Zwischen Erwartung und Enttäuschung Stimmungsbild vor Besuch von Kanzlerin Merkel in Chemnitz

Kanzlerin Angela Merkel besucht am Freitag Chemnitz. Landespolitik-Redakteurin Daniela Kahls hat sich für MDR SACHSEN in der Stadt umgehört. Sie wollte von den Menschen wissen, was sie über den politischen Besuch aus Berlin denken.

Hinter dem Karl-Marx-Monument ist ein Riesenrad zu sehen.
Am Stadtfest-Wochenende Ende August starb ein Chemnitzer bei einem Streit. Die Trauer um den jungen Mann instrumentalisierten rechte Gruppen und Hooligans. Unter dem Wahrzeichen der Stadt begann eine Demo nach der anderen. Chemnitz kam wochenlang nicht aus den Schlagzeilen. Bildrechte: MDR/Thomas Friedrich

Im Schrebergarten sind sich die Gartenfreunde einig: "Merkel kommt zu spät. Das ist kein Zeichen mehr. Es wäre notwendig gewesen, dass sie früher kommt, unmittelbar nach den Ereignissen", meint Matthias Meier. Es gehe ja nicht nur darum, dass jemand umgebracht worden sei, sondern es hatte auch politische Dimensionen, die nicht unmittelbar mit Chemnitz zu tun hatten. "Es war ja total organisiert und zweckentfremdet. Ich wäre auch nie zu so einer Demonstration gegangen." Viele in Meiers Bekanntenkreis würden seitdem das Stadtzentrum meiden. "Man kann nur darauf hoffen, dass sich im Laufe der Zeit die Sache wieder normalisiert. Aber die Lösung kann doch nicht sein, dass an jeder Ecke ein Streifenwagen steht."

Ich gehe nicht mehr allein in die Stadt. Ich fahre nicht mehr über die Zentralhaltestelle. Man wird angepöbelt. Ich lasse mich von meinem Mann fahren.

Angela Meier Chemnitzerin
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) begrüßt am 03.10.2016 auf dem Theaterplatz in Dresden (Sachsen) Gäste in historischer Bergarbeiterkleidung.
Auf Tuchfühlung mit Traditionen aus dem Erzgebirge und dem Chemnitzer Raum ist Angela Merkel schon während der Einheitsfeier in Dresden 2016 gegangen. Ob sie sich am Freitag viel Zeit für Gespräche mit Bürgern nimmt, bezweifeln viele Chemnitzer. Bildrechte: dpa

Eine andere Chemnitzerin auf dem Neumarkt, die ihren Namen nicht nennen wollte, hätte von der Bundeskanzlerin mehr erwartet: "Von der Kanzlerin hätte man sich gewünscht, dass sie Stellung bezieht zu der ganzen Sache. Und dass die Chemnitzer ihre Aufmerksamkeit wollen." Sie findet es traurig, dass Chemnitz vor den August-Ereignissen aus dem öffentlichen Blick verschwunden gewesen und nur dadurch in die Schlagzeilen geraten sei. Ihrer Meinung nach hätten die Politiker eher erkennen müssen, dass die Stimmung mies sei. "Das liegt aber nicht allein an den Flüchtlingen."

Weniger pessimistisch sieht eine andere Chemnitzerin die Lage in ihrer Stadt. Das Interesse der Kanzlerin für Chemnitz findet sie "allemal gut". "Ich persönlich fühle mich in Chemnitz noch wohl. Ich bin auch noch nie angegriffen worden", sagt sie MDR SACHSEN.

Wir haben als Unternehmen Sorge, dass wir im Ausland nur noch unter diesem rechten Vorzeichen gesehen werden. Und sich das negativ auf die ganze Region und auf den Wirtschaftsstandort auswirkt.

Kathrin Werner Wirtschaftsrat der CDU e.V.

Klare Wünsche an die CDU-Chefin formuliert Kathrin Werner vom Wirtschaftsrat der CDU. "Es wäre eine gute Idee, wenn sich die Kanzlerin auch die Unternehmen anschaut, um sich mal anzusehen, was hier in der Region in den letzten Jahren wieder entstanden ist." Sie würde sich schon wünschen, dass Erfolge in der Stadt und in der Region wahrgenommen werden. "Es gibt sehr viel Positives. Es wäre schön, wenn auch darüber berichtet würde."

Der Terminplan der Kanzlerin in Chemnitz Am Freitag um 13 Uhr besucht Angela Merkel die Basketballer des "BV Chemnitz 99" (NINERS).

Danach ist ein Gespräch mit Stadtvertretern geplant, das hinter geschlossenen Türen stattfinden soll.

Von 16 bis etwa 18 Uhr laufen die Bürgergespräche in der Richard-Hartmann-Halle, die die Zeitung "Freie Presse" organisert. Es steht unter dem Motto: "Leser fragen die Kanzlerin". Einlass ist von 14 bis 14.30 Uhr.

Ob dieser Besuch hilft und ob er nicht doch etwas bewirken kann, werden wir am Ende des Tages sehen.

Barbara Ludwig Chemnitzer Oberbürgermeisterin
Barbara Ludwig
Die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig hatte Kanzlerin Merkel direkt nach den Vorfällen in Chemnitz eingeladen und sich gewünscht, dass sie sich wirklich für Chemnitz und die Sorgen der Menschen interessiert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Auch die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig zeigte sich im Gespräch mit MDR SACHSEN enttäuscht über Angela Merkel. "Ich hatte die Kanzlerin Anfang September eingeladen, also unmittelbar nach den schlimmen Ereignissen, als das Erlebnis der Trauer noch sehr frisch und noch sehr authentisch war." Ludwig ist der Meinung, dass die Kanzlerin ganz am Anfang "hätte mit dazu beitragen können, das aufzuarbeiten, sich vielleicht mal einen ganzen Tag Zeit nehmen sollen für diese Stadt und mit den Bürgern ins Gespräch kommen sollen. Das ist jetzt zu spät."
Es sei ein sehr einseitiges Bild von Chemnitz entstanden, meint die Oberbürgermeisterin. Der Besuch werde für Chemnitz kein einfacher Tag, aber die Stadt habe sich darauf eingestellt. Ludwig hofft, dass die Kanzlerin die Fragen, Wünsche und Ängste der Bürger annimmt.

Es ist schwierig, weil Chemnitz ja nicht bevorzugt die CDU wählt.

Ullrich Hintzen Vorstand FASA AG

Der Chemnitzer Diplom-Ingenieur und Vorstand des mittelständischen Hoch-, Tief- und Ingenieurbauunternehmens FASA AG, Ullrich Hintzen, findet es erst einmal gut, dass "Politiker nach Chemnitz kommen und sich nicht wegducken. Man muss schauen, dass man den richtigen Ton findet." Man werde immer jemanden haben, der gegen solche Besuche protestiere. "Aber wir wollen ja gemeinsam etwas Positives entwickeln. Deshalb sind alle, die sich darum kümmern, die sich um Chemnitz bemühen, willkommen", sagt Hintzen.

Quelle: MDR/cs/kk

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Der Sachsenspiegel | 14.11.2018 | 19:00 Uhr

AKTUELLES AUS SACHSEN

Zuletzt aktualisiert: 16. November 2018, 11:56 Uhr

Mehr aus Sachsen