Gastfreundlichkeit in Corona-Zeiten Abiturientin aus Halle findet Ersatz-Zuhause im abgeriegelten Neuseeland

Alexandra Falk
Bildrechte: Alexandra Falk

Trotz strenger Isolationsauflagen nimmt die 19-jährige Backpackerin Anna Hoge aus Halle den "Lock-Down" in Neuseeland mittlerweile mit Gelassenheit. Nach dem ersten Schock über Neuseelands Entscheidung, das ganze Land binnen kürzester Zeit lahmzulegen, hatten Anna und ein Freund das große Glück, echte neuseeländische Gastfreundlichkeit zu erleben.

Anna und Alexander beim Hundesitting in Christchurch.
Glück gehabt: Anna und ihr Reisebegleiter Alexander sind während des Corona-Lock-Downs bei einer Neuseeländerin untergekommen. Bildrechte: Alexandra Falk

Das Meer rauscht und Anna Hoge läuft an diesem warmen Apriltag barfuß am Strand in Christchurch entlang. Die Hallenserin könnte gerade gar nicht weiter weg von ihrem eigentlichen Zuhause sein. 18.000 Kilometer trennen die 19-Jährige von ihrer Heimatstadt, Halle an der Saale.

Nach dem Abitur wollte Anna erstmal raus in die Welt, ihre Freiheit genießen. Doch aus der unbeschwerten Reise wurde plötzlich eine Ausnahmesituation. Denn vor einer Woche hat Neuseeland den nationalen Notstand ausgerufen – eine Schockmeldung für Anna: "Ich habe mich einfach verzweifelt gefühlt, ich hatte keine Ahnung, wo ich hinsollte. Ich hatte mein Auto, aber ich brauchte trotzdem öffentliche Einrichtungen. Aber die würden wahrscheinlich alle geschlossen werden."

Plötzlich galt Isolationspflicht und Herumreisen war verboten

Als der Notstand ausgerufen wurde, reiste Anna gerade mit einem Freund aus Berlin, Alexander Mahlke, durch Neuseeland. Beide sind bereits seit Herbst vergangenen Jahres mit einem sogenannten Work&Travel-Visum in Neuseeland unterwegs.

Der ultimativen Freiheit setzte die Corona-Krise nun ein Ende. Neuseeland schloss Ende März auf einmal die Grenze und rief kurz darauf den nationalen Notstand aus. Die Regierung gab den Neuseeländern drei Tage, um sich auf eine häusliche Isolation vorzubereiten. Das Gleiche galt auch für Urlauber.

Hilfsangebot auf dem Parkplatz

Anna hält ein Handy aus ihrem Campervan
Die Hallenserin Anna ist mit einem Campervan durch Neuseeland gereist. Täglich schreibt sie mit ihren Eltern. Bildrechte: Alexandra Falk

Viele Backpacker wie auch Anna und Alexander waren mit dieser Situation zunächst überfordert. 24 Stunden vor dem "Lock-Down" entschieden sich die beiden, getrennte Wege zu gehen: Alexander hatte sich beim Rückhol-Programm des Auswärtigen Amtes eingetragen und ging damals noch davon aus, schnell wieder nach Hause fliegen zu können. Anna dagegen wollte weiter in Neuseeland bleiben. Doch es kam anders. "Quasi beim Tschüss-Sagen auf dem Parkplatz hatte uns auf einmal Erin angesprochen", berichtet Anna.

Erin ist Krankenschwester, lebt in Christchurch und war gerade mit ihren Hunden spazieren, als sie die beiden verzweifelten Backpacker in einen typisch neuseeländischen Smalltalk verwickelte. Kurzentschlossen bietet sie Anna und Alexander das leerstehende Zimmer in ihrem Haus an, für ganze vier Wochen. "Wir waren ehrlich gesagt den Tränen nahe", erinnern sich beide. "Wir hätten niemals erwartet, dass uns jemand einfach so aufnimmt."

Putzen und Gassi gehen gegen ein Dach über dem Kopf 

Annas Gastgeberin Erin hilft den beiden Deutschen gern. Für ein entspanntes Zusammenleben wurde fix ein Putzplan aufgestellt, außerdem kümmern sich Anna und Alexander um die Hunde, wenn Erin auf Arbeit ist.

Selbst auf einen geringen Mietbeitrag haben sie sich geeinigt, was die beiden Backpacker sehr fair finden: "Es gibt so viele Leute, die gerade teuer in irgendwelchen Hotels übernachten müssen, das haben wir einfach riesiges Glück gehabt", erklärt Annas Reisebegleiter Alexander.

Anna weiß, dass es längst nicht allen Urlaubern so gut erging: "Wenn man so manche Geschichten hört von Leuten, die einfach aus dem Hostel geschmissen worden sind oder wirklich Abweisung erfahren haben in dieser schwierigen Situation. Dann kann ich das schon verstehen, dass man sich darüber aufregt und nicht wohl damit fühlt und sich wünscht, so schnell wie möglich durch diese Rückholaktion von Deutschland gerettet zu werden."

Mehr als 12.000 deutsche Urlauber sitzen in Neuseeland fest

Das Rückholprogramm für im Ausland gestrandete Deutsche läuft derzeit auf Hochtouren. Bundesaußenminister Heiko Maas hat bereits verkündet, dass 175.000 von den 200.000 weltweit Gestrandeten schon wieder nach Hause geholt werden konnten.

Doch die Verhandlungen mit Neuseeland gestalteten sich kritischer als gedacht. Dennoch würde nach einer schnellen Lösung gesucht, versicherte der deutsche Botschafter in Neuseeland, Stefan Krawielicki, in einem offenen Brief auf der Website der Deutschen Botschaft Wellington. Am vergangenen Samstag konnte bereits eine Lufthansa-Maschine in Auckland mit gestrandeten Deutschen starten, kurz danach hatte die neuseeländische Regierung die Rettungsaktion erstmal gestoppt.

Gute Nachrichten: Deutschland darf wieder Rückholflieger schicken

Leere Bushaltestelle
Das öffentliche Leben in Neuseeland steht still. Bildrechte: Alexandra Falk

Seit Donnerstag können die 12.000 deutschen Urlauber in Neuseeland allerdings wieder aufatmen. Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern hat entschieden, dass Ausländer, die ausreisen wollen, das jetzt auch wieder dürfen. Das bedeutet, das Rückholprogramm der Bundesregierung greift und das Auswärtige Amt wird nun in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft Wellington in den kommenden Tagen und Wochen die Ausreise organisieren.

Gute Nachrichten also auch für Annas Reisebegleiter Alexander, denn er will wieder zurück nach Hause. Anna hat entschieden, erstmal weiter in Neuseeland zu bleiben. Ihr Visum ist noch bis Oktober gültig. Die Hallenserin hofft, dass sie nach der Isolationszeit weiterreisen und auch arbeiten kann.

Bleib in deiner Blase

Doch bis es soweit ist, muss sie sich erstmal weiter an die strengen Isolationsregeln in ihrem Ersatz-Zuhause halten. In Neuseeland heißt es: Bleib in deiner Bubble, in deiner Blase.

Das bedeutet, dass man nur mit den Menschen Kontakt haben darf, mit denen man zusammenlebt. Zu allen anderen muss mindestens zwei Meter Abstand gehalten werden. Niemand darf sich außerhalb der Bubble treffen, nicht einmal auf einer Parkbank darf man sitzen und nur zum Einkaufen oder für Arzt- und Apothekenbesuchen das Auto benutzen. Überall ist zu lesen: Stay home, stay calm, be kind: Bleibt zu Hause, bleibt ruhig und seid nett zueinander.

Alexandra Falk
Bildrechte: Alexandra Falk

Über die Autorin Alexandra Falk hat bis vor drei Jahren noch regelmäßig für MDR SACHSEN-ANHALT und SACHSEN-ANHALT HEUTE als Reporterin und Redakteurin berichtet. 2017 ist sie mit Kind und Kegel von Leipzig nach Neuseeland gezogen und arbeitet dort nun als freie Journalistin und Korrespondentin für verschiedene deutsche Medien. Die studierte Journalistin ist sich sicher, dass es genügend Geschichten in Neuseeland zu entdecken gibt, die sie den deutschen Hörern und Zuschauern in ihren Reportagen erzählen kann.

Quelle: MDR/mh