Stimmt es, dass der Corona-Impfstoff unser Erbgut verändert?

Noch ist kein Corona-Impfstoff zugelassen – doch allein die Aussicht darauf, dass es bald soweit sein könnte, macht vielen Menschen gute Laune. Aber nicht allen. Sie befürchten, dass manche der geplanten Impfstoffe in unser Erbgut eingreifen. Was ist da dran?

Ein Testimpfstoff gegen COVID-19 in der Moskauer N62-Ambulanz in einer Testphase nach der Registrierung
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Zugegeben, es klingt wirklich ein bisschen wie aus einem Science-Fiction-Film: Ein Mensch bekommt eine Spritze, darin befinden sich winzige Stücke von Erbinformationen. In den Zellen des oder der Geimpften sollen diese Partikel dann die Produktion eines bestimmten Antigens auslösen – und dem Körper damit eine Infektion vorgaukeln. Das Immunsystem soll daraufhin neutralisierende Antikörper und andere spezifische Immunzellen gegen das vermeintliche Virus bilden. Es wäre damit für den Fall vorbereitet, dass tatsächlich einmal ein Erreger in den Körper kommt.

Mit der mRNA-Technologie kann der menschliche Körper seine eigene Medizin herstellen

Ein Mann pipettiert in einem Labor des biopharmazeutischen Unternehmens Curevac eine blaue Flüssigkeit.
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So wirbt es das Biotech-Unternehmen Curevac. Denn mit genau mit diesem Mechanismus sollen einige der aktuell in Tests erfolgreichen Corona-Impfstoffe arbeiten, zum Beispiel die Präparate der Unternehmen Biontech/Pfizer, Moderna und Curevac. Experten sprechen von sogenannten mRNA-Impfstoffen. Die Abkürzung mRNA steht für den englischen Begriff messenger RNA, zu deutsch Boten-RNA.

Nun haben einige Menschen Angst. Sie stellen sich die Frage: Wenn mir für die Impfung Erbgut-Bestandteile gespritzt werden, wird dann nicht auch mein Erbgut verändert? Und wer mit diesem Verdacht ein bisschen herumgoogelt, der könnte das in der Tat glauben. So behauptet zum Beispiel die erzkonservative US-Journalistin Emerald Robinson, der Impfstoff greife tatsächlich ins menschliche Genom ein.

Von Strickleitern und einfachen Stricken

Doch das ist Unsinn. Um zu verstehen, warum das so ist, machen wir jetzt mal etwas, das sich ein bisschen wie damals die Bio-Stunden in der Schule anfühlen könnte. Aber es geht gar nicht lange – versprochen! Die wichtigste Info vorab: Unser Erbgut, die DNA, ist im Zellkern gespeichert. Die Struktur der DNA kann man sich dabei wie eine Art Strickleiter vorstellen. Und die gespritzten RNA-Partikel kommen gar nicht in den Zellkern rein.

Sie werden stattdessen in einem anderen Teil der Zelle verwendet, den sogenannten Ribosomen. Dort – und nur dort - dienen sie als Bauplan für die Antigene. Außerdem haben sie eine andere Struktur als die DNA. Wenn wir mal in dem Bild mit der Strickleiter bleiben: RNA ist keine Strickleiter, sondern – vereinfacht gesprochen - nur ein Strick.

Die mRNAs, die wir verabreichen, die gelangen in unsere Zellen und dort gelangen sie an die sogenannten Ribosomen, wo dann die Eiweiße zusammengesetzt werden

erklärt der Infektiologe Leif Erik Sander von der Charité in Berlin. „Sie gelangen aber nicht in den Zellkern.“

Zulassungsbehörde gibt Entwarnung

Eine Integration von RNA in DNA ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur nicht möglich

schreibt auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland als Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel zuständig ist. Und weiter:

Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass die von den Körperzellen nach der Impfung aufgenommen mRNA in DNA umgeschrieben wird.

Etwas platt ausgedrückt: Wenn ihr im Hobbykeller eine Strickleiter liegen habt, dann kann die nicht dadurch verlängert werden, dass jemand mit einem Schnürsenkel in der Hand durch den Hausflur läuft. Etwas wissenschaftlicher hat es der Chef der Ständigen Impfkommission, Thomas Mertens, im Gespräch mit MDR AKTUELL erklärt: Es gebe keine Hinweise darauf, dass der Wirkstoff die DNA der Menschen verändere.

Und PEI-Chef Klaus Cichutek sagt:

Warnungen vor Erbgutschäden sind falsch und verursachen unbegründete Ängste.

Befürchtungen, mRNA-Impfstoffe könnten das Erbmaterial des Menschen verändern, „entsprechen nicht dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand“, so Cichutek.

Zwar wäre es theoretisch wohl möglich, dass andere bereits im Körper vorhandene Viren – HIV zum Beispiel - die durch die Impfung in die Zelle gebrachte mRNA in einer bestimmten Zelle auch in DNA umschreiben könnten. Eine solche Umschreibung wird jedoch nicht beobachtet. Und wenn, dann wäre nur diese eine Zelle betroffen – so wie sie auch durch die Folgen von UV-Strahlung oder Rauchen von einer geringfügigen DNA-Mutation betroffen sein könnte.

Umhüllung aus Fett

Forscher Mark Lynas von der Cornell University in den USA sagt ebenfalls: Die Behauptung, das mRNA-Impfungen die menschliche DNA veränderten sei „nur ein Mythos, der oft absichtlich von Impfgegnern verbreitet wird, um absichtlich Verwirrung und Misstrauen zu produzieren". Genetische Modifikation, so sagt Lynas, würde „die absichtliche Einfügung fremder DNA in den Kern einer menschlichen Zelle beinhalten, und Impfstoffe tun dies einfach nicht“.

Nun ist es aber so, dass es vor Corona noch keinen einsatzfähigen mRNA-Impfstoff beim Menschen gab. Dabei haben zahlreiche Firmen seit Jahren daran gearbeitet. Ist das vielleicht doch ein Hinweis darauf, dass es da ein Problem gibt? Nicht wirklich. Das Problem war eher, dass die mRNA durch überall vorhandene Ribonukleasen eigentlich sehr rasch abgebaut wird. Die Forscher mussten also lange überlegen, wie sie sie überhaupt so stabil bekommen, dass man sie therapeutisch nutzen kann. Dafür kommt nun eine Umhüllung der mRNA mit winzigen Fettmolekülen zu Einsatz, als eine Art Schutzumschlag.

Dass es mit dem Corona-Impfstoff jetzt so schnell ging, liegt auch an den jahrelangen Vorarbeiten zum Thema. „Es gibt schon Erfahrungen mit mRNA-Impfstoffen beim Menschen im Rahmen klinischer Prüfungen, etwa mit einem therapeutischen Tumorimpfstoff“, sagt auch PEI-Chef Cichutek.

Dabei haben sich keine besorgniserregenden Nebenwirkungen gezeigt. Auch bei umfangreichen Tierversuchen mit mRNA-Impfstoffen gab es keine Hinweise auf schwere Nebenwirkungen oder Schäden.

Der Vorteil bei mRNA-Impfstoffen: Für jeden geimpften Menschen sind nur Millionstel von Gramm an mRNA nötig. „Das heißt, wenige Kilogramm mRNA-Wirkstoff könnten ausreichen, um viele Millionen Menschen zu impfen“, so Biontech-Chef Ugur Sahin.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 28. November 2020 | 13:10 Uhr

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