' heißt nicht in wenigen Jahren, sondern dass könnten Zeiträume sein, die 50.000 oder 100.000 Jahre sind“, hat der GFZ-Vulkanologe Torsten Dahm bereits in der Vergangenheit erklärt.

Geologische Aktivität bringt auch Vorteile

Dass es nicht doch schneller geht, hat mit einem Spannungsfeld in der Erdkruste zu tun, so die Forschenden. Das verhindert nämlich bisher in unserer Region ein Aufsteigen von Magmen aus der mittleren Erdkruste weiter nach oben. Und Änderungen an diesem Spannungsfeld passieren in Mitteleuropa nur in großen Zeiträumen.

Interessant ist aber, dass die Aktivitäten im Erdinneren auch schon heute in der Region genutzt werden können. Denn sie sind verantwortlich dafür, dass Orte wie Bad Brambach und Bad Elster wegen ihres Thermalwassers zu Kurbädern wurden. Františkovy Lázně (Franzensbad), Mariánské Lázně (Marienbad) und Karloy Vary (Karlsbad) gehören dabei seit kurzem sogar zum Weltkulturerbe der Unesco.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 11. September 2021 | 14:45 Uhr

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