Toxische Beziehungen: Wie man Menschen loswird, die einem nicht guttun

Die anderen haben es einem immer gesagt – aber man wollte es nicht wahrhaben: Das wird nichts mit dieser Partnerin oder diesem Partner. Wenn eine Beziehung traumhaft beginnt und der Andere erst später sein wahres Gesicht zeigt, hilft oft nur noch eins: ein Schlussstrich.

Ein junges Paar streitet sich
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Es ist ein vergleichsweise neuer Begriff, der eine steile Karriere hinter sich hat – weil es eben leider viele Leute betrifft: Immer wieder hört man von toxischen Beziehungen. Es war 1998, als Carrie Bradshaw in der Serie „Sex and the City“ über toxische Junggesellen sprach, die Frauen nur ins Bett kriegen wollen. Fünf Jahre später sang dann Britney Spears im Song »Toxic« über jemanden mit starker Anziehungskraft, der aber auch gefährlich ist.

Und auch wenn es bis heute keine allgemeingültige Definition gibt, so geht es doch vor allem um Paarkonstellationen, die mindestens einem nicht guttun – Beziehungen, die ständig hin und her schlingern zwischen dem ganz großen Glück und der Mega-Katastrophe. Die meisten von uns müssen nicht lange überlegen, bis ihnen ein Beispiel aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis lebt. Oder man steckt halt gerade selbst in solch einer toxischen Beziehung fest. Das ist besonders dramatisch.

Die anderen haben es einem immer gesagt – aber man wollte es nicht wahrhaben: Das wird nichts mit dieser Partnerin oder diesem Partner. „Toxische Beziehungen beginnen traumhaft schön“, erklärt Beziehungsexpertin Susanne Kraft. Zunächst werde man mit Liebe regelrecht zugeschüttet. Allerdings sei das bei toxischen Partnern eben keine echte Liebe - sondern eine Werbemaßnahme. „Danach kippt die Situation und der Partner zeigt sein wahres Gesicht. Er wird immer fordernder, immer bedrohlicher und immer streitsüchtiger“, so die Expertin.

Was ist noch normal?

Da kann es um die Überwachung des Handys gehen, und die Frage, mit wem man sich trifft, was man anhat oder wie viel Geld man ausgibt – Hauptsache Kontrolle. Ein toxischer Partner nutzt außerdem auffällig häufig Kritik, Schuldzuweisungen und Herabwürdigungen – und hat oft ein großes Bedürfnis nach Dominanz, Macht und eben Kontrolle. Das Problem: „Wer selbst in einer toxischen Beziehung steckt, verliert schnell den Blick dafür, was eigentlich noch ‚normal‘ ist oder schon ungesunde Muster annimmt“, heißt es etwa bei der Techniker Krankenkasse (TK).

Der Begriff toxisch bezeichnete lange Zeit nur Substanzen, die tatsächlich giftig waren. Er kommt vom griechischen „toxikon pharmakon“, das war Pfeilgift. Und toxisch bezieht sich dabei eigentlich auf das Wort für Pfeil, nicht auf Gift. Mittlerweile wird das Wort eben auch im übertragenen Sinne gebraucht – für Menschen, deren Worte und Taten uns wie Pfeile treffen können und uns vergiften.

Und das kann handfeste körperliche Folgen nach sich ziehen: „Durch das ständige Hin und Her zwischen Leid und Liebe befinden sich Betroffene im permanenten Anspannungszustand“, so die TK. Der Adrenalin- und Cortisolspiegel im Körper sei dabei extrem hoch. „Wer nicht rechtzeitig die Notbremse zieht, kann dadurch krank werden: Einige leiden unter Magenproblemen, andere wiederum entwickeln psychische Erkrankungen wie Depressionen oder Angstzustände.“

„Toxische Beziehungen sind im Kern dysfunktionale Beziehungen", sagt der Paartherapeut Andreas Kirsche aus Hamburg. Denn einer der beiden Partner sage: Du bist dafür da, dass es mir gut geht. Deshalb erwarte ich, dass du so bist, wie ich dich brauche. Das wird dann oft auch mit konkreten Forderungen in ganz konkreten, banalen Fragen verknüpft, etwa zur Kleidung oder zum Aussehen.

Angst vor dem Alleinsein

Bestimmte Menschen gelten als gefährdeter für toxische Beziehungen. Grund kann zum Beispiel ein emotionaler Mangel in der Kindheit sein, ein geringes Selbstwertgefühl, wie es bei manch frisch Getrennten, Langzeitarbeitslosen oder in einer anderen Lebenskrise steckenden Menschen der Fall ist. Andere Betroffene haben wiederum auch nur einfach Angst vor dem Alleinsein.

„Es ist kaum möglich, toxische Beziehungen auf Dauer erträglich zu gestalten", so Gabriele Leipold, Ehe-, Paar- und Sexualtherapeutin in München. Der schwächere Part in der Beziehung sollte sich auf jeden Fall bemühen, klare Grenzen zu setzen, nicht in die Defensive zu geraten, sich selbst zu beruhigen und ein Gefühl für Selbstbestimmung zu entwickeln.

»Bei toxischen Beziehungen rate ich immer zur Trennung«, erklärt der Paartherapeut Christian Hemschemeier aus Hamburg, wo er das Institut für Integrative Paartherapie leitet. Er hat mehrere Bücher zum Thema geschrieben und kennt sich mit toxischen Beziehungen aus – weil er selbst einmal in einer gelebt hat, wie er sagt.

„Man kann sich ein Zeitlimit setzen und es in dieser Zeit noch einmal mit Gesprächen oder einer Paarberatung versuchen“, so Hemschemeier. Oft hätten Betroffene aber schon viele Chancen gegeben. „Am Ende bleibt deshalb oft nichts anderes übrig, als das Gelernte mitzunehmen und zu gehen.“

Und wenn man das allein nicht hinbekommt?

Dann kann man sich Hilfe holen, im Freundeskreis zum Beispiel. Oder, wenn man jemanden zum Reden braucht, rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 0800-111 011 1.
Helfen können auch Beratungsstellen wie Pro Familia in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen oder im Zweifel auch die Hausärztin oder der Hausarzt.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 14. Mai 2022 | 11:47 Uhr

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