Corona: Sollen Eltern fürs Einkaufen ihre Kinder zu Hause lassen?

Zuletzt geändert: 27.03.2020 | 15:58 Uhr

Sicherheitsabstand, ein Kunde pro Einkaufswagen, möglichst einzeln einkaufen: So schützen Supermärkte, Drogerien und Apotheken ihre Mitarbeiter und Kunden vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus. Gleichzeitig müssen aber viele Mütter und Väter aktuell ihre Kinder zum Einkaufen nehmen. Im Alltag bringt das inzwischen Probleme.

Aushang im Fenster eines Geschäftes in Bremen
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Die Einlasskontrolle an einem EDEKA-Geschäft habe ihr erklärt, dass Kinder im Supermarkt nicht erlaubt sind. Das sei für sie als alleinerziehende Mutter einfach unmöglich und beim Sicherheitspersonal wollte sie ihr Kind nicht lassen: Die Nachricht einer jungen Mutter an den Sender Radio Hamburg sorgt gerade in sozialen Netzwerken und Eltern-Communitys im Internet für hitzige Diskussionen.

"Nur eine Person pro Hausstand darf rein"

Mutter mit Kind und Einkaufswagen im Supermarkt
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Der Geschäftsführer des EDEKA-Marktes begründete auf Nachfrage des Radiosenders die strenge Regel: Die geforderte Abstandsregel von anderthalb Metern sei in den vergangenen Tagen nicht eingehalten worden. Man habe daher zum Wohle der Mitarbeiter und der Kunden entschieden, grundsätzlich nur noch eine Person aus dem Hausstand in das Geschäft zu lassen. Später berichteten Hörer von ähnlichen Erlebnissen beim Einkaufen mit Kindern in anderen Geschäften. Bei Eltern sorgen solche Nachrichten für Verunsicherung: Sie wissen, dass nur ausreichend Abstand zu anderen die Verbreitung des Coronavirus bremsen kann. Diesen Abstand können kleine Kinder nicht immer einhalten. Eltern sehen zudem die Schilder an vielen Geschäften in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen mit der Bitte, nur einzeln einzutreten. Doch viele Mütter und Väter können nur Lebensmittel, Medikamente oder Drogerieartikel für die Familie kaufen, wenn sie ihre Kinder mitnehmen. Wir haben daher nachgefragt, was für das Einkaufen mit kleinen und großen Kindern gilt.

REWE: Die Ein-Kunde-pro-Einkaufswagen-Regel

Einkaufswagen auf dem Supermarktparktplatz
Einkaufswagen auf dem Supermarktparktplatz Bildrechte: imago / imago images / allOver-MEV

Die vom MDR angefragten Marktbetreiber antworteten einheitlich auf die Frage, ob es in Supermärkten Einschränkungen für Eltern mit Kindern gibt: So etwas sei bisher nicht bekannt und auch nicht gewollt. REWE-Sprecher Thomas Bonrath weist auf die Aufforderung von Behörden und Experten hin, möglichst zu Hause zu bleiben und so alle Kontakte zu anderen einzuschränken. Eltern sollten daher Kinder nur mit zum Einkaufen nehmen, wenn dies absolut erforderlich sei. Der REWE-Sprecher präzisiert die für manche Eltern etwas verwirrende Regel "Ein Einkaufswagen pro Kunde", mit der die Zahl der Kunden im Laden gesteuert wird:

Von der Ein-Personen-Regel als Kunde ist ausdrücklich ein Elternteil in Begleitung aufsichtspflichtiger Kinder ausgenommen. Diese Gruppe zählt als ein Kunde. Weitere Ausnahmen sind Blinde (mit/ohne Begleithund), Rollstuhlfahrer, Ältere mit Rollator oder auch Personen mit Gehhilfen, die nicht zwingend einen Einkaufswagen nehmen müssen und auch begleitet werden dürfen.

So halten es EDEKA und NETTO

Einkaufskontrollen an einem Supermarkt in Saarbrücken
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Auch EDEKA spricht keine generellen Zugangsbeschränkungen für bestimmte Gruppen wie etwa Eltern mit Kindern aus, so die für Sachsen und Thüringen zuständige Sprecherin Stefanie Schmitt auf MDR-Anfrage. Dazu sei ihr bisher keine Anordnung der Behörden bekannt. Zu EDEKA gehörten allerdings auch selbstständige Kaufleute. Die betreiben manchmal kleinere Lebensmittelgeschäfte und könnten für diese zusätzliche Einschränkungen beschließen. Netto-Sprecherin Christina Stylianou weist in ihrer Antwort noch einmal auf die Verordnung einiger Landkreise und Städte hin, die Zahl der Kunden mit Blick auf die vorhandene Verkaufsfläche zu begrenzen. Das mache man in viel besuchten Filialen mit Einlasskontrollen. Aber, so sagt sie:

Es gibt keine Einlassbeschränkung für Kinder in unseren Filialen.

ALDI-Sprecher Michael Strothoff verweist in seiner Antwort ebenfalls auf die Regeln zur Zahl der Kunden in den Supermärkten: Die Zahlen könnten die Mitarbeiter einfacher kontrollieren, wenn sie nur so viele Einkaufswagen ausgeben wie sich Kunden im Markt aufhalten dürfen. Der ALDI-Sprecher betont noch einmal:

In unseren Märkten sind weiterhin alle Kunden willkommen - das gilt selbstverständlich auch für Eltern mit Kindern oder in der Mobilität eingeschränkte Personen.

Keine offizielle Regelung für Einkaufen mit Kindern

In Sachsen-Anhalt ist in den Hygiene-Verordnungen derzeit nicht geregelt, ob Kinder mit ihren Eltern oder sogar allein einkaufen gehen dürfen. So eine Regel sei derzeit auch nicht geplant, so das zuständige Ministerium für Arbeit, Soziales und Integration auf MDR-Anfrage. Sprecher Andreas Pinkert: "Allerdings sollten die physischen Kontakte mit anderen auf das absolut nötige Minimum reduziert werden. Wenn möglich, sollten Eltern ihre Kinder daher nicht mit zum Einkaufen nehmen. Rechtlich ist ein Aufenthalt im öffentlichen Raum mit Kindern aber zulässig." Drogerien, Apotheken oder auch Bäcker oder Fleischer dürften aber durchaus schärfere Regeln erlassen, so Andreas Pinkert:

Die Auflagen für den Handel zu Abstand, Einlasskontrolle und Hygiene  sind Mindestanforderungen. Als Hausrechtsinhaber dürfen die Unternehmen auch weitergehenden Regelungen erlassen.

Sind Zutrittsverbote für Kinder überhaupt erlaubt?

Auch in Sachsen und Thüringen ist es derzeit nicht verboten, Kinder in Supermärkte und andere noch offene Geschäfte zu lassen. Händler können zwar vereinfacht gesagt Kunden den Zutritt verwehren, wenn es dafür einen sachlichen, nachvollziehbaren Grund gibt. Der Kölner Jurist und Experte für Internetrecht Christian Solmecke sagt aber:  "Ob beispielsweise ein erhöhtes Ansteckungsrisiko durch Kinder oder der womöglich durch Kinder nicht einzuhaltende anderthalb Meter Abstand zu einem rechtmäßigen Ausschluss führt, ist rechtlich sicherlich diskutabel." Damit bleibt also aktuell offen, ob Händler Kindern den Zutritt verwehren dürfen. Darüber könnten nur die Gerichte entscheiden, sagt Christian Solmecke. Werden Eltern mit Kindern am Einlass abgewiesen, haben sie derzeit nur eine Möglichkeit:

Christian Solmecke
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In diesem Fall muss man mit dem Einkauf leider warten, bis eine Betreuung gegeben ist, oder man muss einen anderen Supermarkt aufsuchen.

"Derzeit dürfen nur Erwachsene abfüllen"

Die Unverpackt-Läden in den Leipziger Stadtteilen Schleußig und Südvorstadt gehören zu den Geschäften, die auf strengere Regeln setzen. Zum Schutz für alle. Kunden bringen eigene Gefäße für Reis, Nudeln, Kaffee, Seife und andere Waren mit und füllen die auf. Dabei ist es aktuell besonders wichtig, dass alle auf Hygiene achten. Auf einem liebevoll selbstgemalten Schild vor dem Eingang steht: "Bitte beachtet, dass derzeit nur Erwachsene abfüllen dürfen" und "Bitte lasst eure Kinder nicht unbeaufsichtigt im Laden". Stefan vom Unverpackt-Laden Schleußig sagt:

Schild am EINFACH UNVERPACKT Leipzig Schleußig
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Wir lassen trotzdem Alleinerziehende mit Kindern rein. Oder Mütter mit zwei Kindern, die sie nicht allein zu Hause lassen können. Aber wir müssen eben auch drauf achten, dass unser kleiner Laden nicht zu voll wird und dass da nicht zu viele Menschen aufeinander sind.

Das könnte dann schwierig werden, wenn zu Zeiten mit viel Andrang auch noch Familien mit Kindern in den Laden kommen. Kleine Kinder verstehen möglicherweise die Bitte noch nicht, unverpackte Ware nicht anzufassen. Bisher reagierten aber alle Kunden mit viel Verständnis auf die Regeln:

Gestern war eine Familie da. Die Frau hat eingekauft, der Papa hatte das Kind auf den Schultern. Der ist dann wieder rausgegangen – weil sie beide gesagt haben: Hier ist es zu voll.

Dieses Thema im Programm MDR JUMP bei der Arbeit | 30. März 2020 | 10:05 Uhr

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