Wohnungsnot und Mietwucher – so ist die Situation in Mitteldeutschland

10.04.2019 | 13:41 Uhr

In Berlin wird derzeit heftig über die Enteignung großer Wohnungsunternehmen diskutiert. Ein entsprechendes Volksbegehren hat innerhalb von nur zwei Tagen 15.000 von 20.000 benötigten Unterschriften zusammenbekommen. Auch in den mitteldeutschen Ballungszentren wird bezahlbarer Wohnraum immer knapper - ein Überblick über die Situation in unseren drei Bundesländern.

Demonstration gegen Mietwahnsinn
Bildrechte: imago images/Stefan Zeitz

Sachsen:

In Sachsen - und hier vor allem in Dresden und Leipzig - ist die Lage am angespanntesten. 

Dresden hatte 2006 den gesamten kommunalen Wohnungsbestand verkauft und leidet jetzt unter rasant steigenden Mieten. 7,60 Euro zahlt man im Durchschnitt pro Quadratmeter und über 12 Euro Kaltmiete für Neubauten sind inzwischen keine Seltenheit mehr.

Dem großen privaten Wohnungsunternehmen Vonovia gehört jede zehnte Wohnung in der Stadt (38.424). Auf der anderen Seite fehlen in den kommenden Jahren 10.000 Sozialwohnungen, wie eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Wolfram Günther beim Sächsischen Innenministerium ergab.

Ähnliches Bild in Leipzig. Die Stadt, die einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung zufolge, derzeit bundesweit am schnellsten wächst, hat auch die am schnellsten wachsenden Mieten: um 25 Prozent ist die Kaltmiete seit 2013 gestiegen, so der aktuelle Monitoringbericht Wohnen der Stadt Leipzig. Im Schnitt geben die Leipziger inzwischen ungefähr ein Drittel ihres Haushaltsnettoeinkommens für das Wohnen aus (Miete plus Heizungs- und sonstige Nebenkosten). Alleinerziehende und alleinstehende Rentner haben dabei die höchste Mietbelastung.

Thüringen:

In Thüringen zieht es immer mehr Menschen in die größeren Städte. So steht es im aktuellen Wohnungsmarktbericht der Landesregierung. Deshalb werden in den nächsten Jahren 36.100 Wohnungen gebraucht, vor allem in Erfurt, Jena und Weimar.

Im Moment herrscht zwar noch keine Wohnungsnot, sagt Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein, aber:

Wir haben unglaublich Druck auf dem Markt. Es wurden auch in Erfurt Wohnungen rückgebaut und abgerissen in den 90er Jahren, weil die Leute nicht da waren. Aus heutiger Sicht sagen wir: ein paar Blöcke wurden da vielleicht zu viel abgerissen. 

Andreas Bausewein, Oberbürgermeister Erfurt

Außerdem wurden auch in Thüringen tausende kommunale Wohnungen an Privatinvestoren verkauft – ein falscher Schritt, so Bausewein weiter:

Das war damals schon eine falsche Entscheidung, eine dumme Entscheidung. Man hätte damals den Verkauf der Wohnungen verhindern sollen, dann wären sie heute noch da und diese Preistreiberei auf dem Mietmarkt wäre nicht ganz so stark ausgeprägt.

Andreas Bausewein

In Jena kann man durchaus bereits von Wohnungsknappheit sprechen: der Leerstand liegt laut dem aktuellen TAG Wohnungsmarktbericht bei gerade mal 1,1 Prozent. Und das, obwohl viele Studenten bereits im Umland wohnen, weil sie sich die Mieten in der Stadt ohnehin nicht leisten können.

An genau der Stelle setzt Gera an. Die 40 Kilometer entfernte Stadt will jetzt die GWB Elstertal zurückkaufen, um mögliche Zuzüge u.a. aus Jena abzufangen. Die kommunale Wohnungsgesellschaft war vor drei Jahren zu knapp 75 Prozent an ein Londoner Unternehmen verkauft worden. Es geht um etwa 5000 Wohnungen und Gewerbeeinheiten. Dabei sitzt das Land mit im Boot. Ministerpräsident Ramelow will, dass Thüringen verstärkt Wohnungen zurückkauft oder neu baut. Bei der Aufbaubank stünden dafür etwa 200 Millionen Euro aus zurückgeflossenen Fördermitteln bereit.

Sachsen-Anhalt:

Entspannter ist die Situation in Sachsen-Anhalt. Laut aktuellem Wohnungsmarktbericht gibt es rein mengenmäßig keine Wohnungsknappheit. Allerdings gibt es hier große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Während in wirtschaftlich schwachen ländlichen Regionen die Mietpreise stabil und die Zahl leerstehender Wohnungen vergleichsweise hoch sind, sieht es vor allem in Magdeburg und Halle anders aus. Hier sind die Wohnkosten deutlich gestiegen. In Magdeburg beispielsweise um fast 16 Prozent seit 2013. Die Durchschnittsmiete liegt inzwischen laut TAG Wohnungsmarktbericht bei sechs Euro pro Quadratmeter.

Es werden neue Wohnungen benötigt, weil es zunehmend Zuzüge vom Land gibt. Aufgrund der Einkommenssituation sind vor allem preisgünstige Wohnungen gefragt und die gibt es auch, sagt Magdeburgs Oberbürgermeister Lutz Trümper. Gut jede zweite Wohnung könne theoretisch von Hartz 4-Empfängern gemietet werden, weil die Kaltmiete unter fünf Euro liege. Aber, so Trümper:

Gegen steigende Mietpreise kann man als Stadt relativ wenig machen. Aktuell sind die Baupreise durch die Decke geschossen. Ich kann, wenn ich jetzt eine Neubauwohnung auf den Weg bringe, im Moment bei den Baukosten, die ich habe, nicht auf dem Niveau von Sozialwohnungen bauen. Das geht praktisch nicht.

Lutz Trümper, Oberbürgermeister Magdeburg

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Abend - Die Themen des Tages | 10. April 2019 | 19:20 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. April 2019, 13:41 Uhr

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