Angst vor Spritzen: Das hilft Betroffenen wirklich

Niemand bekommt gern eine Spritze. Aber bei manchen von uns ist die Angst vor dem Pieks ein echtes Problem, das sie im Zweifel auch vom Impfen abhält. Zum Glück lässt sich dagegen etwas tun.

Spritzen in einer Schale.
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Sachsen ist das absolute Schlusslicht bei den Impfungen gegen das Corona-Virus. Auch Thüringen und Sachsen-Anhalt gehören zu den Bundesländern mit der niedrigsten Corona-Impfquote in Deutschland. Natürlich gibt es viele Gründe, warum sich Menschen nicht impfen lassen. Das können medizinische Gründe sein, fehlendes Interesse, falsche Risikoeinschätzungen und sicher oft genug auch Trotz, weil man sich irgendwie bevormundet fühlt. Doch in manchen Fällen dürfte auch eine sogenannte Spritzenphobie eine Rolle spielen, also eine panische Angst vor Spritzen.

Jeder Fünfte könnte betroffen sein

Trypanophobie ist eine echte psychische Erkrankung. So lautet der Fachbegriff für die Angst, unter der verblüffend viele Menschen leiden. Fachleute gehen davon aus, dass im Kindes- und jungen Erwachsenenalter die Zahl der Betroffenen bei bis zu 20 Prozent liegen könnte. Über die gesamte menschliche Lebensspanne sinkt der Wert dann auf etwa drei Prozent der Bevölkerung. Das liegt daran, dass sich das Problem mit steigendem Alter normalerweise deutlich bessert. Aber was, wenn nicht?

Mini-Therapie gegen Angst: Besserung schon in sechs Sitzungen

„Wenn man so viel Panik hat, dass man Impfungen meidet, sollte man sich auf jeden Fall professionelle Hilfe suchen“, sagt der Psychologe Ubald Hullin aus Stuttgart.
Am Max-Planck-Institut (MPI) für Psychiatrie in München haben Expertinnen und Experten ein Therapie-Kurzprogramm ausgearbeitet, das Menschen mit einer Spritzenphobie helfen soll, ihre Ängste zu kontrollieren. Die Besserungschancen seien dabei durchaus gut, heißt es dort. Rund 90 Prozent der Teilnehmer würden das Programm mit einer Impfung oder einer Blutabnahme verlassen. Sie hätten dann vielleicht trotzdem noch Angst vor Spritzen, wüssten aber, wie sie damit umgehen. „In der Regel lässt sich das gut und schnell behandeln”, sagt auch der Göttinger Angstforscher Borwin Bandelow.

Wie funktioniert das Ganze nun aber?

Die Therapeuten führen ihre Patienten schrittweise an das angstmachende Ereignis heran und konfrontieren sie damit. Das heißt, sie sehen sich zunächst gemeinsam Bilder und dann Filme der Situation an - bis sie so weit sind, eine Spritze zu erhalten oder gepikst zu werden. Nötig sind normalerweise sechs Sitzungen. Die Kurzintervention sei sehr wirksam, sagt Angelika Erhardt, Leiterin der Ambulanz am Institut:

Auch wenn die Angst danach nicht komplett weg ist, sind Impfungen oder andere Interventionen in der Regel gut durchführbar.

Vertrauen haben hilft

Gut, nun können wahrscheinlich die wenigsten von uns einfach mal für ein paar Tage nach München. Was gibt es also noch? Ein scheinbar simpler, aber sehr wirksamer Tipp für Betroffene ist aus Sicht von Experten auf jeden Fall, mit dem betreffenden Arzt über das Problem zu sprechen. „Je stärker die Vertrauensbasis ist und je fürsorglicher die Vorgespräche laufen“, sagt Enno Maaß, stellvertretender Bundesvorsitzender der Deutschen Psychotherapeutenvereinigung, „desto eher ist man bereit, sich in der Situation auch anzuvertrauen und Ängste zu überwinden.“

Offenheit ist das A und O

Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt kann beruhigend wirken (Symbolbild)
Ein ausführliches Gespräch mit dem Arzt kann beruhigend wirken (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Wenn das medizinische Personal Bescheid weiß, können die zumindest ein paar Ablenkungstricks versuchen – und besonders lange dauert der Piks ja eh nicht. Und hinschauen muss schließlich auch niemand! Auch Atemtechniken können einem helfen, sich zu beruhigen: Langsam tief einatmen, bis drei zählen - und dann zehn Sekunden lang langsam ausatmen. Der Psychologe Hullin kennt noch einen weiteren Kniff. Und in diesem Fall ist das ganz wörtlich zu verstehen! Es kann nämlich hilfreich sein, sich im entscheidenden Moment in den Oberschenkel zu kneifen.

Dann ist die Aufmerksamkeit auf zwei Schmerzstellen gerichtet und der Piks nicht mehr so spürbar.

Nicht ohnmächtig werden beim Spritzen

Wenn das Leiden aber so schlimm ist, dass eine Ohnmacht droht, gibt es auch eine ganz konkrete Handlungsempfehlung: Das Bewusstsein schwindet nämlich aus einem bestimmten Grund: Beim Setzen der Nadel steigen nämlich Blutdruck und Pulsfrequenz heftig an. Dann aber entspannen sich die Gefäße der Muskulatur plötzlich, der Blutdruck sinkt, das Gehirn ist kurzzeitig unterversorgt - und der oder die Betroffene verliert das Bewusstsein.
Dagegen hilft die sogenannte angewandte Anspannung: Dazu werden pumpend-rhythmisch die Muskeln des Arms angespannt, in den die Spritze nicht gesetzt wird. Dasselbe macht man mit den Beinen. Dadurch kann der Blutdruck nicht ganz so stark abfallen, die Ohnmacht ist abgewendet. Die Spritze ist drin und darum geht es ja.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP Nachrichten | 12. Oktober 2021 | 14:00 Uhr

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