15.04.2020 | 18:18 Uhr "LeipStream" sendet Corona-Konzerte aus Leipzig ins Wohnzimmer

Die Leipziger Clubs erwischte es mit als Erstes. Mitte März mussten sie schließen. Aber die Stille währte nur kurz. Aus der Not heraus gründete sich das Kollektiv "LeipStream", das es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Kulturschaffenden in Leipzig in Zeiten von Veranstaltungsausfällen und Ausgangsbeschränkungen weiterhin eine Bühne zu geben.

Leipstream streamt Konzerte Leipziger Künstler
Die Leipziger Band "Schwarzkaffee" im antiseptischen Modus. Bildrechte: Leipstream

Sabrina Anders und Ruben Günther betreiben die Leipziger Filmproduktionsfirma "lightleak". Gemeinsam haben sie das Projekt "LeipStream" auf die Beine gestellt. Sabrina Anders erklärt die Idee dahinter: "Als die Corona-Krise Mitte März losging, mit den Einschränkungen, die daraus folgten - Probenverbot, Konzert- und Filmdrehabsagen - haben wir beschlossen, unser vorhandenes Equipment und unsere Energie zu nutzen und solidarisch Livestreamproduktionen anzubieten, um den Künstlern zu helfen."

LeipStream im Livestream

Leipstream streamt Konzerte Leipziger Künstler
Wencke Wollny und Antonia Hausmann von "Karl, die Große" beim Akustikkonzert im Theater Cammerspiele. Bildrechte: Leipstream
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Wencke Wollny und Antonia Hausmann von "Karl, die Große" beim Akustikkonzert im Theater Cammerspiele. Bildrechte: Leipstream
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"Schwarzkaffee" im antiseptischen Modus. Bildrechte: Werk 2
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"United We Stream Leipzig": Alto Bloom im Club mjut. Bildrechte: United We Stream
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Die Metalband "Disillusion" bei ihrem Streaming-Auftritt im Werk 2. Bildrechte: Leipstream
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Erstes Konzert nach drei Tagen

Die Resonanz sei ebenso groß gewesen, wie der Bedarf an einer Plattform für Leipzigs Kulturschaffende in der Not, sagt Anders. "Alles ging ganz schnell: einen Namen finden, Social Media hochziehen, eine Webseite aufsetzen, das komplette Netzwerk abgrasen, um so schnell wie möglich beginnen zu können, die Technik organisieren. Wir trafen auf viel positives Feedback. Das hat uns natürlich sehr motiviert." Drei Tage später gab es bereits das erste Konzert: Das Leipziger Vollmondorchester spielte vor über 200 Zuschauern – für eine guten Zweck. "Zusammen haben wir während und nach unseres Livestreamkonzerts 549 Euro für 'No Borders Kitchen Lesvos' gesammelt." Der Stream wurde bis heute über 2.700 Mal angeschaut.

Dank ferngesteuerter Kameras sei es möglich, den Sicherheitsabstand zu wahren. Aber ein wichtiges Element fehlte, stellte Sabrina Anders fest. "Bei diesem ersten Stream haben wir gemerkt, dass es für alle total seltsam ist, dass es kein Publikum gibt, also keinen Applaus und keine Reaktionen. Die Musiker wirken – das kann man gut in dem Video sehen – teilweise echt unsicher in der Situation. Wir haben schnell begriffen, dass wir da auch weiter dran schrauben müssen."

Applaus aus der App

So wurde eine Applaus-App programmiert und die Zuschauer können fortan ihre Kommentare hinterlassen, die der Band auf einem Monitor zugespielt werden. Das alles sei nur mit Unterstützung möglich gewesen. "Die freie Leipziger Szene arbeitet in diesen Tagen so eng zusammen wie vielleicht noch nie", sagt Anders. "Durch diese Vernetzung sind viele Dinge möglich, die sonst nur schwer möglich sind."

Das bestätigt auch Antje Hamel vom Club Werk 2. "Wir sind Mitglied im LiveKommbinat Leipzig e.V., dem Zusammenschluss mehrerer Leipziger Clubs und Konzertvenues. Dieses Netzwerk funktioniert wirklich gut, wir arbeiten untereinander eng zusammen. Die technischen Herausforderungen des Streamings waren nur zu meistern, durch viele Teams, die uns wiederum mit Know-How, Technik und Arbeitskraft unterstützen."

So wurden die digitalen Wohnzimmerkonzerte, die über Youtube gestreamt werden, zur festen Einrichtung. Die Funk-Combo "Schwarzkaffee" spielte eine "antiseptische Live-Session" im Folienkubus, die Metalband "Disillusion" auf der Bühne des Werk 2 und "Karl, die Große" gaben ein gemütliches Akustikkonzert im Theater Cammerspiele.

Sängerin Wencke Wollny gibt zu: "Am Anfang war ich skeptisch, aber dann hat es unfassbar viel Spaß gemacht. Wir waren aufgeregt und gespannt, weil wir nicht wussten, wen wir da vor uns haben." Am Ende waren es 180 Leute aus aller Welt. "Es war etwas Besonderes, viele unserer Fans gesammelt auf einmal vor uns zu haben, Freunde aus Berlin bis zu den Alpen. Man fühlt, dass man sich und anderen jetzt gerade etwas Gutes tut. Das war ein warmer Abend, an dem wir uns mit der Musik ausgetauscht haben."

Ich habe keine Angst, dass wir unsere Kunst jetzt verschenken. Es ist wichtig gerade jetzt füreinander da zu sein und es hilft uns, die Zeit zu überbrücken, ersetzt aber keine Konzerte. Was fehlt, ist der Austausch und die Möglichkeit, einander in die Augen zu gucken.

Wencke Wollny Sängerin "Karl, die Große"

Der "digitale Hut" geht rum

"Es geht darum, dass alle verstehen, wozu Kunst da ist", sagt Wollny. Der "digitale Hut", der während des Konzerts rum geht, hilft den Künstlern dabei, zu überleben. Der Inhalt geht zu 90 Prozent an die Künstler. Für die Initiatoren von Leipstream bleibt da nicht viel für Arbeit und Equipment. Deshalb haben sie eine Spendenkampagne bei Startnext gestartet und hoffen auf Unterstützung. Das LiveKombinat hat derweil ein Soli-Ticket auf die Beine gestellt, das den Veranstaltungsorten das Überleben sichern soll. Die Plattform "Das ist Leipzig" bündelt die solidarischen Aktionen der Clubs.

Diese arbeiten weiter daran, die Zwangspause zu überbrücken. Am Dienstag ging der erste Live-Stream aus Leipzig via "United We Stream" und dem deutsch-französischen Fernsehsender Arte online. Antje Hamel ist begeistert: "Im Großen und Ganzen ist es schon beeindruckend, wie viel positives Feedback wir von unseren Fans erhalten, wie viele wirklich solidarisch sind und auch auf die Rückgabe bereits gekaufter Tickets verzichten, auch innerhalb der Veranstaltungbranche läuft alles sehr lieb ab: Agenturen, Bands, Venues – alle sitzen im selben Boot und versuchen, das Beste aus der Situation zu machen."

Quelle: MDR/lt

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