Warum keine Angst vor AstraZeneca?

Der Corona-Impfstoff von AstraZeneca ist immer wieder in den Schlagzeilen. Seiner Beliebtheit tut das aber offenbar keinen Abbruch. Und das hat einen guten Grund, wie ein Angstforscher erklärt.

Ärztin in Magdeburg präpariert Spritze mit Astrazeneca-Impfstoff
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Der große Erfolg kam wohl einigermaßen überraschend. Am 2. April hatte die Stadt Magdeburg folgende Ankündigung gemacht: Wer über 60 Jahre alt ist, kann sich ohne große bürokratische Hürden mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca impfen lassen. Nötig war nur eine Terminbuchung nach dem 6. April. Interessentinnen und Interessenten mussten dabei nicht zwingend aus der Stadt kommen, sondern konnten auch im Rest von Sachsen-Anhalt wohnen.

AstraZeneca – wegen sehr seltener Nebenwirkungen, bei denen ein Blutgerinnsel eine Ader im Gehirn verschließt, war der Impfstoff ja zuletzt wieder massiv in den Schlagzeilen. Doch ganz offensichtlich haben die Menschen in Sachsen-Anhalt davor zumindest weniger Sorgen als vor den möglichen Folgen einer Covid-19-Infektion. Daher gab es einen großen Ansturm auf das Angebot in Magdeburg – so groß, dass die Stadt schon am zweiten Tag der Aktion ein Stück weit zurückrudern musste: Ab 12. April sollen nurmehr Einwohnerinnen und Einwohner der Landeshauptstadt das Angebot im Impfzentrum wahrnehmen können.

Bis zu fünf Stunden in der Warteschlange

Die Geschichte belegt ein ziemlich interessantes Phänomen: Der AstraZeneca-Impfstoff ist ja nicht zum ersten Mal in der öffentlichen Diskussion. Und trotzdem gibt es offenbar viele Menschen, die das gar nicht stört – weil sie auf die von den Zulassungsbehörden gemachten Aussagen zur Schutzwirkung vor Corona vertrauen und sich von dem Rest keine Angst machen lassen. So gibt es zum Beispiel auch aus Wismar in Mecklenburg-Vorpommern Berichte, wonach Menschen am Ostermontag bis zu fünf Stunden Wartezeit in Kauf genommen haben, um eine AstraZeneca-Impfung ohne Termin zu bekommen.

Der Angstforscher Borwin Bandelow von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin in Göttingen erklärt das so: „Ältere Leute, also ab 60 Jahren ungefähr, sind weniger ängstlich. Das hat sich auch noch einmal in Umfragen während der Krise gezeigt, dass die ängstlichsten Leute zwischen 30 und 50 Jahre alt sind.“ Unrealistische Ängste würden mit dem Älter weniger werden, so der Mediziner. „Das heißt, die über 60-Jährigen sagen sich: Ich bin allein aufgrund meines Alters Risikopatient und sollte mich jetzt möglichst rasch impfen lassen. Eine Impfung mit Astrazeneca wäre schlau, da die Chance, dass ich als über 60-Jähriger eine Sinusvenenthrombose bekomme, sehr gering ist.“

Der Forscher verweist darauf, dass die betreffenden Blutgerinnsel in der Hirnvene extrem selten auftreten. Die Wahrscheinlichkeit, davon betroffen zu sein, sei etwa eins zu 100.000 oder geringer. „Wenn man solche Risiken generell vermeiden will, dürfte man gar nicht mehr ohne Sturzhelm aus dem Haus gehen oder dürfte auch nicht Auto fahren“, so Bandelow.

Impfgegner schaffen es nicht, das Risiko richtig abzuschätzen

Der Wissenschaftler geht nach eigenen Angaben davon aus, dass aktuell etwa 85 Prozent der Deutschen eine realistische Einschätzung des Corona-Risikos haben. Konkret heißt das, dass es ein Bewusstsein dafür gibt, dass es einerseits eine reale Gefahr durch die Pandemie gibt, diese andererseits aber durch Vorsichtsmaßnahmen kontrolliert werden kann. Wenig sinnvoll sei es dagegen, lieber auf einen anderen Impfstoff als AstraZeneca zu warten, so Bandelow. „Den bekommt man vielleicht erst in drei Monaten. In dieser Zeit besteht dann das Risiko, selbst zu erkranken oder andere anzustecken.“

Impfgegner scheiterten dagegen an der Aufgabe, das Risiko realistisch einzuschätzen – weil sie nur das Impfrisiko im Blick haben. Bandelow macht daher folgende Rechnung auf: „Niemand würde sich in ein Flugzeug setzen, wo die Chance abzustürzen 2000-mal höher ist als bei einem anderen Flugzeug. Genau das machen aber Menschen, die sich gegen das Impfen entscheiden.“

Dieses Thema im Programm MDR JUMP am Wochenende | 11. April 2021 | 06:15 Uhr

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