Stillen in der Öffentlichkeit: "Sollte kein Tabu sein!"

18.09.2018 | 11:30 Uhr

Eine Mutter stillt ihr Baby in einem Restaurant. Scheinbar regt sich ein Mann darüber auf. Und sofort debattiert das Netz über das Thema. Wir haben die Thüringer Hebamme Annika Wanierke gefragt, warum öffentliches Stillen kein Tabu sein sollte.

Schon wieder, könnte man denken. Schon wieder regt sich ein Mann darüber auf, dass eine Frau ihr Baby in der Öffentlichkeit stillt. "Liebe Frauen, tut das bitte nicht!", steht über dem Facebook-Post, der eine junge Frau in einem Restaurant zeigt, die gerade ihr Baby stillt.

Mehr als 700 Mal wurde der Eintrag schon geteilt, hunderte Kommentare sind aufgelaufen. In dem Facebook-Posting geht es allerdings gar nicht ums Stillen, sondern um die Schuhe der Frau, die auf dem Tisch liegen.

Trotzdem: Stillen in der Öffentlichkeit sorgt regelmäßig für große Diskussionen. Annika Wanierke, Vorsitzende des Hebammenlandesverband Thüringen, im MDR JUMP-Interview:

Portrait von Annika Wanierke, Vorsitzende des Hebammenlandesverbandes Thüringen
Bildrechte: Hebammenlandesverband Thüringen

Die Frauen berichten über das Stillen in der Öffentlichkeit sehr unterschiedlich. Es gibt ja Müttertreffs, also Cafés, wo hauptsächlich junge Frauen und junge Familien mit ihren Kindern sind, dort gibt es überhaupt keine Probleme. Und dann gibt es Berichte von Frauen, die in einer ganz normalen Gaststätte schräg angekuckt worden sind oder sogar heftige Bemerkungen bekommen haben. Also, in Sachen Akzeptanz des Stillens in der Öffentlichkeit ist noch viel Luft nach oben.

Die Mehrheit der Deutschen findet übrigens öffentliches Stillen in Ordnung. 61 Prozent der Befragten gaben im Januar 2017 in einer repräsentativen Umfrage an, dass sie es grundsätzlich angemessen finden, wenn Frauen ihre Babys in der Öffentlichkeit stillen.

"Stillen ist so unglaublich wichtig. Und die Diskussionen rund ums Stillen in der Öffentlichkeit führt leider dazu, dass die Frauen eher abstillen. Und das ist schade, denn stillen ist die natürliche Ernährung von Säuglingen und verhindert Folgeerkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht", erzählt Hebamme Annika Wanierke.

Umfrage: Mehrheit der Deutschen hält öffentliches Stillen für angemessen

Wo Mütter ihren Babys die Brust geben, spielt aber die entscheidende Rolle: Im Restaurant oder in Bus und Bahn findet das je eine knappe Mehrheit unangemessen. Auf einer Parkbank oder am Strand halten das je etwa drei Viertel der Umfrage-Teilnehmer für okay.

Für Hebamme Wanierke ist dagegen klar: Überall dort, wo sich Frauen und Familien mit Kindern normalerweise aufhalten, sollte auch gestillt werden können: "Eine Frau mit Baby würde ja auch nicht in eine Raucherkneipe gehen".

Tipps fürs Stillen in der Öffentlichkeit

Im Restaurant sollte man schauen, ob sich Kind und Mutter beim Stillen wohl fühlen:

Wenn das Kind abgelenkt wird, durch das Geschehen am Tisch, würde ich mir eine ruhige Ecke suchen. Genau so, wenn ich mich als Mutter unwohl fühle, dann spürt das Kind das und geht nicht gut an die Brust.

Allerdings sollten sich Mütter nicht auf´s "Stille Örtchen" zurückziehen: "Die Toilette ist kein Stillort", meint Hebamme Wanierke. Um in der Öffentlichkeit für etwas mehr Privatsphäre herzustellen, könnten Mütter große Tücher nutzen und damit Brust und Kind etwas bedecken.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 19. September 2018 | 10:15 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18. September 2018, 11:07 Uhr

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