Pro & Contra Wolf: Was Schafzüchter über die Räuber sagen

Umweltschützer freuen sich über die Rückkehr des Wolfes nach Mitteldeutschland – doch viele Weidetierhalter haben die Nase voll. Sie beklagen, dass selbst hohe Zäune ihre Tiere nicht vor den Angreifern schützen können.

Ein Wolf durchstreift eine winterliche Landschaft.
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Seit 20 Jahren ist der Wolf zurück bei uns in der Region. Von der Lausitz im Osten Sachsens hat er sich längst auch in Teile von Sachsen-Anhalt und Thüringen ausgebreitet. Dort sind die Tiere seit rund 10 Jahren immer wieder aufgetaucht, zunächst vor allem auf der Durchreise.

Seit 2014 ist aber klar, dass es eine Wölfin auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf im Landkreis Gotha gibt. Das Tier hatte sich zunächst wohl mit einem Hund gepaart und sogenannte Wolfshybriden zu Welt gebracht. Später zeugte sie offenbar auch mit einem ihrer Kinder Nachwuchs.

Seit vergangenem Jahr hat sie aber Gesellschaft von einem echten Wolfsrüden. In diesem Jahr haben sie Nachwuchs bekommen – Thüringens erstes echtes Wolfsrudel seit rund 150 Jahren. „Wir freuen uns über den ersten echten Wolfsnachwuchs in Thüringen, sind aber in Gedanken auch bei den Sorgen und Nöten der Weidetierhalter“, sagte Thüringens Umweltstaatssekretär Olaf Möller damals.

Denn was für Umweltschützer ein Grund zur Freude ist, bereitet den Weidetierhaltern große Sorgen: „Wie soll ich feiern?“, fragt zum Beispiel Gerd Steuding vom Beirat des Landesverbands Thüringer Schafzüchter im Gespräch mit MDR JUMP. „Bei uns geht es darum, die Existenz zu sichern und der Wolf ist für die Weidetierhalter in Deutschland ein zusätzlicher Sargnagel.“

Entschädigungen und Hilfen vom Staat

Steuding beklagt, dass die Schafzüchter schon ohne Wolf genug Probleme hätten: Alte Schäfermeister hörten auf, bei der Nachwuchsförderung gebe es Schwierigkeiten, die Gesellschaft erkenne den Dienst der Tierhalter beim Schutz der Biodiversität nicht genug an – und dann eben noch die Angriffe durch den Wolf: Die Tierhalter müssten mit zusätzlichen Kosten klarkommen, mit größerem Arbeitsaufwand, mit gestressten Tieren, die oft keine lebenden Lämmer mehr auf die Welt bringen. Wer an der Einkommensquelle ganz unten sitze, wie die Schafzüchter, „für den ist das eigentlich schwer zu kompensieren.“

Thüringen fördert – wie auch Sachsen-Anhalt und Sachsen – den Schutz der Weidetiere mit Zäunen und Herdenschutzhunden. Auch bei einem Wolfs- oder Luchsriss können Tierhalter einen Antrag auf Entschädigung stellen. Dafür muss das Geschehen aber jeweils amtlich bestätigt sein und es darf keine Nachlässigkeiten beim Schutz der Tiere gegeben haben.

Massiver Stress für Tiere und Menschen

Steuding erklärte im Gespräch, auch selbst schon negative Erfahrungen mit Wölfen gemacht zu haben. „Wir haben mehrfach Übergriffe gehabt, wir haben hier 2500 Schafe in drei Herden. Es hat alle Herden schon betroffen.“ Selbst ein Zaun von 1,20 Metern Höhe sei für die Wölfe „absolut kein Hindernis mehr“. Besonders problematisch sei es, dass die Angreifer nicht nur ein Tier reißen und fressen würden, sondern im Pferch auf Jagd gingen. Das stresse auch die überlebenden Tiere massiv – und die Menschen.

In einer Übersicht werden alle Schadensereignisse mit Nutztieren in Thüringen protokolliert. Der bisher letzte nachgewiesene Wolfsangriff hat demnach am 19. September in Schwabhausen im Landkreis Gotha stattgefunden, wo drei Schafe starben. Eine weitere Attacke mit einem toten Schaf in Mühlberg im Landkreis Gotha wird derzeit noch untersucht. Auch für Sachsen und Sachsen-Anhalt gibt es solche Übersichten.

Züchter loben Partnerschaft mit dem Ministerium

Hinter jedem Eintrag verbirgt sich ein dramatisches Geschehen. Nicht immer waren tatsächlich Wölfe verantwortlich, manchmal auch Füchse oder Hunde. Aber oft, zu oft aus Sicht der Tierhalter, war es am Ende eben doch der Wolf. „Wir sagen immer: Wenn es unseren Schafen gut geht, geht es uns auch gut“, sagt Schafzüchter Steuding. „Aber wenn man dann sieht, wie so halb aufgefressene Kadaver daliegen, trotz hohen Zäunen, trotz Einsatz von Herdenschutzhunden, wenn dann immer nochmal ein Übergriff kommt… Was soll ich Ihnen sagen? Das geht schon an die Substanz.“

Steuding lobte, die Schafzüchter hätten in Thüringen mit dem Umweltministerium einen „guten Partner“. Es gebe auch einen engen Austausch mit dem Kompetenzzentrum Wolf/Biber/Luchs. Auf dem Truppenübungsplatz in Ohrdruf habe man es aber mit „Deutschlands gefährlichste Wölfin“ zu tun. Das Tier sei „unwahrscheinlich lernfähig“. Man habe die Zäune nach den ersten Angriffen zunächst von 90 Zentimetern auf 1,05 Meter aufgerüstet. Dann habe man auf 1,20 Meter aufgestockt, mit einem Flatterband, das der Wölfin zusätzliche Signale geben sollte – „das hat nichts gebracht“. Inzwischen sei das Tier auch schon über 1,50 Meter hohe Zäune gesprungen.

Thüringer Politik bittet in Berlin und Brüssel um Hilfe

Die Frage, ob der Wolf in die Natur Mitteldeutschlands gehört, verneint Schafzüchter Steuding: „Eigentlich gehört er hier in diese dicht besiedelten Gebiete Mitteleuropas nicht mehr her. Wir haben genug Ausweichflächen für den Wolf in Nordeuropa, Sibirien, Nordamerika. Ich glaube, dass er eigentlich vom Aussterben nicht bedroht ist.“

Die Thüringer Landesregierung sagt: So gut es ist, dass mehr und mehr Wölfe in ihre ursprünglichen Verbreitungsgebiete zurückkehren – man muss auch die Ängste der Landwirte ernst nehmen. Im September hat man in Erfurt deswegen Hilfe vom Bund und der Europäischen Union angefordert. In einem Brief des Thüringer Umweltministeriums an Bundesumweltministerin Svenja Schulze heißt es, Weidetierhalter sollten beim Schutz ihrer Herden unterstützt und klare Regeln zum Abschuss sogenannter "Problemwölfe" aufgestellt werden.

Nur so könne gewährleistet werden, dass der Wolf von den Menschen auch akzeptiert werde.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP - Die Themen des Tages | 16. Oktober 2020 | 19:20 Uhr

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