Warum Schweden in Corona-Zeiten cool bleibt

26.03.2020 | 11:15 Uhr

2020 n. Chr. – ganz Europa ist fest im Griff der Corona-Krise. Ganz Europa? Nein. Ein großes Land hoch oben im Norden bleibt entspannt: Schweden. MDR JUMP-Redakteurin Christiane Luft ist seit ein paar Tagen bei unseren Nachbarn im Norden unterwegs und berichtet von ihren ganz persönlichen Eindrücken.

Eine Menschengruppe ist in einer Innenstadt unterwegs, man sieht links und rechts Läden, in der Mitte die Einkaufsstraße mit der Menschengruppe
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Wenn man dieser Tage in Schweden unterwegs ist, so wie ich, könnte man meinen, dass es das weltweit grassierende Corona-Virus gar nicht gibt. Grundschulen und Kindergärten, Restaurants, Klamottenläden sind geöffnet. Die Kinder gehen zum Gymnastik- oder Fußballtraining. Ski-Anlagen sind geöffnet. Das öffentliche Leben läuft scheinbar normal. Nehmen die Schweden das Virus nicht ernst? Sind sie leichtfertig?

Großstädter flüchten aufs Land

Es gibt die Bilder von Stockholmern, die dicht gedrängt im Café die Frühlingssonne genießen. Und die Befürchtung, dass sie alle sich mit dem neuartigen Coronavirus anstecken. Doch es gibt auch viele Großstädter, die sich jetzt aufs Land zurückziehen. Viele haben irgendwo eine kleine Hütte und machen dort verlängerte Osterferien. Auf meiner Reise durch Schweden habe ich viele Wohnwagen gesehen, die normalerweise erst im Sommer die Autobahnen füllen. Hinzu kommt, dass die Mehrheit der Schweden ohnehin sehr ländlich wohnt. Das heißt, Abstand voneinander halten ist für viele normaler Alltag. In Cafés sitzen dagegen nicht.

Vorsichtsmaßnahmen gelten auch hier

schneebedeckter Strand mit zwei Häuschen an der Seite, eins Gelb, eins rot, im Hintergrund Berge
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Auch in Schweden wurden in den vergangenen Tagen zahlreiche Maßnahmen erlassen, um die Verbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. Aktuell sind in Schweden etwa 2200 Menschen positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden. 36 Menschen sind bisher an dem Virus gestorben. Daher ist nun das Gebot der Stunde: Kontakt mit Menschen der Risikogruppe vermeiden. Jeder, der älter als 70 ist oder eine schwere Vorerkrankung hat, soll zu Hause bleiben. Es gelten Besuchsverbote in Krankenhäusern und vielen Altersheimen. Wer sich auch nur ansatzweise krank fühlt, soll freiwillig in Quarantäne gehen. Menschenansammlungen sind zu vermeiden. In Restaurants wird Essen nur noch am Tisch serviert. In vielen schwedischen Gaststätten gibt es üblicherweise Buffets wo man sich selbst bedient und dann an der Kasse Schlange steht, um zu bezahlen. Das ist vorbei. Auch die viel gescholtenen Apres-Ski-Parties, die noch vergangenes Wochenende im beliebten Skiort Åre gefeiert wurden, sind nun verboten. Universitäten und Berufsschulen sind geschlossen, Schüler der Gymnasialstufe (Klasse 10 bis 12) lernen von zu Hause aus. Volvo mit 25.000 Mitarbeitern in Schweden hat dicht gemacht. Reisen sollen möglichst unterlassen werden, der öffentliche Verkehr wurde stark eingeschränkt. Ins Land dürfen nur noch EU-Bürger mit triftigem Grund. Auch ich habe bei der Einreise zum ersten Mal in den 14 Jahren, die ich regelmäßig nach Schweden reise, eine Grenzkontrolle erlebt und bin gefragt worden, was ich hier eigentlich will.

Appell an Eigenverantwortung statt Verbote

Mein Eindruck ist, dass die Schweden das Gefühl haben, sie können durch ihr Verhalten die Dynamik der Virusverbreitung mitgestalten und jeder Einzelne ist dazu angehalten, mitzumachen. An jeder noch so kleinen Tankstelle hängen Warnhinweise auf den Toiletten. Dort sind die bekannten Verhaltensregeln mit Händewaschen, Kontaktvermeidung, usw. aufgeführt. Auch der Unterschied zwischen Covid-19 und Influenza wird ausführlich erklärt. Im Radio gibt es wie bei uns Sprechstunden zu Corona. Die Schweden sind sehr informiert und sich der Gefahr des Virus bewusst, so mein Eindruck.

Schwedische Mentalität hilft in Corona-Krise

Was ich erlebe: Die Schweden neigen generell zur Gelassenheit. Auch jetzt in einer solchen Krisensituation verhalten sie sich ruhig und besonnen. Außerdem haben sie recht großes Vertrauen in die Regierung. Ihr Verhalten, das ich in den drei Jahren, die ich hier gelebt habe, manchmal als übertrieben obrigkeitshörig empfunden habe, sehe ich jetzt in der Corona-Krise als Vorteil der schwedischen Mentalität. Ihnen wird der Ernst der Lage erklärt und sie halten sich freiwillig an die Empfehlungen und ermahnen sich gegenseitig. Es gibt eine enorme Solidarität und soziale Kontrolle im Land. Die Menschen, denen ich begegne, tun gerade alles, um die Alten und Kranken zu schützen. Das heißt: keine Umarmungen, im Zweifel keine Besuche. Was den Schweden dabei zu Gute kommt ist, dass sie meist ohnehin etwas distanziert sind. Umarmungen bei der Begrüßung gibt es nur im allerengsten Freundes- und Familienkreis, Händeschütteln ist unüblich.

Viel Kritik an Regierung

Der schwedische Sonderweg ist dennoch umstritten. Auch innerhalb des Landes. Doch die Politik verweist auf den Rat der Gesundheitsbehörde. Und die empfiehlt derzeit noch keine strengeren Maßnahmen. Allerdings hat das Parlament einen Gesetzentwurf auf den Weg gebracht, der die Schließung von Grund- und Vorschulen erlaubt - falls dies notwendig werden sollte. Aktuell verweist man aber darauf, dass die Mamas und Papas in den Betrieben, vor allem aber im Gesundheitsbereich dringend als Arbeitskräfte gebraucht werden. Unterdessen wird die Gesundheitsbehörde im Internet mit Kritik und Hasskommentaren überhäuft: Sie setze Menschenleben aufs Spiel, lautet der Vorwurf.

Forderung: Ski-Orte sofort schließen

Skilift in Winterlandschaft
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Auch dass Skigebiete weiter geöffnet sind, ist vielen ein Dorn im Auge. Zu Ostern wird sogar ein Touristen-Ansturm in der Region Jämtland erwartet. Die für den sehr beliebten Skiort Åre zuständige Gesundheitsbehörde ist mehr als nervös. Die Anlagen sollten aus medizinischer Sicht sofort geschlossen werden. Es sei wichtig, dass man von den Erfahrungen anderer Skiorte in Europa lernt, wo sich die Infektion ausgebreitet hat, sagte eine Mitarbeiterin im staatlichen schwedischen Fernsehen. Davon abgesehen könnte ihr ärztliches Personal einen großen Ansturm an Patienten nicht bewältigen. Bleibt abzuwarten, ob es den großen Ansturm geben wird oder ob die Schweden sich auch hier eigenverantwortlich und solidarisch zeigen und Ostern ganz einfach zu Hause feiern.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 26. März 2020 | 13:15 Uhr

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