Jugendliche sind öfter Stalking-Opfer

Mit Instagram und WhatsApp steigt die Gefahr: Junge Menschen haben häufiger als Erwachsene mit Stalking zu tun. Das belegt auch eine neue Untersuchung, an der ein Experte aus unserer Region beteiligt war.

Gewalt gegen Frauen
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Zwei junge Magdeburgerinnen wollen das Schweigen durchbrechen. Mit „Wir sehen hin“ haben sie einen Instagram-Kanal als Sprachrohr für Betroffene sexueller Belästigung oder sexualisierter Gewalt eröffnet. Die anonymisierten Schilderungen dort sind drastisch. Mit dem Angebot wollen sie nach eigenem Bekunden auch Leute erreichen, denen bisher nicht bewusst ist, dass das Thema so viele Menschen betrifft.

In Sachsen-Anhalts Landeshauptstadt gibt es in einer sogenannten Interventionsstelle auch Hilfe für Opfer von häuslicher Gewalt und Stalking. Und auch das Stalking, also das unerwünschte, wiederholte Nachstellen über einen längeren Zeitraum, betrifft offenbar eine verblüffend große Anzahl von Menschen in unserer Region, in der Mehrheit Frauen. Und eine neue wissenschaftliche Untersuchung, an der unter anderem der Psychologe Sören Kliem von der Ernst-Abbe-Hochschule in Jena beteiligt war, belegt noch einen beunruhigenden Umstand: Demnach sind Jugendliche häufiger von Stalking betroffen als Erwachsene.

Für die Studie wurden die Angaben von niedersächsischen Jugendlichen aus der neunten Jahrgangsstufe ausgewertet. Diese hatten bereits im Jahr 2017 an einer repräsentativen Befragung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen teilgenommen. Verglichen wurden die Daten mit einer Befragung von 16- bis 40-jährigen Personen, die allerdings schon aus dem Jahr 2011 stammt.

Gesundheitliche Risiken sind die Folge

Die Ergebnisse sind durchaus erschreckend: Demnach hat etwa jeder fünfte Jugendliche unter Stalking zu leiden, während weniger als jede oder jeder sechste Erwachsene davon betroffen ist. Unter den Jugendlichen erleben Mädchen doppelt so häufig Stalking wie Jungen. Außerdem fanden die Forscherinnen und Forscher heraus, dass das Erleben von Stalking oft mit gesundheitlichen Risiken einhergeht. So berichten Betroffene von Stalking häufiger über Depressionen, Angststörungen, Suizidgedanken und Drogenkonsum.

Soziale Netzwerke wie Instagram oder Nachrichtendienste wie WhatsApp spielten gerade beim Stalking von Jugendlichen eine große Rolle, berichten Opferschützer. Stalker könnten teilweise anonym ihre Opfer ausspähen, ihnen Nachrichten senden und sie unter Druck setzen. Gerade junge Menschen sollten daher ganz genau überlegen, welche Fotos sie in sozialen Netzwerken von sich preisgeben.

Was auch problematisch ist: Nur in einem Bruchteil der Stalking-Fälle kommt es am Ende zu Verurteilungen. So erhielten etwa in Sachsen-Anhalt in den Jahren 2018 und 2019 jeweils acht Stalker (2018 alle männlich, 2019 sechs männlich) eine Strafe.

Der Weiße Ring, das ist eine Hilfsorganisation für Kriminalitätsopfer, sagt: Rund 18.000 bis 19.000 Stalking-Straftaten seien bundesweit in der Polizei-Statistik registriert - aber nur in einem Prozent davon gebe es Verurteilungen. Das Dunkelfeld sei zudem „riesengroß“. Laut Schätzungen gebe es pro Jahr in Deutschland mindestens 200.000 bis 300.000 Fälle.

App für Betroffene entwickelt

Für Betroffene hat der Weiße Ring die „No-Stalk-App“ entwickelt. Sie soll vor allem helfen, mögliche Beweise zu sichern, um einen Stalker doch zur Rechenschaft ziehen zu können. Dazu lassen sich Nachstellungen in Foto, Video und Sprache aufnehmen. Die Dateien bekommen automatisch eine digitale Orts- und Zeitangabe, werden verschlüsselt und dann an einen externen Server übersandt. Anschließend werden sie auf dem Handy des Opfers gelöscht.

Das Sammeln von Beweisen ist wichtig – ansonsten sollten Betroffene den Kontakt zum Stalker aber möglichst komplett herunterfahren. Andere Wege zu Arbeit könnten eine Option sein, andere Zeiten für das Bringen der Kinder zur Kita, der Einkauf in einem anderen Supermarkt.

Silke Voß von der Interventionsstelle "Häusliche Gewalt und Stalking" in Halle hat einmal folgenden Ratschlag formuliert: Der Stalker wolle nur die Aufmerksamkeit seines Opfers. "Opfer sollten die Stalker deshalb ignorieren."

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 12. September 2021 | 10:10 Uhr

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